Dr. Steve Goodman ist das akademische Alias von Kode9, einem wesentlichen Begründer Londoner Dubstep-Subbass-Synergien. Musikalisch forscht er mit der Bassschaufel, im wirklichen Leben benutzt Goodman den Bleistift.
Text: Johanna Kubrick aus De:Bug 136

debug136_36

Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

Der Zusammenhang liegt auf der Hand, beziehungsweise im Ohr: Mächtige Sound-Systeme können die menschliche Befindlichkeit heftig beeinflussen. Klang kann unwillkürlich freudige Erregung erzeugen, aber auch Verwirrung oder sogar Schmerz. Unerhörte Töne können uns umhauen, während gewohnte Sounds eher nüchtern registriert werden.

Wer schon einmal eine amtliche Tonanlage in der Disko erlebt hat, weiß, dass dabei zwei zusammenhängende, aber gleichzeitig grundverschiedene Elemente zusammenspielen: Zum einen geht es schlicht und ergreifend um die physikalische Leistungsfähigkeit des Sound-Systems, also welche Frequenzen mit welchem Druck erzeugt werden.

Zum anderen haben nicht nur die Verstärker und Boxen Einfluss auf das Resultat, ganz entscheidend wirken sich auch der Raum und sein Inventar inklusive des Publikums auf den Klang aus. Und gerade wenn man diese Faktoren berücksichtigt, wird die physikalische Klassifizierung einer Anlage richtig komplex, weil neben dem Frequenzbereich auch Schalldruck und Schallschnelle durch die Gestalt des Raums und durch die Temperatur beeinflusst werden.

Hinzu kommt das weitgehend spekulative Feld über die Wirkung der unhörbaren Frequenzen im Infraschallbereich unter 16 Hertz beziehungsweise im Ultraschallbereich über 20 Kilohertz, denn dass diese nicht bewusst über das Gehör wahrgenommen werden, heißt noch lange nicht, dass sie keine Wirkung auf den Menschen haben.

Soweit so komplex, aber eigentlich noch banal im Vergleich zur Psychoakustik, also unserem Empfinden von “Schallereignissen”. Hier fallen eindeutige Zuordnungen von Ursache und Wirkung insbesondere deshalb schwer, weil nicht nur Physik und menschliche Biologie aufeinandertreffen, sondern eben auch die kulturelle Prägung des Hörers. Zur Verdeutlichung dieses Faktors muss man sich nur in Erinnerung rufen, wie man bestimmte Sounds zum ersten Mal erlebt hat und wie die gleichen Klänge nach wiederholtem Hören wirken.

4003783809_d5fe7e50e2

Dr. Goodman and Mr. Kode9

Vor diesem Hintergrund muss das Buch “Sonic Warfare – Sound, Affect, and the Ecology of Fear” von Steve Goodman verstanden werden, das im Dezember bei MIT Press erscheinen wird und einen Bogen von jamaikanischen Sound Systems über “pädagogische” Klänge, mit denen Teenager vom Herumhängen an den “falschen” Orten abgehalten werden, bis hin zu Schallwaffen des US-Militärs beschreibt. Und nicht zuletzt geht es darum, wie Körper durch Klangmuster “motiviert” werden können, sei es im positiven auf der Tanzfläche oder aber im negativen Sinn bei gewalttätigen Auseinandersetzung auf der Straße oder dem Schlachtfeld.

In beiden Fällen geht es ganz offensichtlich um “Crowd Control”, doch sind diese Zusammenhänge leider noch wenig erkundet. Vor dem Eintauchen in das notorisch unübersichtliche Feld, noch kurz zur Frage: Wer ist Steve Goodman? Steve Goodman ist schlicht der bürgerliche Name des Dubstep-Aktivisten Kode9, der zu den wichtigsten Produzenten und DJs der Dubstep-Szene gehört.

Mit seinem Online-Portal und Plattenlabel “Hyperdub” hat er entscheidend am Fundament der Szene mitgebaut. In seiner wöchentlichen Radio-Show auf dem Londoner Piratensender “Rinse FM” und eigenen Produktionen gelingt es ihm seit langem, die Qualitäten von Grime und Dubsteps Subbass-Energie auf den Punkt zu bringen. Und während Kode9 – dem Pack immer ein paar Schritte voraus – mit seiner fließenden Ästhetik der testosterongetriebenen Monsterbass-Attitüde von Dubstep leichtfüßig davon tänzelte, hat Dr. Steve Goodman parallel dazu eine solide, seriöse und durch und durch bürgerliche Karriere hingelegt: Goodman ist Dozent am “Institut für Sciences, Media and Cultural Studies” an der University of East London, zudem ist er als Mitglied der “Cybernetic Culture Research Unit” (CCRU) auch als Forscher tätig.

Klangknüppel

Unbenannt-3

Um mit den einfachen Elementen des “Sonic Warfare” zu beginnen: Natürlich kann Sound als Waffe eingesetzt werden und zwar auch auf eine Art und Weise, die den Ergebnis-fixierten Militärs und anderen Sicherheitskräften genügt, denen Diskussionen um kulturelle Hintergründe von Klangwirkungen im Zweifelsfall zu lästig sind, da sie größten Wert auf reproduzierbare Ergebnisse legen.

Der einfachste Fall einer solchen, recht zuverlässig wiederholbaren Wirkung von Klang als Waffe ist Teil der Wirkung von Schockgranaten, die auch “flash-bangs” genannt werden. Diese Blitz-Knall-Granaten sind hierzulande spätestens seit der berühmten Geiselbefreiung der Lufthansamaschine ”Landshut“ in Mogadischu bekannt, bei der die GSG9 die Geiselnehmer für den entscheidenden Augenblick der Erstürmung des entführten Flugzeugs kurzfristig blind und taub machte.

Der Effekt eines extrem lauten Knalls lässt sich leicht nachvollziehen, er hinterlässt bei den Betroffenen für eine Zeit Benommenheit und partielle Taubheit – wobei wiederum das Grunddebakel aller “nicht-tödlichen” Waffen deutlich wird, die Dosierung. Denn wenn es etwas zu laut knallt, ist der Gehörschaden im Zweifelsfall irreversibel. Aber Schockgranaten sind für Verfechter neuer Waffentechnologien ohnehin ein zu plumpes Mittel, weil sie allzu sehr an den klassischen Krieg 1.0 erinnern.

Dem zeitgemäßen bewaffneten Konflikt stehen demnach Systeme wie das LRAD viel besser zu Gesicht. Mit dem “Long Range Acoustic Device” können sowohl normale Lautsprecherdurchsagen als auch schmerzhaft laute Töne abgesetzt werden, und mit diesem hybriden Charakter passt es natürlich auch perfekt in Goodmans “Sonic Warfar”. Nicht zuletzt, weil die “Schallkanonen” auch der Traum jedes jamaikanischen Sound Systems sind, das Equipment von Spezialherstellern wie der American Technology Corporation oder Technomad (“military audio systems”) ist allerdings schwer aufzutreiben, und dürfte auch das Budget jedes Diskoveranstalters sprengen.

Unbenannt-4

Die Verstärker und Lautsprecher, die hier zum Einsatz kommen, vereinen jedenfalls feinstes High-Tech der letzten Generation, so sind die Systeme nicht nur extrem laut, sondern auch noch kriegstauglich robust und unerhört zielgerichtet. Die LRADs der American Technology Corporation lassen sich angeblich auf Abstrahlwinkel von 15 bis 30 Grad einstellen – im betroffenen Korridor erreicht der Sound Schalldruckpegel von bis zu 150 dB (natürlich abhängig von der Entfernung), während links und rechts nur noch ein schwacher Abklatsch zu vernehmen ist.

Mit diesen Eigenschaften können LRADs sowohl für die Signalübermittlung genutzt werden, sozusagen als Update der Flüstertüte, als auch für unmissverständliche Durchsagen an den Gegner, den man auf eine Distanz von bis zu 500 Metern verwarnen oder einschüchtern kann. Im Nahbereich kann das System aber auch als Waffe im eigentlichen Sinn eingesetzt werden, wenn unerträgliche Töne im Bereich von 2.100 bis 3.100 Hertz eine ähnliche Wirkung entfalten wie das berüchtigte Quietschen durchs Kratzen auf einer Tafel.

Ein immer wieder erwähnter Einsatzbereich für die LRADs ist die Abwehr von Piratenangriffen. Hervorragend eigne es sich aber besonders zur Zerstreuung von Demonstranten, doch auch hier gilt wieder das lästige Dosierungsproblem: Wenn sich die Beschallungsopfer zu dicht am LRAD befinden oder der Soundattacke über eine lange Zeit ausgesetzt werden, können sie wiederum irreparable Gehörschäden davon tragen.

Im Zentrum einer Killer-Schallwelle lässt es sich nur dann recht gut aushalten, wenn man einen entsprechend geformten Anti-LRAD-Helm trägt, wie er unlängst in einer BBC-Sendung vorgeführt wurde. Der Akustikschutz aus dem Bastelkeller besteht einerseits aus mehreren Schichten Plexiglas, andererseits aus speziellen Schaumstoffelementen, wie sie auch in Tonstudios zur Schallmodulierung eingesetzt werden.

Psychotricks, die “Greatest Hits von Guantanamo”

Unbenannt-2

Der grobe Klangknüppel LRAD spielt in Steve Goodmans “Sonic Warfare” natürlich eine Rolle, schließlich kommen ähnliche Techniken auch bei befreundeten Künstlern zum Einsatz, etwa beim “Sonic Crowd Management” des Berliners Robert Henke, der einen Hälfte des Duos Monolake. Dessen Installation “Schall-Pöbel-Management” war als Teil der Kunst-Quatsch-Veranstaltung “Pudel Art Basel” zu hören, beziehungsweise zu meiden, denn hier ging es wiederum um die Kontrolle bestimmter Flächen durch unerträglichen Lärm.

Richtig warm läuft sich Goodmans “Sonic Warfare” allerdings erst dann, wenn es nicht mehr um plumpe Hörschäden, sondern um psychoakustische Tricks geht. Dazu wird die wohl bekannte Palette der einschlägigen Beispiele durchdekliniert, angefangen vom Klassiker par Excellence, der Gefangennahme Manuel Noriegas. Der durch und durch dubiose Noriega – Drogenhändler, Ex-CIA-Partner und Kurzzeit-Diktator von Panama – wurde am 3. Januar 1990 von US-Truppen gefangen genommen.

Dem war eine US-Invasion in Panama vorausgegangen, die einzig auf die Festnahme Noriegas abzielte. Dieser entzog sich den US-Truppen allerdings durch die Flucht in die Botschaft des Vatikans, wo Noriega sich erst ergab, nachdem die Botschaft tagelang mit extrem lauter Musik beschallt worden war. Eine ähnliche Zermürbungstaktik durch Non-Stop-Beschallung wurde 1993 bei der Belagerung der Davidianer-Sekte in Waco, Texas, eingesetzt, auch wenn das Ergebnis längst nicht so eindrucksvoll war, wie in Panama (die Belagerung endete erst nach 51 Tagen mit einem Blutbad, in dem ein Großteil der Belagerten umkam).

Und natürlich fehlen auch auch die “Greatest Hits von Guantanamo” in Goodmans “Sonic Warfare” nicht, also die Liste der am meisten eingesetzten Songs bei der Folter durch Dauermusikbeschallung. “Hells Bells” und “Shoot to Thrill” von AC/DC, “Enter Sandman” von Metallica und “White America” von Eminem eignen sich offensichtlich besonders gut, um den Willen von Gefangenen zu brechen – jedenfalls wenn die Stücke über Tage ohne Unterbrechung gespielt werden. Aber auch Britney Spears, Neil Diamond oder der Titelsong aus der “Sesamstraße” finden sich in diesen Horror-Compilations.

Paranoia

Unbenannt-1

Auf der letzten Eskalationsstufe des “Sonic Warfare” wird es dann richtig gruselig. Es geht dort um die wirklich untergründigen Beeinflussungen, die ähnlich der Fahrstuhl-Muzak Stimmungen erzeugen soll, ohne dass die Opfer etwas von dieser Maßnahme mitbekommen. Echte Transparenz ist hier aber leider auch von Goodman aka Kode9 nicht zu erwarten, was angesichts der Obskurität des Themas kaum erstaunt.

Vor allem wenn das Unbestimmte, Raunende doch so gut zum Kode9-Image passt, zu dem unter anderem gehört, sich notorisch jedem Foto zu verweigern und auch sonst möglichst nie ganz und gar fassbar zu sein. Goodmans vorläufiges Fazit ist dann bezeichnenderweise die “fehlende Dimension” in der Diskussion und Reflexion von der Körperbeeinflussung durch Klang einzufordern. Diese “Frequenz-Politik” bleibt ebenso seltsam-konturlos, auch und gerade, weil sie so unterschiedliche Bereiche wie Philosophie, Wissenschaft, Ästhetik und Popkultur umfassen soll.

Vielleicht ist die Konturlosigkeit der zwingende Preis für die Erkundung von Neuland, trotzdem bleibt der Verdacht, dass Goodmans Konzept einer “Frequenz-Politik” ähnlich unhaltbar sein könnte, wie die Idee der untergründigen Beeinflussung durch knapp unhörbare Frequenzen. Vor allem, weil man man ja gerade beim Personal der Post-Jungle-Genres nie genau weiß, ob es gerade geheimnisvoll oder einfach nur verpeilt zugeht.

Am Ende bleibt der Vermutung, dass sich “Sonic Warfare” wenigstens teilweise mittels eines bewährten Kniffs interessant gibt, wie ihn beim Thema Sound-Waffen auch die Fraunhofer Gesellschaft zum Besten gibt: Die Google-Suche nach “nicht-letales Wirkmittel”, dem offiziellen deutschen Terminus für “nicht-tödliche Waffen”, zeigt als ersten Treffer einen Eintrag zu einem “Akustik-Generator im Infraschallbereich als nicht-letales Wirkmittel” aus der “Publikations-Datenbank der Fraunhofer Wissenschaftler und Institute”. Dumm nur, dass der Eintrag Passwort-geschützt ist. Aber auch wahnsinnig interessant und vielversprechend.

Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

Steve Goodmans (aka Kode9) “Sonic Warfare – Sound, effect and the ecology of fear” wird im Dezember bei MIT Press erscheinen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses