Den Taser als Waffe gegen urbanen Pöbel kennt man. Aber was ist mit dem "Active Denial System", dem "Acoustic Hailing Device"? Oder auch rosa Licht? "Non Lethal Weapons" sind nicht nur ein boomender Wirtschaftszweig, sondern auch gefährliche Spielwiese Realität gewordener Science Fiction.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 136

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Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

Waffen haben die menschliche Fantasie immer schon aufs Äußerste angeregt. In der neuen, der “Wunderwaffe”, kulminieren die Ideen von Herrschaft, Technik und Fortschritt zu einer hässlichen Fratze. Dabei ist die Wunderwaffe als Erlösungsfantasie natürlich von vornherein eine trügerische Illusion: Die fiebrig herbeigesehnte Überlegenheit revolutionärer Waffensysteme hat allein deshalb eine äußerst knapp bemessene Halbwertszeit, weil gerade Herrschaft, Technik und Fortschritt jedem neuen Waffensystem im Handumdrehen passende, neue Abwehrstrategien entgegensetzen.

Trotzdem oder gerade deshalb dreht sich das Wunderwaffen-Hamsterrad unerbittlich und das Ringen um die Kontrolle “feindlicher” Körper dürfte nie ein Ende finden. Die grundsätzlichen Problemstellungen sind dabei seit Menschengedenken konstant geblieben. Körper zerstören oder beschädigen, festhalten und in Form halten – die Funktionen finden sich anschaulich schon im mittelalterlichen High-Tech aus Schwertern, Ketten und Rüstungen.

Das Beispiel des Ritters in voller Montur führt unterdessen zu einem Faktor in der Waffengeschichte, der regelmäßig unterschätzt wird: die kulturelle Begrenzung des technisch Möglichen. Es gilt nämlich mitnichten, dass in der Waffentechnik immer alles erlaubt ist, was möglich ist. Im Gegenteil, die Art der Gewaltanwendung im Alltag und im Krieg sind grundsätzlich kulturellen Konventionen unterworfen, die die Gewalt tendenziell mäßigen.

So galt den mittelalterlichen Kriegern über Jahrhunderte die “feige” Distanzwaffe Armbrust als etwas zutiefst Verabscheuungswürdiges, genau wie der Einsatz von Chemiewaffen in der internationalen Politik heute ein No-Go ist, ein Tabu. Und vielleicht liegt gerade hier der wirklich revolutionäre Fortschritt der aktuellen Waffenentwicklungswelle, die unter dem Stichwort “Non Lethal Weapons” (NLW) fungiert, auch wenn ihre Produkte im Zweifelsfall genauso tödlich sind wie ein fies gezackter Morgenstern.

Aber das Buzzword NLW signalisiert eben auch, dass der kulturelle Faktor der Gewaltausübung nicht von vorne herein links liegen gelassen wird. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass das Konzept der NLW in der Folge des Vietnam-Krieges entstand, dem Krieg, in dem Medien und Popkultur wie nie zuvor entscheidende Rollen spielten.


Star Trek

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Bild: Der “Taser X26″mit Laserzielvorrichtung, LED Taschenlampe und drei Kartuschen. (Taser Systems)

Die ultimative Waffe der Non-Lethal-Weapons-Szene ist, wie eingangs erwähnt, der Phaser aus der Über-Serie der Science Fiction: Star Trek. Deren erste Folge wurde 1966 ausgestrahlt und dürfte auf aktuelle Waffenentwicklungsprogramme einen ähnlichen Einfluss haben, wie die gesammelten Erkenntnisse der Nobelpreisträger in “harten” Kategorien wie Physik, Chemie und Medizin.

Was ein Phaser darstellt, sollte man daher wohl Hardliner-Fans erklären lassen: “Phaser feuern einen von Phaser-Emittern ausgesendeten kontinuierlichen Nadionpartikelstrahl ab, der beim Auftreffen auf ein Ziel Schaden anrichtet. (…) Die Phaser können dabei in ihrer Stärke verschieden eingestellt werden. Auf der geringsten Einstellung können Handphaser Humanoide betäuben, ohne größeren Schaden anzurichten, allerdings kann selbst in dieser Einstellung ein Schuss auf kurze Distanz tödlich sein. Auf der höchsten Einstellung können Phaser einen Humanoiden mit einem Treffer komplett desintegrieren.”

So die Beschreibung der Wunderwaffe im Wiki der Trekkie-Site “Memory Alpha”. Zieht man den Nerd-Buhei ab, geht es hier immer noch um ein Update des mittelalterlichen Repertoires von Körperbeherrschung, Zerstören, Beschädigen, Festhalten. Aber es geht eben auch um die exakte Dosierung des “Wirkmittels” und damit um den springenden Punkt des NLW-Konzepts – sonst wäre ja bereits der gute alte Knüppel schon die perfekte nicht-tödliche Waffe, schließlich kann dieser dem Körper des Gegners auch die ganze Palette an Wirkungen zufügen, um die es den Sicherheitskräften geht.

Und da das vorhandene Waffenarsenal in der Kategorie ”Töten“ schon ziemlich perfekte Resultate liefert, geht es bei den nicht-tödlichen Waffen tatsächlich vor allem darum, das Fesseln, Betäuben und Verletzen des feindlichen Körpers ähnlich zu perfektionieren. Dringlich wird diese Entwicklung durch zwei sich gegenseitig verstärkende Faktoren, zum einen die Tendenz zu “asymmetrischen Konflikten”, in denen sich die Aufgaben der Militärs immer weiter denen der Polizei annähern, weil die Feldschlacht durch Aufstandskontrolle abgelöst wird.

Gleichzeitig spielt die mediale Vermittlung von gewalttätigen Konflikten eine immer größere Rolle, weshalb die Sicherheitskräfte ihre Aufgaben nicht nur Ergebnis-orientiert lösen müssen, sondern auch auf eine Art und Weise, die dem globalen Publikum vermittelbar ist. Die Kultur des Krieges wird durch Handys und Internet in Echtzeit einer kritischen Diskussion unterworfen.

Das Taser-Paradox

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Bild: Das Model “Taser Shockwave” besteht aus einer Batterie mit 12 Kartuschen, die wahlweise auf ein Stativ oder Fahrezeug montiert werden und feindliche Mobs niederstrecken kann. (Taser Systems)

Bevor wir uns den wirklich utopischen Waffen aus den gar nicht so geheimen Labors zuwenden, sollte man die NLW-Erfolgsgeschichte par excellence betrachten, den Taser. Denn diese Waffe hat nicht nur eine verblüffende Namensähnlichkeit zum Phaser, sie existiert tatsächlich und wurde schon hunderttausendfach eingesetzt, vor allem in den USA gehört sie längst zum Alltag der Sicherheitskräfte.

Der Taser ist eine pistolenähnliche Elektroimpulswaffe, mit der der Gegner zunächst “vernetzt” wird, indem per Druckluft mit Widerhaken versehene Projektile in den Körper geschossen werden, wobei an den Widerhaken dünne Drähte befestigt sind. Ist der Gegner solchermaßen “angeschlossen” kann er durch kontrollierte elektrische Schläge mehr oder beliebig kontrolliert werden. Dabei reicht in der Regel ein Impuls, um jede weitere Gegenwehr zu unterdrücken, denn der Elektroschock ist zwar kurz und kontrolliert, aber auch extrem schmerzhaft.

Sollte man es mit einem besonders renitenten Gegner zu tun haben, den das einmalige Schmerzerlebnis nicht schreckt, können solange weitere Schocks verabreicht werden, bis die Batterien leer sind, was praktisch aber kaum vorkommt. Der Ursprung des Tasers ist – wie sollte es anders sein – ein fantastisches Groschenheft. “Tom Swift and His Electric Rifle”, das bereits 1911 erschien, lieferte dem Taser-Erfinder Jack Cover sowohl das Konzept als auch den Namen der Waffe, deren Entwicklung er seit den 1960ern im Hobbykeller nachging, während er noch Jobs bei IBM und Hughes Aircraft hatte.

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Bild: Mit dem Gewehr Taser X12 kann verschiedene, weniger tödliche Munition verschossen werden, unter anderem Taser- und Gummi-Geschosse

1972 machte Cover sein Hobby zum Beruf und gründete die Firma Taser Systems, die allerdings erst Jahrzehnte später wirklich erfolgreich wurde, nachdem 1993 die Brüder Tom and Rick Smith ins Geschäft einstiegen. Immerhin erlebte Cover den Boom seiner Erfindung noch mit, bevor er im Februar 2009 im gesegneten Alter von 88 Jahren starb.

Der Taser funktioniert inzwischen nämlich so zuverlässig, dass er in den USA hunderttausendfach eingesetzt wurde und die Firma Taser eine ganze Palette von Produktvarianten auf den Markt gebracht hat: angefangen vom Grundmodel “Taser C2”, dass in den USA in modischen Farben auch an Privatpersonen vermarktet wird, über den “Taser X26” mit Laserzielvorrichtung, LED-Taschenlampe und drei Kartuschen, bis hin zu den militärischen Versionen, unter denen sich auch das martialische Modell “Taser Shockwave” findet, eine Batterie mit 12 Kartuschen, die wahlweise auf einem Stativ oder an Fahrzeuge montiert werden kann und feindliche Mobs niederstrecken kann.

Die Hochglanzerfolgsgeschichte des Tasers zeigt allerdings auch die unheimlichen Schattenseiten der nicht-tödlichen Waffen. Und dabei geht es nicht einmal um die Diskussion, ob der Taser in bestimmten Fällen nun doch Tote produziert, etwa beim “Schocken” von herzkranken Menschen. Es geht vielmehr um die Kollateralschäden der Waffe: Zum einen sind die Stürze nach einem Taser-Beschuss riskanter als der Beschuss selbst, die Opfer klappen nämlich ob des Elektroschocks einfach um, womit die Idee der kontrollierten Gewaltausübung ad absurdum geführt wird.

Zum zweiten – und dieser Punkt ist entscheidend – illustriert der Taser, gerade weil er so gut funktioniert, auch die grundsätzlich dunkle Seite aller nicht-tödlichen Waffen: die Folter. Denn eine Waffe, mit der man Schmerzen produzieren kann ohne bleibende physische Schäden zu hinterlassen, ist eben auch das perfekte Folterinstrument. Wegen dieser Kollateralschäden sind Taser hierzulande übrigens genauso strengen Kontrollen unterworfen wie Schusswaffen und selbst die Polizei nutzt die Elektroschocker nur in raren Ausnahmefällen.

From Disko to Demo

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Bild: Der “Non Lethal Optical Distractor” der FIrma B.E. Meyers blendet Feine per Laser zielgerichtet und über eine große Distanz hinweg. (B.E. Meyers)

Nun wäre die Firma Taser Systems nicht die erfolgreiche Vorzeigefirma, wenn sie aus den Schattenseiten ihrer Hit-Waffe nicht prompt neue Produkte machen würde. Mit “Taser Axon” und “Evidence.com” bietet die Firma Sicherheitskräften sozusagen eine Rundum-Sorglos-Versicherung für den Einsatz ihrer Elektroschocker an, mit denen Missbrauch mehr oder weniger ausgeschlossen wird: Die Systeme kombinieren auf raffinierte Art und Weise die Dokumentation und Aufbereitung des Taser-Einsatzes, indem sie die Waffe durch moderne A/V-Gadgets ergänzen, mit denen das gewalttätige Geschehen akribisch und vor allem gerichtsfest dokumentiert wird – und welcher Wachschutzmann wird schon seinen Job riskieren, wenn jeder willkürliche Taser-Einsatz prompt ans Tageslicht kommt?

Schön gedacht, aber natürlich verhindert das System den Missbrauch genauso wenig, wie Überwachungskameras die Straßenkriminalität, was sich dann in zahllosen Taser-Exzessen gegen Renter oder Betrunkene niederschlägt, die man auf YouTube bewundern kann. Aber so fragwürdig die Multimedia-Produkte von Taser Systems auch sein mögen, sie zeigen eine Verbindung auf, die es in sich hat, nämlich zwischen den Torture Gadgets der NLW-Industrie und unserer geliebten Unterhaltungselektronik.

Wie man Schritt für Schritt unmerklich vom digitalen Spaß zum Bürgerkriegsalb kommt, kann recht anschaulich anhand von Sound- und Lichtsystemen illustriert werden. Und um anhand des Beispiels Licht von der Disko zur Waffe zu kommen, muss man nicht einmal die berühmte psychedelische Wirkung des Stoboskop-Lichts bemühen. Man kann vielmehr beim Schwarzlicht in Toiletten ganz normaler Lokale in Gegenden mit einem Junkie-Problem beginnen, beispielsweise im McDonalds am Hamburger Hauptbahnhof, wo die Beleuchtung den Süchtigen den Spaß am Spritzen vermiest.

Von dort geht es weiter nach Großbritannien, wo ein einfallsreicher Polizist die Rosa-Beleuchtung ersonnen hat, in der Pickel besonders intensiv leuchten, wodurch Jugendliche zuverlässig vom Abhängen in Hauseingängen oder Unterführungen abgehalten werden können. Von dort ist es dann schon kein weiter Sprung mehr bis zum militärischen “Non Lethal Optical Distractor”, wie ihn etwa die Firma B.E.Meyers anbietet: Der Laser kann Feinde zielgerichtet über eine große Distanz hinweg blenden, wobei der Effekt ähnlich wie nach einem Blick in die Sonne einige Minuten andauern kann.

Der Haken an solchen Blendsystemen ist natürlich wiederum die Dosierung, der Grat zwischen Blendung und Erblindung ist nämlich leider schmal. Aber im NLW-Geschäft gibt es wohl kein Problem, das nicht mit einem weiteren Produkt gelöst werden kann, weshalb B.E.Meyers zu seinen Blend-Lasern wie dem GLARE GBD-IIIC das “Safety Control Module” (SCM) anbietet, das den markenrechtlich geschützten Effekt EyeSafe® liefert, indem die Entfernung zum Ziel ständig gemessen und die Laserintensität entsprechend angepasst wird.

Gedankenkontrolle

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Bild: Das “Vehicle Lightweight Arresting Device” (VLAD) hat einen hochtrabenden Namen und eine einfache Aufgabe: Das Fangnetz blockiert die Reifen von Fahrezeugen.

Fast lückenlos ist auch die Produktkette vom Gadget zur Waffe, wenn es um Sounds geht. Hier kann man beim Piepsen des Rechners beginnen, das eine Fehlermeldung unterstreicht um nahtlos zu iPosture zu gelangen, dem unauffälligen Tool zur Haltungskorrektur. Das Gadget von der Größe eines Zweieurostücks ist ein kleiner Sensor, der sich kalibrieren lässt und den man sich umhängen, aber auch direkt auf die Haut pappen kann. Sobald man länger als eine Minute seine vorbildliche Haltung um mehr als drei Grad verlässt, piept es und der widerspenstige Körper ist unter Kontrolle gebracht.

Nun ist das Piepsen am Rechner oder von iPosture lästig oder vielleicht sogar nervtötend, richtig gemein wird es aber erst im nächsten Schritt mit “Mosquito”, dem Teenager-Schreck: Das Gerät des Tüftlers Howard Stapleton erzeugt Töne zwischen 16 und 19 Kilohertz, die nur für Teenager hörbar sind, weil das Gehör ab dem 18. Lebensjahr unweigerlich nachlässt. Stapleton vermarktet seine Erfindung, mit der sich Teenager zuverlässig vom Herumlungern abhalten lassen, inzwischen mit seiner Firma Compound Security.

Jenseits von Großbritannien stößt die Hochfrequenz-Keule allerdings nicht nur auf begeisterte Käufer, sondern auch auf harsche Kritik, teils weil die technische Regulierung sozialer Konflikte grundsätzlich abgelehnt wird, aber vor allem weil Schädigungen des Hörvermögens nicht ausgeschlossen werden können. Weiter geht´s über die “akustische Stinkbomben” namens “Sonic Nausea”, die enervierende Frequenzen für alle Altersgruppen produziert und sich extrem schwer orten lässt, zum militärischen “Acoustic Hailing Device” (AHD).

Das AHD muss man sich etwa so vorstellen, wie den Lautsprechertraum aller Open-Air-Veranstalter, wasser-, staub- und stoßfeste Boxen, die gleichzeitig extrem kompakt sind und deren Schall sich relativ exakt richten lässt – auf bis zu einen Kilometer und mehr. Im Einsatz des AHD verschwimmen die Funktionen des Geräts unterdessen munter: von der Nachrichtenübermittlung auf dem Schlachtfeld über Propaganda, mit der feindliche Soldaten traditionell beschallt werden, bis hin zum Einsatz als Waffe, wenn als unangenehm empfundene Frequenzen zielgerichtet auf den Gegner abgefeuert werden. Und nach einem schwungvollen Dreh am Frequenzregler kommen wir zuletzt vom real eingesetzten, aber in seiner Wirkung auch nicht besonders durchschlagkräftigen AHD zum aktuellen Gral des militärischen NLW-Arsenals, dem sogenannten “Active Denial System” (ADS).

Das Gerät erzeugt Mikrowellenstrahlen mit einer Frequenz von 95 Gigahertz, die knapp (0,4 Millimeter) unter die Haut gehen und den Getroffenen das Gefühl geben, ihre Haut würde brennen. Das ADS existiert und wird auch schon ausgiebig getestet, vor der Freigabe im echten Einsatz gegen den feindlichen Pöbel im Irak oder Afghanistan steht allerdings wiederum das dumme Dosierungsproblem. Denn das ADS kann prinzipiell auf Distanzen von bis 500 Metern eingesetzt werden und wenn man sich dabei mit der Strahlungsintensität verstolpert, haben die Opfer nicht nur das Gefühl, dass ihre Haut brennt, sie werden vielmehr bei lebendigem Leib gegrillt.

Aus dem Special in De:Bug 136: WUNDERWAFFEN

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2 Responses

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