"Civilian" ist ein kleines zerkratztes Meisterwerk
Text: Michael Döringer aus De:Bug 150

Die Wye Oak war eine amerikanische Weiß-Eiche irgendwo im ländlichen Nichts von Maryland, die größte und älteste ihrer Art, bis sie 2002 von einem Gewitter zerstört wurde. Ein paar Jahre später begannen Jenn Wasner und Andy Stack im etwa eine Stunde entfernten Baltimore gemeinsam Musik zu machen. Ihr neues Album “Civilian” ist ein kleines zerkratztes Meisterwerk und pflanzt den majestätischen Baum neu, mitten in die gebeutelte Großstadt.

Es ist immer wieder erstaunlich, folgt aber schlicht der popkulturellen Logik, dass ein verarmter, postindustrieller Drogen- und Verbrechensmoloch wie “Body more”, als das man die Stadt aus The Wire kennt, so gefühlvolle und intellektuelle, musikalische Akteure wie David Byrne, Animal Collective oder Beach House an die Oberfläche spült. Die Probleme der Stadt sind offensichtlich, die Lebensqualität nicht sehr hoch und die Mieten wiederum sehr niedrig.

Deswegen und aufgrund Baltimores Nähe zu New York und der Ostküste ziehe es seit einer Weile viele Künstler und Musiker dort hin, sagt die 24-jährige Jenn. “Mit der Zeit begann die Szene zu florieren und brachte ein ganz neues Leben in die Stadt. Seit ein paar Jahren hat diese Entwicklung einen echten Gipfel erreicht.” Es gibt bestimmt aufregendere Orte auf der Welt für musikalisch ambitionierte Mittzwanziger wie Andy und Jenn, aber gerade die ausgeprägte Szene ist es, was sie immer noch in ihrer Heimatstadt hält, wo sie sich an der Highschool kennen lernten und zusammen in verschiedenen Bands spielten.

“Zu gleichen Teilen Freund und Fan”
“Man ist hier zu gleichen Teilen Freund und Fan, denn die Musik, die hier um einen entsteht, ist so großartig und einflussreich. Wir sind hier Teil einer tollen Gemeinschaft, die einschüchternd und motivierend zugleich ist, weil sie so produktiv und inspirierend ist. Ich bin sehr stolz darauf, hier zu leben”, schwärmt Jenn. Und auch wenn einzelne Bands wie Beach House oder Dan Deacon einen internationalen Ruf haben, so Andy, kommt auf jede von ihnen ein Dutzend junger Bands, die noch unentdeckt sind und ebenfalls unglaubliche Sachen machen.

Einen Baltimore-Sound gibt es dabei nicht. So wenig die genannten Bands musikalisch miteinander zu tun haben, so schwer lassen sich Wye Oak auf einen Punkt bringen oder in eine ästhetische Beziehung zu Baltimore setzen. Vielmehr passt dieses vage Bild von der durch die Jahrhunderte gebückten Eiche, die in ihrer ganzen gebrochenen Anmut verlassen auf einer weiten Wiese steht.

Unklare Geschichten, die jeder versteht
“Civilian” kommt nicht mit akustischer Folk-Romantik, sondern verkehrt das Koordinatensystem. Wildnis statt Downtown, aber Sonic Youth statt Crosby, Stills, Nash & Young, subtiler Krach unter freiem Himmel und ein Feuerwerk der Innerlichkeit. Wye Oak können mehr als bloß Indiefolk. Die Songs fließen, verzichten auf Strophe-Refrain-Unterteilung, sind aber trotzdem aufgeladener und pointierter als jede bemühte Hookline. Jenn singt erhaben, ihre Geschichten sind unklar, aber jeder versteht sie.

2008 klopfte Merge Records völlig unerwartet bei den beiden an und wollte ihr schon ein Jahr altes Debütalbum “If Children” releasen. Von da an sollte die Musik ihr Leben sein, was das Natürlichste auf der Welt zu sein schien. “Ich bin auf der Welt, um Songs zu schreiben. Es ist offensichtlich das, was ich am besten kann”, meint Jenn, und auch Andy nickt. Wenn man mit den beiden spricht, sie auf der Bühne beobachtet – er hochkonzentriert mit allen vier Gliedern an Schlagzeug und Keyboard, sie versunken am Mikrofon, behände an der grollenden Gitarre -, dann ist klar: So muss es sein, und nicht anders. “Use your gut, not your brain!” Wye Oak haben Recht.

Wye Oak, Civilian, ist auf City Slang/Universal erschienen.

http://www.cityslang.com