Skandinavien hat nicht nur die frische Musik mit Lindstrøm, Tilliander, Dahlbäck oder Annie, sondern auch den Stil-setzenden Fummel. Wir lassen uns von den Kopenhagener Designern WoodWood die Fäden auseinander dröseln.
Text: Timo Feldhaus & Tom Phat aus De:Bug 101


Mittendrin und voll daneben
Skandinavische Mode mit WoodWood

Skandinavien war schon immer groß in Mode. Das war nur eine Mode, die man nicht bemerkte. Tretorn, Marc’O Polo, Filippa K., selbst J. Lindeberg hielten und halten so ängstlich auf eine gediegene Zurückhaltung, um nur nicht mit Pippi Langstrumpf oder dem Freistaat Christiania in Verbindung gebracht zu werden, dass man sie gar nicht wahrnimmt. Viele wissen das zu schätzen. Viele wollen ja auch einfach nur in Ruhe gelassen werden.
Aber seit drei, vier Jahren wird eine neue Generation Modedesigner aus Skandinavien immer unübersehbarer, die einen wichtigen Unterschied entdeckt: den zwischen stylischer Gediegenheit und piefiger Gediegenheit. Die Neokon-Kultiviertheit einer Marke wie APC, die intellektuelle Dekonstruktion von Martin Margiela oder Hussein Chalayan und den zwangs-juvenilen Baggylook von Stüssy kann man fusionieren und damit eine aktuelle Streetwear-Sehnsucht bedienen: eben nicht nur wild zu sein und schön weit verbollert, sondern auch fein und schick, ohne je nach Weiße-Kragen-Business auszusehen.

Skandinavische Marken wie Henrik Vibskov, Helle Mardahl, WoodWood, CNTRL, Fifth Avenue Shoe Repair, Hart’Bo, WESC, Whyred, Acne, Stray Boys, Merde, Tiger of Sweden oder Nudie (eine unvollständige Liste) arbeiten mit unterschiedlicher Gewichtung in diesem Bereich, der ohne einen inoffiziellen Ahnherren nicht zu denken wäre: Bernhard Willhelm.
Der deutsche Designer, der in Holland arbeitet und den sprichwörtlichen Ruf der Königlich Antwerpener Modeschule entscheidend mitgeprägt hat, hat mit seinen thematischen Kollektionen zwischen Comic und Couture wie kein anderer gezeigt, dass man anarcho UND edel aussehen kann, dass es ein fruchtbare Verbindung von Pariser Laufstegen und der Welt von Skatern, Sprayern und Straßenclowns gibt. Zusätzlich zu diesem exzentrisch-aufsprengenden Umgang mit traditionellen Modepraktiken zeichnet die Skandinavier ein professioneller Wille zum Machbaren und Tragbaren aus. Kopenhagen könnte man fast als die Casual-Variante von Antwerpen bezeichnen. Nicht umsonst hatte der Kopenhagener Henrik Vibskov bei der ”Ideal Fashion Show“, die während der Berliner Fashion Week junge und experimentelle Designer präsentierte, den meisten Applaus. Er setzte sich klar von den anderen Designern ab, seine Kollektion ist überraschend und extrem. Clowning und kostümierter Schabernack bleibt alles andere als gradlinig, lässt sich aber doch mehr, als man denkt, in dem offenbaren Trend zu klassischer Gediegenheit verhandeln. Rike Doepp von der kopenhagen-berlinerischen Mode-Agentur V, die Vibskov und WoodWood vertritt, meint:
”Die Dänen sind sehr grafisch, erfrischend und trauen sich was, aber auf der anderen Seite ist da eben auch der Gedanke: Sieht das auch im Alltag gut aus, wenn ich es anhabe? Den gibt es ja in Deutschland eigentlich gar nicht, hier ist es immer, wenn es künstlerisch sein soll, möglichst untragbar oder sauteuer. Die Skandinavier sind bezahlbar. Und dieser Aspekt, dass man das verstehen kann, was sie tun, und dass sie auch verstanden werden wollen, den gibt es hier nicht so.“

WoodWood

Diese Zugänglichkeit trifft auf WoodWood noch mehr zu als auf Vibskov. Nicht nur mit ihrer Kollektion, sondern auch mit ihren Läden stehen sie im Zentrum skandinavischer Mode. Den zweiten Laden haben sie gerade in Kopenhagen eröffnet. Dort ist eine sorgfältig-riesige Palette internationaler Brands vertreten: Bernhard Willhelm, Peter Jensen, Maharishi, Kim Jones, Acronym, Surrender, Silas, Henrik Vibskov, Iben Hoj, Izaak, Pferd & Baumgarten, Vadumsrum, Hope, Jenny Hellström, Ivana Helsinki und Nanso, aber auch Nike, New Balance und Comme des Garcons oder Martin Margiela. Was dort angeboten wird, kann man gerne als Referenz für die Mode von WoodWood ansehen, und viele der ausgelegten Designer sind fester Bestandteil des Hypes Skandinavien.
WoodWood haben sich 2002 in Kopenhagen gegründet. Die drei Designer sind nun durch eine Freundin erweitert, die die Frauenkollektion entworfen hat.
Chefdesigner Karl-Oskar Olsen hat als Writer angefangen, hat wie so viele der neuen Entwerfer zuerst als Graffitikünstler in dicken Sneakern Züge besprüht und die Stencils später auf T-Shirts und komisch geschnittene Pullover gedruckt. “Mit Sprayen hat alles angefangen. In den späten 80ern, Mitte der 90er habe ich dann aufgehört, weil ich nicht noch mal in so einem Loch mit Gittern vor den Fenstern landen wollte. Aber diese Energie ist immer noch in WoodWood enthalten.“
Karl-Oskars Mutter hat ihm als Teenie das Buch “Subway Art“ von Martha Cooper mitgebracht (DIE Bibel der Streetwear-Designer, siehe auch Marc Ecko), weil er einfach ständig gemalt hat, dann lief ”Stylewarz“ im Kino und schon war er verloren. Lustigerweise hat seine Mutter ihm dann auch den ersten Stift gekauft und ist wach geblieben, als der Junge um die Häuser strich.
“Ein Merkmal von WoodWood ist sicher die klare Erkennbarkeit, jedoch ändert sich das auch. Unsere grafischen Zeichen kreisen nicht mehr so sehr um etwas wie Realness, es geht eher um Transparenz. Unser Logo ist so ein Verweis auf die Vergangenheit: Zwei Zeichen des Graffiti werden kombiniert zu einem, der Pfeil und der Himmel zu einer einfachen und simplen Form gebracht.“ Mit ihrem Schritt zu mehr Schneiderei und weniger Druckerei stehen sie stellvertretend für einen ganzen Trend. “Klar sind die Prints immer noch wichtig, aber wir haben lange alles sehr voll gemacht. Ich freue mich immer noch über jedes neue Item, aber es ging jetzt mehr darum, eine zusammenhängende Kollektion zu fertigen, in der die Prints eben nicht ausschließlicher Ausgangspunkt waren. Indem wir uns da freier gemacht haben, wurde der Blick automatisch weiter: Man achtet eben mehr auf Schnitte, genaue Stoffauswahl, solche Dinge.“
Damit sind sie mittlerweile bis zum Handverlesenen-Kaufhaus ”Colette“ in Paris gelangt. (In Deutschland ist WoodWood leider bis jetzt nur im ”Bestshop“ in Berlin zu haben.) Und weil die jungen Wilden auch Sneaker-Fans sind, haben WoodWood jüngst mit Adidas zusammengearbeitet und im Rahmen von Adicolor (Wir bringen den 80er-Jahre-Schuh zum Selbstmalen wieder raus und lassen Designer ran) ihren eigenen Schuh designt. ”Bei dem, was wir tun, kommt es sehr auf Attitüde an, jeder hat bestimmte Schuhe an. Wenn wir ein Angebot bekommen, schauen wir, was geboten wird. Wir wollen nicht underground bleiben, wir wollen es nur in uns behalten.“

Und jetzt alle …

Will man eine Schnittmenge der skandinavischen Designer pointieren, ist es die freundlich offene Verschrobenheit, die Vermittelbarkeit, gepaart mit für lockere Subkultur-Bereiche untypischer Professionalität und Marketingstrategien, die den Reiz der neuen Brands ausmacht.
Karl-Oskar: “Vibskov, Peter Jensen und Camilla Stuck kommen von der Modeschule aus London und haben einen frischen Wind mitgebracht, gerade auch was Marketing angeht. Eine neue Art, mit Mode umzugehen, sie zu promoten und progressiv nach draußen zu gehen.“
Und so erzählen die skandinavischen Kollektionen zwar von euphorischer Erneuerung und zwangloser Stilvielfalt, aber gerade auch von Reduktion, von Pragmatismus und dem schizophrenen Versuch einer Aussöhnung von Konservatismus und Jugendlichkeit.

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Elektronische Lebensaspekte.