Drei Platten, drei Killer - Aus Essen!
Text: René Josquin aus De:Bug 117

Die Botschafter des Essener House-Aufbruchs Manuel Tur und Dplay werden in kürzester Zeit ihre Stadt auf die Musik-Landkarte bringen, worauf der fulminante Start ihrer gemeinsamen Produktionsarbeit schließen lässt. Drei Platten, drei Killer.

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Der Terminus Wunderkind macht mal wieder die Runde. Ein Wort, das oberflächliche Hypes assoziiert, Zweifel daran weckt, ob hier nicht schon wieder etwas künstlich aufgebauscht wird – und schließlich nimmt der Affekt eine ablehnende oder zumindest skeptische Grundhaltung ein. Doch in Bezug auf Manuel Tur und seinen Produktionspartner und Freund Dplay alias Dirk Gottwald will bei näherer Betrachtung dieses Klischee Gott sei Dank einfach nicht zutreffen. 21 Lenze schützen vor Erfahrung nicht.

Radio-Hören statt Clubbing

Während seine Altersgenossen Fußball-Simulationen auf der Playstation zockten, spielte Manuel Tur lieber mit Fruity Loops. Gerade mal 16 war er, als er auf Agave, SoSound und Sebastien Legers Bits Music veröffentlichte. Disco-Filter-Chicago-Stuff, der in New York mehr Reaktionen verursachte als in UK oder auf dem Kontinent. Ian Pooley und Swag nennt er als damalige Inspirationen.

“Man kann in Echtzeit hören, was ich gemacht, wie ich mich entwickelt habe“, sagt Manuel und fügt hinzu, dass er im Nachhinein ganz froh sei, dass einige Tunes hier gar nicht registriert worden seien. Zu der Zeit bestand seine House-Sozialisation nicht im Clubbing, sondern im Radio-Hören. So entwickelte er sich und seine Produktionsskills beinahe autark. Doch kaum war er seinem Elfenbeinturm-Studio entwachsen, fand er in Dplay auch einen DJ vor Ort, der ihn rockte. “Die Essener Szene ist klein“, ergänzt Manuel, “man läuft sich zwangsweise über den Weg.

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Essen ist richtige Provinz. Der letzte Plattenladen hat zugemacht und es gibt keinen Anschluss. Wenn, dann Köln. Aber in Anbetracht der Größe des Ruhrgebiets ist das echt ein Witz. Vor drei Jahren war es richtig schlimm. Jetzt geht es vorwärts.“ Dirk ist selbst als Resident in Essens Hotel Shanghai daran nicht unbeteiligt und hatte dort neben Dixon und Ame auch Efdemin und Lawrence zu Gast. Tiefe und Wärme sind bei ihm nach wie vor die zentralen Worte, die seinen Sound beschreiben.

Attribute, die in der Zeit der Post-“Rej“isierung unweigerlich zu Vergleichen mit Innervisions führen. Doch die beiden definieren sich gänzlich unabhängig davon. “Lass uns mal von denen weg“, meint Dirk, “was wir denen zu verdanken haben, ist, dass sie den Markt für uns geöffnet haben. Wir profitieren davon.“

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Und das in einem Tempo, das im wundersamen Kontrast zu ihrer Arbeitsweise steht. Obwohl sie sich erst seit gut einem Jahr ohne konkretes Ziel wöchentlich treffen, führen die unterschiedlichen Erfahrungen der beiden zu einem synergetischen Resultat. So entstand ihr erster Tune “Portamento“ an einem Tag. Dirk meint dazu pragmatisch: “Manuel ist halt fit am Rechner und ich bring die Cluberfahrung. Ich klopf ihm dann auf die Finger, wenn er daddelig wird.“ Schon mit jenem ersten Track “Portamento“ ernteten sie kollektiven Jubel der A&Rs: “Wir hätten auch nicht damit gerechnet. Das wollten fünf Labels haben. Dirk Rumpf hat es gespielt und dann wollten es noch mal drei Labels haben“, erklären die beiden noch immer überrascht.

Allen voran Jimpster, der “Portamento“ dropte, wo es nur ging – und alsbald auf Freerange veröffentlichte. Eben genau dort, wo Manuels “Acorado“ noch zu Beginn des Jahres andeutete, was da noch kommen möge. “Wir haben einfach Tracks gemacht, und die wurden auch noch alle gesignt. Zwei weitere EPs wurden ohne Stress, aber dafür umso effektiver an Drumpoet Community und das Compost Black Label verdealt. “In vier Monaten drei EPs, die auch noch alle gut gelaufen sind. Und dabei ist es ein Glücksfall, dass wir genau den Sound machen, den wir machen wollen.“

Ein Punkt auf der Landkarte

Und das werden sie sicher auch nicht ändern. Wo andere jetzt ein Fass aufmachen würden, bleiben die beiden ganz bodenständig. “Es würde Sachen kaputt machen, wenn wir uns jetzt jeden Tag treffen würden“, meinen sie einhellig. Remix-Anfragen werden überwiegend abgelehnt oder Manuel übernimmt sie wie im Falle von 2020 Vision alleine. Vielmehr werden sie weiter ihre eigene Identität herausschälen – gerne weiter auf den Labels, von denen sie bislang die Unterstützung bekamen. An das Album-Format verschwenden sie jetzt noch keinen Gedanken. Auch gemeinsames Touren ist nicht geplant. Vor kurzem haben sie zwar das erste Mal sieben Stunden zusammen aufgelegt, viele alte Sachen von vor zehn Jahren, aber das ist nicht die Vision. Essen soll ein Punkt auf der Landkarte werden. Der Rest kommt von ganz alleine.
http://www.myspace.com/manueltur

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Elektronische Lebensaspekte.