Enron, Worldcom, Kpnquest, Global Crossing, Storm, Carrier 1, XO, Epik, Mcleod, 360 Networks, FLAG, Williams, Energis, Velocita und Sprint. Die Reihe der Data-Carrier, die in Schwierigkeiten geraten sind oder aufgegeben haben, ist noch nicht zu Ende. Wie konnte es zu diesem Massensterben auf der Datenautobahn kommen? Ein netzkritischer Blick in den Rückspiegel zeigt die Breitbandwirtschaft im Kontext ihrer Gründungsmythen. Teil 1 eines grundlegenden Zweiteilers.
Text: Pit Schulz aus De:Bug 62

Die Breitband-Ballade Teil 1
Let the children play

An der amerikanischen Westküste, dort wo der Pazifische Ozean den Weg nach Westen versperrt, entwickelte sich aus den Dialogen von Silicon-Valley-Hackern und San-Francisco-Acidheads der Traum vom Cyberspace Age. Im Gegensatz zum Space- und Atomfuturismus der 60er bot der imaginäre Raum des Digitalen einen kulturellen Nährboden, in dem sich Erleuchtungsideen und Bereicherungsszenarien fernab des Establishments prächtig entfalten konnten. Die Fusion von Unternehmergeist und Heilsideen, New Age und Business Class ließen sich unter den Begriffen der digitalen Revolution und seines Lebenstils neu popularisieren. Ab 1994 etwa waren die Grundlagen gelegt, mit der Privatisierung der Internetbackbones und der Erfindung des WWW. Die Rede vom Internet als unkolonialisiertem Raum, das war schnell klar, bedeutete die Wiederbelebung des amerikanischen Traums. Als Feld einer allgemeinen, unumzäunten Entgrenzung boten sich die ungeahnten Möglichkeiten für Utopien jeder Art und damit große Wachstums- und Anpassungschübe auf der Seite der Wunschproduktion.

acid dot net
Der zweite Frühling der Alt-68er begann, als diese unterstützt durch andere Visionäre auf ihrer Suche nach Erleuchtung und gesellschaftlicher Veränderung bei den Computern und ihren Netzen ankamen. Die Mutation von der “Kalifornischen Ideologie” zum Businessmodell lässt sich am Übergang von Mondo2000 zum Wired Magazine als Zentralorgan der Cyberkulturen Mitte der Neunziger beobachten. Der Cyborg und eine ganze Mythologie der neuen Unabhängigkeit inklusive akademischer Arbeitsplätze war geboren. So startete eine weitere amerikanische Befreiungsbewegung, weg vom Ballast der Moderne und ihren Produktionsmustern, der europäischen Linken, den verhassten staatlichen Autoritäten. Schlicht nach dem Muster der Intelchips, die immer schneller und billiger werden, sollte eine Art Quantensprung der humanoiden Innovation herbeiführbar sein. Alles konnte im Netz potentiell eine vergesellschaftete Form annehmen. Nach dem Sex war nun der Markt an der Reihe, befreit zu werden. Das Besondere war, dass jeder, der an das System der Neuen Ökonomie fest genug glaubte, einen weiteren Stein in der Pyramide schuf, ein weiteres Glied im Kettenbrief der kollektiven Halluzination der New Economy.

Out of Control
Auf den Marsch durch die Institutionen sollte nun deren totale Deregulierung folgen, auf die kreative Zerstörung der alten industriellen und nationalstaatlichen Strukturen deren Wiederaufbau samt globalem Wirtschaftswunder. Die neuen Wertschöpfungsketten des reibungslosen Kapitalismus waren auf exponentielles Wachstum programmiert, und Grenzen waren dazu da, überschritten zu werden. Anpassen oder sterben war die Devise des digitalen Darwinismus. Jede Idee war gut genug, um realisierbar zu erscheinen und sich im Dschungel der Dotcoms zu beweisen. Das Netz schuf eine nicht-klassische Welt der universellen Umformbarkeit, einen glatten Raum, der allein durch Geschwindigkeiten und Intensitäten bestimmt auf seine profitable Kultivierung wartete. Als Fernziel galt es, das (vorwiegend männliche) Bewusstsein ins Netz zu speisen, Unsterblichkeit zu erlangen und nebenbei auf friedliche (weil digitale Weise) die Welt zu verändern, um flächendeckend hierarchische Kontrollstrukturen durch das globale Gehirn zu ersetzen. Über allem Chaos des Business 2.0 wacht die unsichtbare Hand des freien Marktes eines sich selbst regulierenden Internetweltstaats, lose organisiert in virtuellen Gemeinschaften.

I’m going to New York, with a wired magazine in my hands
Die Internet-Ökonomie begann, als die ersten Startups aus den Hackerprodukten amerikanischer Universitäten Produkte machten und entdeckten, dass diese an der Börse ganz unglaubliche Phantasien auslösten, wenn sie ein paar abenteuerliche Geschichten von der Kolonisierung des Cyberspace dazu erzählten. Das Wachstum des Netzes war unübersehbar, ein fremdartiger Typ Produktivität schuf täglich eine Unzahl neuer Webseiten, Programmzeilen und digitaler Artefakte, umspült von Strömen von Aufmerksamkeit, ohne dass es klar wurde, wer wie dafür bezahlte, außer mit der eigenen Zeit. Der Gegenwert dieser unbezahlten Arbeit, hochgerechnet auf ein paar Jahre, schuf ein schwarzes Loch im Zentrum der Geldflüsse, das gestopft werden wollte. “Content is king.” Der Sog des Netzes Ende der 90er muss dem der Ära des Eisenbahnbaus, der Autobahnen und der Elektrifizierung geähnelt haben, nur dass diesmal Information und nicht Materie oder Energie zirkulierte. In New York kam es zu einer ungeheuren Verdichtung von Internetunternehmen, die sich auf die Produktion von Inhalten und neuen digitalen Dienstleistungen spezialisierten, bis schließlich kein Plakat der Stadt mehr ohne URL zu finden war.

Hypergrowth
Das entfesselte Wachstum der Werte ins Virtuelle war die logische Folge der Digitalisierung der Wirtschaft, die ihren Bezug zu reellen Gegenwerten verlor und eine Eigendynamik der Spekulation entwickelte. “Mehr bringt Mehr”. Kreative Buchführung und suggestive Propaganda waren notwendig, um die Börsenwerte an ihr Maximum zu bringen. Ein Dotcom-Unternehmen, das dieses Spiel nicht mitmachte und keine “Exit-Strategie” parat hatte, war dem Untergang geweiht. Die Neue Ökonomie funktionierte auf Basis von Regeln, deren genaues Gegenteil die Grundlagen der alten Ökonomie bedeuteten, dadurch war ihren Experten und Evangelisten ein gewisser Vorsprung gesichert. Ein Heer von gekauften und freiwilligen Zuarbeitern sicherte, dass die Wirklichkeit des Hypes allgemeingültig wurde. Die Verbindung von SiliconAlley-Tech, kalifornischer Hippieesoterik, amerikanischem
Traum und Wallstreetzynismus schuf die brisante Mischung, auf der über die zweite Hälfte der 90er die halbe Welt auf einen Trip geschickt wurde, aus dem sie nun, im neuen Jahrtausend angekommen, schrittweise aufwacht. Eine Kultur der Verausgabung und des digitalen Exzesses setzte eine immaterielle Produktivität frei, auf deren weitere Ausbreitung hin Infrastrukturen und Businesspläne hin ausgerichtet wurden und sich heute ganze Volkswirtschaften an den Rand des Ruins getrieben sehen. Das Vertrauen in dieses System der Ekstase und Verflüssigung steht in Zusammenhang mit der Art der subtilen Kontrolle der Wunschproduktion, der sich seine Teilnehmer unterwarfen.

Meltdown
Die bereits in den 80er-Jahren entwickelte Kultur der Dienstleistungsgesellschaft eines vom industriellen Produktionsprozess abgekoppelten Kapitalkreislaufes mit Hedge Fonds und allen möglichen Formen kreativer Brokerage und Buchführung war offen für die Herausforderung des neuen Hypes. Schnell fanden sich die entsprechenden Accountants und Consultants im Umfeld der Wallstreet, um aus dem Cyberspace einen neuen, explodierenden Wirtschaftszweig zu machen. Es war die Geburt von AOL, Yahoo, von Telekommunikationsriesen wie Worldcom, der Expansion und Fusion von Firmenimperien in Jahresfrist. Wo sind all die heißen Brands mit mediterranem Klang, die nun im Massengrab der Dotcoms in Vergessenheit geraten? Der Slogan “The Long Boom” war prägend für die kollektive Halluzination, mit der ein gemeinsamer Glaube sich virusartig zu einer Hysterie der Investitionen steigerte und schließlich in einen kontrollierten Meltdown des Kapitalreaktors mündete, in dem die CEOs zuerst, Schritt für Schritt, den Gewinn abschöpften, im Ernstfall den goldenen Fallschirm wählten, um den Rest der Belegschaften und Shareholder ausgelaugt und verschuldet zurückzulassen.

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Elektronische Lebensaspekte.