Die asymmetrischen Konflikte der globalisierten, vernetzten Welt bringen auch neue Waffen hervor. Neben den objektiven Anforderungen von Polizei und Militär werden die "Killer Gadgets" auch von Science Fiction, Popkultur und Paranoia geprägt.
Text: Anton aus De:Bug 136

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Von Anton Waldt (Text) & Moritz Reichelt (Bild)

Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

Es gibt wieder Wunderwaffen. Elektroimpulspistolen setzen Gauner schachmatt, Mikrowellenkanonen zerstreuen pöbelnde Mobs und Hochfrequenzwaffen wehren somalische Piraten ab. Ersteres ist bereits Realität, die folgenden Techniken befinden sich noch im Versuchs- beziehungsweise Forschungsstadium. Dass die Entwicklung der scheinbar utopischen Waffensysteme unter dem Stichwort “Nicht tödliche Waffen” (Non Lethal Weapons, NLW) erfolgt, ist dabei kein Zufall, auch wenn es geradewegs in die Irre führt, weshalb sich inzwischen der Begriff “Less Lethal Weapons” durchzusetzen beginnt, exakter wäre aber wohl “diffenziert tödliche Waffen” oder für Zyniker “More or Less Lethal Weapons”.

Natürlich hat die scheinbare Abkehr der Sicherheitskräfte von ihren geliebten Totschlägern zunächst propagandistische Züge, aber sie folgt auch einer speziellen, von Post-Hippies geprägten Tradition. Außerdem wird sie der veränderten “Bedrohungslage” im 21. Jahrhundert gerecht: Angesichts der “asymmetrischen” Konflikte unserer Tage und der medialen Skandalisierung von Toten und Blutvergießen gewinnt die nicht-tödliche Gewaltausübung gegenüber der tödlichen aus den Massenschlachten des 20. Jahrhunderts rapide an Bedeutung.

Konkret wird Aufstandskontrolle für Militärs momentan immer wichtiger, während Panzer-Feldschlachten und Fernstreckenraketen-Death-Matches an Bedeutung verlieren. Im Fokus stehen heute “Military Operations Other Than War” (MOOTW). Zur veränderten Problemstellung kommt, dass die moderne Mediendemokratie ihre gewalttätigen Konflikte möglichst wie im Video-Spiel austragen will: Der Kampf findet auf offener Bühne statt und nachdem ein Gewinner ermittelt wurde, klopft man sich den Staub aus den Outdoor-Klamotten, geht nach Hause und hat etwas gelernt.

Vielleicht wird noch jemand eingesperrt oder zu einer Geldstrafe verurteilt, aber körperlich sollten doch bitte alle unversehrt aus der Sache herauskommen, weil reales Blut und echte Tote schlechte Presse produzieren, und die hat sogar auf Regimes wie das im Iran einen erheblichen Einfluss.

Moderne Waffensysteme tragen Namen wie “GBD-IIIC Laser Distractor”, “FN-303 Less Lethal Launcher” oder “Acoustic Hailing Device” und das hört sich nicht von ungefähr mächtig nach Science Fiction an. Auch Waffenentwickler, Polizisten und Militärs sind auf Science Fiction zurückgeworfen, wenn es darum geht, zukünftige Gerätschaften zu ersinnen. Und was wäre die ultimative Waffe, wenn die Fantasie freie Bahn hat?

Ein handliches Ding in Revolverform mit dem man beliebige Gegner ganz nach Bedarf fesseln, verletzen oder töten kann. Der Maler Moritz Reichelt, von dem unsere Portraits moderner Waffengurus stammen, bringt die Fantasie auf den Punkt: “Die Traumwaffe dieser Leute ist der Phaser aus Star Trek. Eine Strahlenwaffe, an der du einstellen kannst, ob sie tödlich ist oder den Gegner nur außer Gefecht setzt.” Tatsächlich ist der “Phaser” wohl so etwas wie der Fixstern der von Groschenromanen, Blockbustern und Videospielen vollgepumpten Vorstellungswelt der Waffenentwickler-Avantgarde.

“Die ursprüngliche Idee ist eine literarische, man muss sich ja erstmal eine Vorstellung machen. Schriftsteller oder Filmemacher denken über diese Dinge nach, lange bevor die Technologien faktisch verfügbar sind”, erklärt Reichelt weiter. Das beste Beispiel für die Stimmigkeit dieser These ist der Entwickler der Elektroschockpistole Taser, der mit Abstand erfolgreichsten Gadget-Waffe. Denn John “Jack” Cover erhielt sowohl die Idee als auch den Namen seines Produkts aus dem Groschenroman “Tom Swift and His Electric Rifle” (TASER), den Victor Appleton bereits 1911 verfasste.

In den folgenden Special werden wir die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der neuen Killer Gadgets beleuchten, angefangen bei den Protagonisten der Entwicklung, die nicht nur von Moritz Reichelt gemalt wurden. Ihr Werdegang wurde auch vom Journalisten Jon Ronson akribisch rechechiert, wir bringen zwei Passagen aus seinem Buch “Durch die Wand”, das gerade von George Clooney mit einem Staraufgebot verfilmt wurde.

Dabei zeigt Jonsons Buch trotz seiner unterhaltsamen Absurdität vor allem eines: Nicht-tödliche Waffen produzieren zwar weniger Tote, aber sie sind auch das ideale Folterinstrument. Anschließend geht es um die Technik der neuen Waffen und ihre gruselig enge Verwandtschaft mit aktueller Unterhaltungselektronik. Zuletzt beschreibt Steve Goodman aka Kode9, was Sound-Waffen mit Sound-Systems zu tun haben.

Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. De:Bug » Non Lethal Weapons

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