Kai Althoff ist der scharfe Nazifrisur-Beatnik, der jeden Kunstklüngel mit seiner Platten-Auswahl in die unkontrollierte Party stürzt. Zusammen mit Stephan Abry zieht er zum siebten "Workshop"-Release neben H.P.Lovecraft auch Bob Marley heran, um so richtig klarzustellen, dass seine Geistes-Geflechte keine Vorurteile kennen - auch nicht gegenüber ethnoverkitschten Kiffer-Hippies.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 83

Rhizome und H.P.Lovecraft
Workshop

Workshops neues Bollwerk heißt “Yog Sothoth“. So überweltlich der Name klingt, so schnell fällt einem wieder ein, woher man ihn kennt. H.P.Lovecrafts Cthulhu-Zyklus lässt grüßen: Yog-Sothoth ist hier ein Wesen jenseits von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nicht von dieser Welt und die menschliche Vorstellungskraft übersteigend. Kai Althoff spricht noch dazu von Rhizomen, darf man dem Promo-Text zur inzwischen siebten Workshop-Veröffentlichung von Stephan Abry und Kai Althoff trauen. Von Wucherungen in Parallelwelten und Pilzgeflechten liest man da.
Als CD mit zwanzig Stücken und als limitierte Doppel-LP ist diese spannende Fremderfahrung nach dem Bruch mit Ex-Label Ladomat als inzwischen zweites Album beim Kölner Label Sonig erschienen. Man bekommt eine bunte Mischung serviert, die alles hergibt, was der Pop-Markt zu bieten hat. Zeitweise erinnern die Songs an niedersächsisches Liedermachergut und einen stimmlich übersteuerten Andreas Dorau. Althoffs Texte werden über die teils süßen, teils beatigen Melodien gelegt wie ein Gazetüchlein. Ob das zusammengeht? Irrelevant. Es ist, als würde man einem Gespräch zwischen Fremden lauschen. Fremde, die über Terpentinseen in anderen, möglichen Welten sprechen. Textliche Unkreativität ist den Herren Workshop also mal wieder nicht vorzuwerfen. Ein wenig scheint es, als stehe die lyrische Entrücktheit den anfangs eher lauen instrumentalen Darbietungen ausgleichend gegenüber. Ganz in einer Art Ready-made-Tradition (Marcel “Ich-schweige-zu-meinen-Kunstwerken“ Duchamp) schweigen auch die Macher zu Yog Sothoth und laden statt dröger Interviewtermine zu einer Performance in Berlin. Draußen weht eine sanfte Brise und im dritten Stock eines Altbaus in Kreuzberg trifft man auf eine verrückte Teegesellschaft bestehend aus Althoff, Abry und einem weiteren Gast. Geredet wird nicht und in 68er Happeningmanier glimmen Räucherstäbchen und Kerzen in einem abgedunkelten Zimmer. Es liegen unendlich viele Sachen in Müllsäcken herum und jemand hat sich in künstlerisch mythischen Kritzeleien an den Wänden verewigt. Aus zwei großen Boxen dröhnen in unerträglicher Lautstärke immer wieder Bob Marley und Textfragmente, unter anderem die eines Radiointerviews mit Workshop über das neue Album. Ein etwas abseits stehender Sessel ist für Besuch reserviert. Man bekommt Gebäck serviert, liebevoll live zurechtgemacht. Tee gibt es auch und einen Schnaps zur Begrüßung allemal. Ein großer Spiegel gegenüber, direkt auf den Besuchersessel gerichtet, vermittelt den Eindruck, zu dem Dreiergespann dazuzugehören, das sich bühnenartig frontal fast geschäftig gibt und doch eigentlich nichts tut. Ein bisschen an das Anhören von Yog Sothoth ist man hier schon erinnert. So mittendrin und trotzdem nicht dabei. Da macht das Rhizom-Gerede plötzlich wieder Sinn. Wuchert doch durch kurze Blickkontakte und angebotene Güter immer etwas zur außen stehenden Person herüber. Unwillkommen fühlt man sich nicht. Aber es ist klar, dass man auf der Beobachterseite sitzt. Man kennt ähnliche Situationen beim Besuch von Bekannten von Bekannten, bei Leuten also, die man kaum namentlich kennt. Ähnlich wie bei der Konfrontation mit der Musik ist man leicht verunsichert, wie man darauf reagieren soll. Passiv entspannen oder interagieren? Und wenn aktiv teilnehmen – wie? Aber der Mensch erstarrt in Unsicherheit. Also bleibt man außen vor und wartet auf das, was da noch kommen mag. Da kommt nicht mehr viel. Es bleibt laut, es wird ein bisschen warm ums Herz – des Tees wegen – und es wird langsam ein wenig einseitig. Unspektakulär geradezu. Irgendwann verlässt man die illustre Runde wieder und blinzelt ins Sonnenlicht wie ein Neugeborenes. Dankbar ist man letztendlich für diese Grenzerfahrung, die rückblickend dem Alltäglichen entliehen ist. Verhält es sich mit der neuen Workshopplatte doch ähnlich. Es passiert nicht viel, es ist etwas fremd und doch irgendwie bekannt, und dann und wann, wenn die Spannung nachlässt, braucht man ein wenig Ruhe.

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Zuweilen entstehen Workshop-Platten in alten Landhäusern mit bis zu 15 Musikern. Für das neue Album "Es Liebt Dich Und Deine Körperlichkeit Ein Ausgeflippter" haben sich nur Kai Althoff und Stephan Abry, der eigentliche Kern des Workshops, zusammengefunden und ihre Ideen erst kollidieren, dann fusionieren lassen.
Text: Christian Meyer aus De:Bug 55

Falsches langsam ausschließen:
Workshop

Mit ihrer neuen Platte entziehen sich Workshop wieder geschickt einer Schublade – indem sie gleich ganz viele anbieten: Folk, elektronische Musik und Art-‘Rock’ zum Beispiel. Aus der Schublade ihres Labels Ladomat sind sie jetzt allerdings komplett herausgefallen, um bei Sonig, ihrem neuen Label, auch nicht recht ins Programm zu passen.
Kai Althoff: Stephan wollte sehr gerne, dass die Platte folkig wird und akustische Gitarre spielen, was er am Anfang gar nicht mehr so gut konnte, wie er dachte. Das tat aber nichts zur Sache, denn wir wollten das eh teilweise sampeln und nicht 1:1 alles einspielen.”
Da die beiden räumlich weit voneinander getrennt leben (Kai in Köln, Stephan in Hamburg), wurden die mitgebrachten Ideen erst beim Aufeinandertreffen für die Aufnahmen miteinander abgestimmt und modifiziert.
K.A.: Da wir uns wirklich sehr lange kennen, ist es aber so, dass man dabei nicht viel reden muss. Wir haben das teilweise auch innerhalb von Sekunden, ohne etwas zu reden, entschieden, das dies nicht geht und das doch. Langes Diskutieren gab es nicht. Es gab kurze Momente, in denen einer für den anderen einen Kompromiss gemacht hat. Wenn Stephan wollte, dass da ein Mellotron drauf soll, dann habe ich gesagt: nee, das will ich eigentlich nicht, aber dann darf ich dafür woanders mal was sagen. Aber das waren wirklich kleine Sachen.

Ineinander greifen statt aufeinander prallen

Nach einer langzeitigen räumlichen Trennung ist man natürlich verstärkt unterschiedlichen Einflüssen ausgeliefert, trägt also zunehmend unterschiedliche Ideen ins Studio. So kommt es dann, dass zwei Ideen etwas skurril aufeinander prallen: hier die Akustik-Gitarre, da die Drummaschine…
K.A.: Sicherlich will man die Musik, die man gerade so hört, auch unterbringen. Wir freuen uns aber auch darüber, dass in der Konsequenz – weil der andere was anderes will – wir uns das gegenseitig wieder kaputtmachen. Nur so kann etwas passieren, was interessant ist. Im Kern, von den Emotionen her, ist das immer die gleiche Sache, die sich eben in der Form immer sehr verändern kann. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir aufeinander geprallt sind. Wir waren uns schon einig. Ich hätte es nur nicht gerne gehabt, wenn da die ganze Zeit ein richtiges Schlagzeug zu hören gewesen wäre. Das hätte mich nicht interessiert. Mir gefällt ja gerade, dass das sehr stumpfe Snare-Getrommel einhergeht mit etwas, was doch eher ergreifend ist.
Und mit Computern und Samples kann man ja auch wunderbar das Handwerkliche unterwandern…
K.A.: Virtuosität in der Musik interessiert uns sicherlich nicht. Mich interessiert der Punkt der Euphorie, an dem man merkt, etwas könnte gut werden, und es atemlos fertig stellt. Jedes Stück musste ja in zwei Tagen fertig werden. Wenn man merkte, dass man zu lang dran rum bastelte, war auch klar: dass würde so nichts werden. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, deswegen Computer anzuwenden, weil es schnell gehen muss, weil man sonst schon wieder alles verloren hat. Auch wenn es nicht die besten Sounds sind. Wenn das Gefühl bei der Platte stimmt, wird man sich nicht daran aufhalten – auch nicht daran, wie z.B. die Gitarre gespielt ist – das ist wirklich nicht wichtig.
Wichtig sind hingegen die Texte, die sich in eigentümlicher Sprache zart und zärtlich am Schönen weiden und dessen Vergänglichkeit reiben und sämtlich von Kai Althoff stammen. Vorher bereits fertig geschrieben, hat er sie frei über die Stücke gesungen, und meistens hat es auch direkt gepasst.
K.A.: Teilweise habe ich dann etwas improvisiert, um zu gucken, ob man diesen Satz als Refrain benutzen kann oder nicht. Wobei: Wiederholen ist eh immer richtig und gut – wenn es wichtig ist.

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Workshops Schlingerkurs zwischen Frickeldisco und Krautelektronik scheint mit dem Triple-LP-Rückblick "Workshop" ein vorläufiges Ende genommen zu haben. Nie wieder seekrank mit Kai Althoff und Stephan Abry?
Text: aram lintzel aram.lintzel@lebensaspekte.de aus De:Bug 35

/elektronika From: Disco to: Krautrock to: Ende? Workshop Sie wirkte wie eine abschliessende Werkschau, diese opulente Workshop-Triple-LP, die da Anfang des Jahres auf unseren Plattentellern landete: “Talent” und “Meiguiweisheng Xiang” plus die LP “Mundwinkelplage” mit älterem, bisher unveröffentlichtem Material. Fragen kamen auf und wucherten: Ist das Projekt Workshop am Ende? Eignet sich das hermetisch geöffnete Gebäude, das sich Kai Althoff und Stephan Abry im Laufe von zwanzig Jahren gezimmert haben, nicht mehr für eine sinnvolle Kommunikation nach Aussen (in die grosse Welt des Pop)? Hat das offene und doch schwer zugängliche Kollektiv zu viele endogene Effekte erzeugt, um noch “die Welt da draussen” adressieren zu können? Dramatische Fragen, auf die Künstler und Workshop-Musiker Kai Althoff eine lakonische Antwort parat hat: “Da die beiden Hauptinitiatoren von Workshop, Stephan Abry und ich, recht weit auseinander leben und Stephans Leben als Fotograf in Hamburg doch recht anders verläuft als mein Leben in Köln, ist die Zukunft in der Tat ungewiss.” Immer wieder hat sich Workshop nahe liegenden Zuschreibungen verweigert. So wurde die Hoffnung auf eine “andere”, unsaubere Version von Disco, die das frickelige Sample-Album “Talent” 1994 weckte (gerade erlebt es ein Revival in Frankreich), alsbald durch den kryptischen Kraut-Rock auf “Meiguiweisheng Xiang” enttäuscht. Wären Althoff und Co. den Weg von “Talent” weiter gegangen, hätten sie womöglich im Windschatten von Whirlpool Productions die Pop-Arenen Südeuropas besetzen können – nicht zuletzt wegen Kais eigensinnig glamourösem Tanzstil. Statt dessen: Kompliziert improvisierte Kunstmusik für nahe Freunde und den kleinen bemühten Rest. Allerdings kann Kai die Schwierigkeiten, die viele Aussenstehende mit Workshop haben, nicht verstehen: “Ich wundere mich da immer: Ist es denn wirklich so schwierig, einen Zugang zu finden? Natürlich ist das, was wir machen, äusserst persönlich. Aber andererseits gibt es viele ähnliche Situationen um mich herum. Man kann schnell herausfinden, worum es geht. Nämlich um Konstellationen von Freunden, die etwas miteinander zu tun haben und ein gemeinsames Leben erleben.” Geschichte wird gedacht Neben persönlichen Freundschaften und ihren “organischen” Verbindlichkeiten spielen Erinnerung und Geschichte eine wichtige Rolle im verwinkelten Workshop-Kosmos. Wegen der obsessiven Bezugnahme auf Orte und Worte aus der Kindheit wird Althoff oft mit dem Prädikat “melancholisch” versehen, eine Beschreibung, die seine Filzstiftbilder zu bestätigen scheinen. “Die Stimmung, die in mir aufkommt, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, ist eine euphorische und gute, die ich gerne wiederherstelle und heraufbeschwöre. Ich erinnere mich vor allem an Momente des emotionalen Aufbruchs, zu denen das Scheitern unmittelbar dazugehörte. Momente, die man heute in Clubs erleben kann.” Immerfort formt und verarbeitet Kai mit Workshop diffuse Verlusterfahrungen, ohne deshalb in kulturpessimistische Trauerrituale abzudriften. Der schönste Track auf “Mundwinkelplage” ist das knappe, aber Raum greifende “Sehr am Rande liegt ein Glück (Spatzen)”. Das Lied beschreibt mit den Mitteln der Musik, dass “Glück” als etwas Marginales und Beiläufiges sein kann, das sich nur als Verlorenes festhalten lässt. Ob auch Workshop als blosse Erinnerung weiterleben werden, bleibt abzuwarten. Wenn ja, gibt es da aber immer noch Subtle Tease, das gemeinsame House-Projekt von Kai Althoff und Justus Köhncke. Ausserdem will es Kai seinem Freund Justus gleich tun und ein Soloalbum veröffentlichen. Die Triple-LP “Workshop” ist bereits auf Ladomat erschienen.

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