Text: Sascha Kösch aus De:Bug 17

Intensitäten Wunder Sascha Kösch bleed@de-bug.de Wunder entsprach als es bei uns in der Redaktion antraff schon genau seinem Namen. Alles wollte wissen was denn das nun schon wieder ist, wollte Stücke nochmal hören, und selbst eingefleischte 4 to the Floor Freaks fingen plötzlich an über die wichtigkeit schöner Melodien zu philosophieren, und warum keiner der Technokids das so richtig drauf hat. Wunder spielte mit vielen vergessenen Lieblingsmelodien, die man auf der Platte wieder neu entdecken konnte, warf Ideen in den Raum die einen tatsächlich verwundern mussten, und es war einfach zu schön. Jörg Follert aus Köln, der mit Thorsten Lütz zusammen Karaoke Kalk macht, und auch in ein weiteres Label, Tom, involviert ist, das grade mit zwei sehr schönen ambienten DSP Platten zu Deutschlands bestem Ambientlabel avanciert ist, war zuerst immer wieder ein Fan von Musik. Von Drum & Bass zum Beispiel, das ihn anregte, seine eigene Version davon zu schreiben. Jetzt ist er von all dem Fan-Sein endlich durch Wunder nicht nur entfernt, sondern kann es mitten in das Herz der Tracks eingliedern ohne dabei dem Versuch zu erliegen, einen Musikstil nachmachen zu wollen. Also mailten wir uns ein wenig um herauszufinden was es denn nun mit diesem Wunder auf sich hat. DeBug: Worum also geht es bei Wunder? Jörg: Um Intensität. Und das ist dann auch erstmal der einzige Zusammenhang zu den vorangegangen Platten. Der Aspekt von “cool” sein hat mich bei Musik immer gestört, außer wenn es im Sinne von Leichtigkeit oder einer natürlichen Entspanntheit gemeint ist… Vielleicht so wie Reggae. DeBug: Was trägt sich durch die Samples in diesen neuen Rahmen der Wunder ist? Was bleibt ihnen, in der Unbestimmbarkeit, die sie haben, wenn man die Samples nicht allzugut kennt. Jörg: Also “das Wunder” an sich, das Wort kam mir in den Sinn als ich vor einem Jahr ungefähr so einen flächigen Sound, der auf einem Sample beruhte entdeckt habe. Den fand ich so schön, daß jedesmal wenn ich ihn hörte ich dachte: so muß ein Wunder klingen oder so klingt es wenn man stirbt und in denHimmel kommt oder an einen anderen “wunderschönen” Ort an den man sich sein Leben lang gewünscht hat. Na ja, und dann hat dieses Wort und seine Bedeutung mich so fasziniert, daß ich dachte damit irgendwas anfangen zu müssen. Wie das genau aussehen würde war nicht klar und es hat dann auch noch ein bisschen gedauert, bis ich es wieder aufgegriffen habe. ich war da immer noch mit Drum & Bass beschäftigt, obwohl das schon anfing nachzulassen. Dann, um Weihnachten rum, habe ich das “look out for yourself” Stück gemacht. Das ging ganz schnell. Einen Tag und es war fertig. Zuerst nur ein Spaß. Ich dachte nach der ganzen Anstrengung mit Drum & Bass und den ganzen scheinbaren Regeln die dort immer mehr auftauchten und es mir ziemlich verleidet haben, mache ich einfach mal nur was mir so selbst einfällt. Als es fertig war dachte ich, daß es was mit diesem Wort zu tun hat. Diese Gesamplte Textzeile hat mich so gekriegt das ich fast geheult habe als ich das Stück machte. Jedesmal wenn der Loop kam musste ich schlucken, weil das alles so gut passte, für mich. Diese art von Intensität beim Machen war neu für mich. Es war so einfach und funktionierte so gut auf einer absolut emotionalen Ebene. Dann fiel mir ein, daß ich das schon mal bei einem “Motel” Stück hatte. Das ging auch ganz schnell und der Grund warum ich es gemacht habe, war der gleiche. Einfach arbeiten, frei von den ganzen Regeln und Klischees die ich im Kopf hatte. Einfach nur Musik. So gesehen ist die einzige Referenz die ich nennen kann die Samplequelle. Ich habe eigentlich fast immer nur Musik gesamplet die ich liebe. Slso ist die Quelle auch entscheidend für die Songs, weil ich die Intensität, die ich darin sehe, auch selbst haben und benutzen will. Ich suche keine Sounds sondern neue Songs in alten. Bilder in Bildern denen man neue Rahmen geben kann, oder sie als kleines aber grundlegendes Detail in neue Landschaften integriert, die ohne sie aber gar nicht existieren würde. Debug: Viel von dem was auf Wunder auftaucht erinnert irgendwie an ein Zuhause. Aber braucht man wieder oder auf jedenfall eins, wenn ja, was für ein Zuhause, und wofür? Jörg: Ein Zuhause ist natürlich für mich und meine Familie wichtig und ich bin mir sicher das es die Platte so auch nicht gegeben hätte, wenn ich nicht Vater geworden und diese veränderte Form von Zuhause enstanden wäre. Daß ich weniger Zeit hatte, mich um Plattenkaufen und sowas zu kümmern, hat mich musikalisch auch unabhängiger gemacht. Vorher habe ich immer sehr an Vorbildern geklebt. Ich bin schon so ein Typ der, wenn er eine Platte toll findet erstmal sagt: Wow sowas will ich auch machen! Aber das macht mich immer ziemlich unzufrieden, weil ich mich dann nur daran abarbeite. DeBug: Woher kommen die Melodien? Es ist doch sehr persönliche Musik, wenn auch nicht auf einer Ebene die einfach nach Ausdruck klingt. Jörg: Also für mich hat es schon mit Ausdruck zu tun. Aber nur sehr indirekt mit meinem eigenen. Oder anders: die Intensität der Originale ist so wichtig, daß es mir unmöglich ist daraus keine Rückschlüsse auf mich zu machen, wenn ich jetzt dieses eine Sample verwende. Die Melodien die ich dann darüber spiele sind natürlich ein viel direkterer Ausdruck. Aber ausdrücken in “dem” Sinne wollte ich nichts. Ich wollteIntensität. Über die Harmonien kann ich nur sagen: das sind meine Vorlieben wenn ich sebst was erfinde. Andererseits ist es ja wieder unmöglich die nicht im Zusammenhang mit den Samples zu sehen. Ich finde das in der elektronischen Musik Melodie generell viel zu kurz kommt. Vieles beschränkt sich auf Rhythmik. Und die ist für mich nur eine Technik, ein Transporter für Musik, für Harmonien. Viele Leute verbringen ihre Zeit damit komplizierteste Beats zu programmieren um dann die Melodie in 5 Minuten darüberzukleistern. und das hört man dann auch oft genug. DeBug: Es macht schon Sinn dein Kind miteinbezogen zu haben, oder? Jörg: Oh, ja. absolut! ich hätte nie den Mut gehabt mich soweit von Szenedingen zu distanzieren wenn es mein Kind nicht geben würde. Es schien mir erstmal das absolut uncoolste zu sein Vater zu werden… mit 28. Aber dann merkte ich das dieses uncool-fühlen ein super riesiger Spielplatz ist. Narrenfreiheit sozusagen.

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Elektronische Lebensaspekte.