Realnetworks hat nun, wie bereits erwartet wurde, die Netscape-Karte gezogen. Warum, zeigt auch der Börsen-Chart. Im zweiten Teil der dunklen Broadband-Saga geht es um nicht weniger als die blendende digitale Zukunft.
Text: Pit Schultz aus De:Bug 63

Die Breitband Ballade
Teil II

Superhighway Bandwidth Blues

Die Beantwortung der Frage “Wo ist die unbegrenzte Bandbreite, die ihr uns versprochen habt?”, fällt heute leichter als je zuvor. Sie liegt begraben unter den Straßen der Städte und wartet in den Tiefen der Ozeane darauf angeschaltet zu werden. “Dark Fibre” nennt man die ungenutzten Glasfaserkabel, die in privater Hand mit entsprechenden physikalischen Optimierungen ein Vielfaches der heutigen Anforderungen erfüllen. Es gibt genug Bandbreite für alle und noch mehr als das – sofern sich gleichzeitig neue Märkte finden. Jeder neue Markt entwickelt sich aber auch auf Kosten eines alten Marktes, dieser war jedoch nicht naiv genug, sich ganz von seinen Pfründen zu trennen und alles im Dot.com-Pyramidenspiel zu versetzen. Die Neue Ökonomie des “Telecosmos” war nicht darauf ausgerichtet, die Ressourcen wirklich optimal zu verteilen und effizient auszunutzen, sondern viel eher, die Visionen der Venture Capitalists anzuregen.

General Magic

So bauten die Infrastrukturen der Netzökonomie auf einer modernen Magie der radikalen Neuheit, die letztlich auf hitzige Gigantomanie setzte und auf kühles Rechnen. Einer der führenden Technoekstatiker und Architekten des Dotcom-Hype ist George Gilder, der zusammen mit dem Republikaner Newt Gingrich und dem rechts-liberalen Think Tank der “Progress and Freedom Foundation” (sowie einer Vielzahl an Consultants und Accountants) einen Mythos geschaffen hat. Einen Mythos, der die Einführung von Eisenbahn, Elektrizität und Atomkraft in den Schatten stellen sollte: FIBER OPTICS, GLOBAL NETWORK, WIRELESS, LAST MILE, STOREWIDTH, LAN-MAN-WAN waren noch die anschaulicheren Schlagworte. Was in diesen Tagen mit dem Ende von Worldcom/UUnet endgültig zusammenbricht, ist ein bombastisches Netzutopia, das nicht nur als finanzielle Spekulationsblase zur Jahrtausendwende, sondern materiell in Form von Kabeln, Routern, Switches und Admins darauf wartet, Unmengen von Daten zu übertragen, die momentan keiner bezahlen kann oder will.

Reclaim the Backbones

Es ist einer jener Momente, in denen es nicht viel braucht, um z.B. die Internetgeschichte dort weiter zu verfolgen, wo sie begann schief zu laufen: ca. 1995 nach der Privatisierung der NSI Backbones. Eine Rückübereignung der ungenutzten Infrastruktur in öffentliche Hand und die damit notwendige Strukturreform des Copyrights wäre jedenfalls wünschenswerter als ein Oligopol der wenigen übriggebliebenen Global Players, die nun Netzinfrastruktur wie auch Patente zum Schrottpreis übernehmen und zwischen sich aufteilen können. Die absurden Anstrengungen der Bush-Adminstration wie auch der von Lobbyisten kontrollierte EU-Politik lässt immerhin noch ein wenig Hoffnung für derartige Träume zu. Möglicherweise muss es der (neuen) Wirtschaft noch erheblich schlechter gehen, bis richtige Reformen eines “New Internet Deal” stattfinden.

Breitbandsport

Dass es bisher nicht zu jenen radikal neuen Anwendungen kam, welche die Zeitraumordnung außer Kraft setzen und das Zentrum an die Peripherie befördern, um das totale “Outsourcing” und die globale “Hypercompetition” aller gegen alle zu ermöglichen, mag an der Schwierigkeit liegen, die Perspektive zu wechseln. Die neuen innovativen Anwendungen, die nicht nur Datenbestände, sondern auch deren Kontrolle über das Netz verteilten, entsprachen nicht den Erwartungen der Marktstrategen. Peer-to-Peer Netzwerke, Napster und Nachfahren sind ein direktes Produkt der weiteren Verbreitung von Breitbandanbindungen auf Endbenutzerebene, also sozusagen ‘aller’. Diese waren aber viel eher bereit, ihre Datenbestände zu tauschen und in Spielen gegeneinander anzutreten, denn sich als Komsumenten zu betätigen oder anständig arbeiten zu gehen. Beispielhaft hilflos war bisher das Vorgehen gegen Surfer und Mp3tauscher am Arbeitsplatz. Auch wenn die Telekom das A im ADSL stillschweigend wegließ, ist die übrigbleibende Upload-Bandbreite in der Summe groß genug, um die klassischen Distributionswege alleine auf der Kostenebene auszustechen. Ganz zu schweigen von der Leistung der Benutzer, weitere Zusatzwerte wie Auswahl, Metadaten, Fanpages, Links und Remixes beizusteuern. Im Taumel der Börsengewinne fand die Subventionierung von Breitbanddiensten unter vager Zustimmung der Musik und Filmindustrie statt, die auf UMTS, Video-on-Demand, allgemeine Portalisierung und neue digitale Verwertung setzten. Mittlerweile ist klar, dass das “Internet95” der Feind des Marktes ist, weil es den Usern selbst zu viele Freiheiten lässt, sich kollektiv in eigenem Interesse zu organisieren.

Copyfight Clubs

Statt das digitale Eigentumsmodell selbst neu in Frage zu stellen und z.B. je nach Benutzungsform und Datentyp verschieden zu regeln, wird nach Wundermitteln in Form von Code gesucht. Mittels Digital Rights Management Systemen und zahllosen Gesetzen soll schrittweise der Freiheitsgrad der Distribution, aber auch der Meinungsäußerung, der Gestaltung der Privatsphäre wie auch dem Teilen von Wissen zugunsten eines Marktes kriminalisiert werden, der nicht bereit ist, sich auf die Herausforderungen der Digitalität auf schöpferische Weise zu stellen. (Die Mehrzahl der Dot-com-Businessmodelle war offensichtlich nicht besonders intelligent.) Das Ergebnis mag bedeuten, dass sich mit zunehmendem Druck ein “Digital Underground”, ein “elektronischer ziviler Ungehorsam” herausbildet, dem eine passive und affirmative Mehrheit gegenübersteht, die in “Freibiermentalität” den kurzen Sommer des Internets auskostet und sich darin gefällt, über die Industriebosse zu schimpfen, bis die nächste Massenmedienpanik ausbricht. Unter den Vorzeichen einer Angriffssituation muss eine Solidarität gegen das unbekannte Übel gefunden werden. Dieses könnte dann von außen kommen, einem fernen Ort wie Afghanistan, oder aber von innen heraus, dem Kern Amerikas, tendenziell aus den neuen digitalen Freiheiten selbst, die nun als Bedrohung dargestellt werden. Es läuft schließlich auf einen Kulturkampf hinaus, in dem die Businesskultur bereits offensichtlich an Glanz verloren hat. Wie lange wird es dauern, bis die Bevölkerung – bei der Suche nach den “wahren Schuldigen” auf die falsche Fährte gesetzt – es geradezu wünscht, all die netten Freiheiten in herbe Kontrollformen zu verwandeln, der “Sicherheit” zuliebe oder den “aufgeklärten Werten”?

Secret Broadband Weapons

Weitere Tricks werden folgen. So stellt man in der Öffentlichkeit die Situation so dar, als ob es um einen Kampf von Eigentum und Diebstahl geht, statt um eine Veränderung der Wissensproduktion. Eine Möglichkeit der Kontrolle besteht darin, verschiedene Formen des Internettraffics verschieden abzurechnen. Für Streaming zahlt man weniger Volumen, aber mehr Abgaben an die Rechteinhaber, für Email mehr, sofern Spam ausgefiltert wird usw. So anschaulich derartige Nutzen sein können, so sehr richten sie sich gegen die Architektur des Netzes selbst, das auf einer Gleichbehandlung aller Pakete und Protokolle beruht, einer ebenso simplen wie effektiven Strategie der technischen Vereinfachung. Die Logik der Telekommunikationsunternehmen verbindet sich dann mit der auf Fernsehen, Satellit, Print und Privatradio sowie Datenträger-Distribution spezialisierten Inhalteanbieter. Die Konzentration auf dem Medienmarkt lässt bald nur noch das Internet bzw. den Privatrechner als unabhängiges Medium und Ort der Politik zurück. Der Versuch der Geschäftstüchtigen wird darin bestehen, Vielfalt und Unabhängigkeit zu minimieren und den Mangel einzuführen, den es daraufhin zu kontrollieren gilt. “Broadcasting Flags” oder auch digitale Wasserzeichen, gezielte Vertrashung oder Platinum-Memberships, Zoning oder encrypted p2p circles: Es wird immer darum gehen, zu welchem Zweck welche Mittel eingesetzt werden.

My Ass is a Weblog

Was sich als verästelte Reorganisation des Wissens in Weblogs abspielt, wird von den “alten Medien” als Verschwörungstheorie abgetan oder als heißer Trend hochgejubelt. Weiterer zentraler Bestandteil für E-Kommerzialität ist die eindeutige Authentifizierung der Teilnehmer selbst. Über Personalisierung und mehrwertige Dienste, die auf der Bildung von Benutzerprofilen basieren, soll dem Konsumenten nahe gebracht werden, dass sie/er sich als singuläres Subjekt zu verstehen hat, das sich über seine Konsum- und Arbeitsgewohnheiten zu sozialisieren habe. Doch nicht nur Individuen, sondern auch technische Dienste sollen sich untereinander identifizieren. Die Möglichkeiten der Kontrolle wachsen exponentiell mit der Komplexität der Kommunikationen. Hier setzt Microsoft Dot-Net Webservices an, aber auch das Konzept des Semantic Web der Web-Begründer. Dass bei derlei Spezialisierung aber schließlich vor allem NGOs eine Vielzahl an engagierten Mitgliedern aus dem Netz anwerben und sich eine Vielzahl von spezialisierten, wenn auch eher unspektakulären Interessengemeinschaften organisiert, ist nur einer der unerwarteten Netz-Nebeneffekte.

Frage nicht, was das Internet für dich tun kann …

Bessere Modelle wären vielleicht eine Art BitTax, bei der z.B. auf Internettraffic eine Gebühr erhoben wird, die z.T. von dem Firmen bezahlt wird, die auf verschiedene Weise mit dem Netz Geld verdienen, aber auch von den Usern, die ähnlich wie beim Radio oder öffentlichen Aufführungen durch die Pauschalabgaben einen Weiterbestand “offener Benutzung” und damit verbundene ökonomische und kulturelle Vielfalt ermöglichen. Stattdessen werden Milliarden für Kontrolltechnologien ausgegeben, die umgangen werden, ob illegal oder nicht. Softwarepolitik wird zur Drogenpolitik. Solche liberalen Kompromisse sind jedoch nicht Idealziel, sondern bloße Grundlage weiterer Netzaktivitäten. Betätigungsfelder gibt es viele: Multicasting Wireless Urban Networks, Linux Homeserver, Freie Software und Inhalte, digitale Privatmuseen, Kombinationen von Internet und analogem Radio und das Engagement kommunaler Anbieter und Akteure, ein EU gefördertes archive.org für alles, was längst unverkäuflich ist und nicht in arte.tv, Deutsche Welle oder BBC passt, oder einfach eigene Labs und Studios bilden und die Anwendungen und Services entwickeln, die man eben so braucht.

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Elektronische Lebensaspekte.