Bis jetzt waren nur die Verpackungen als Teaser erhältlich, aber im März platzt die X-Box auch in den deutschen Markt. Fast doppelt so teuer wie die Konkurrenten Gamecube und Playstation2 braucht sie entwaffnende Argumente, um sich durchzusetzen. Hat sie die?
Text: HEIKO GOGOLIN, NILS DITTBRENNER aus De:Bug 57

Trojaner im Wohnzimmer
X-Box, Microsoft Strategie & Nintendo Gamecube

Seit dem Crash des Videospielemarkts Anfang der 80er, von dem sich einige Hersteller daraufhin mit blauem Auge (Mattel) oder K.O. (Atari) verabschiedeten, wagte sich vorerst kein nordamerikanischer Konzern auf das dünne Eis des Hardwaregeschäfts. Nintendo aber kam, sah und siegte schon knapp drei Jahre später mit dem N.E.S., der zweiten Massenkonsole der Videospielgeschichte, und Mario unterm Arm. Das große N legte zusammen mit Konkurrent Sega den Grundstein für die gut zehn Jahre währende japanische Vorherrschaft in Konsolien. Mit dem neuen Player Sony ging zwar der größte Marktanteil in die Hand eines globalen Unterhaltungskonzerns, aber weiterhin blickte die Gemeinde der Spieler ausschließlich ins Land der untergehenden Sonne.
Versuche von Philips, Panasonic und dem für kurze Zeit wiederbelebten Koma-Patienten Atari floppten auf ganzer Linie. Von der angestrebten Wiedergeburt des Amigas als reine Spielemaschine war nur in den Fachzeitschriften zu lesen.

Spätestens mit dem Megaseller PlayStation sprang der Umsatz der Branche wieder in ungeahnte Höhen. Diverse Schätzungen sprechen schon seit zwei Jahren sogar von einem Überholen der Filmeinspielergebnisse an der Kinokasse.
Ab dem 14. März will Microsoft nun auch sein Stück vom Kuchen, was soviel heißt wie: Microsoft will ihn selber backen. Die XBox wird nach Amerika nun auch nahezu zeitgleich in Deutschland und Japan released. Endlich werden die leeren Kartons, die man sich gegen eine Anzahlung schon unter den Christbaum legen konnte, mit Inhalt gefüllt.

Microsoft setzt zur Eroberung des Marktes so viel Geld ein, dass man mit Verlusten von 2 Millarden-Dollar kalkuliert. Angesichts eines geschätzten Privatvermögens von Bill Gates von mindestens dem 50-fachen vielleicht nur Peanuts. Erst 2005 mit der XBox2 wird die schwarze Null angestrebt. El Chefo Gates sollte auf Wunsch des XBox-Teams möglichst nur eine Nebenrolle in den öffentlichen Prä-Launch-Präsentationen der Konsole spielen, weil man um die angestrebte Street Credibility fürchtete. Dennoch ließ er sich es nicht nehmen, bei verschiedenen Auftritten persönlich Hand an das reichlich klobige Joypad zu legen.
Microsoft begann schon von Anfang an, hochkarätige Fachkräfte und Spieleteams exklusiv an sich zu binden. Böse Zungen zischeln von einer Diplomatie des Checkbuchs, mit der Prominente wie Boris Schneider oder Peter Molyneux von Big M ins Boot geholt wurden.
Zudem wurden Toptitel, die über Erfolg und Misserfolg einer neuen Hardware entscheiden, ausschließlich an die XBox gebunden.
Exklusive Releases stimulieren den Muss-ich-haben-Nerv der Käufer, der angesichts eines Preises von 479 Euro in der Grundausstattung auch ordentlich gejuckt werden muss. Zum Vergleich: Die PS2 kostet immer noch 299 Euro, während der GameCube ab 3. Mai für gerade mal 249 Euro zu haben sein wird. Schauen wir auf das geplante Spielelineup, finden wir trotzdem viele “Exklusiv”-Titel, deren Portierung auf PC schon geplant ist, wie z.B. der 3D-Shooter Halo. Das Nichtvorhandensein eigener Trademark-Charaktere wie Mario oder Crash Bandicoot soll der Titelheld von Oddworld “Munch’s Odyssey Abe”, das gurkige Amphib, kompensieren. Weiterhin eingekauft wurden Dreamcast-Brands wie der amerikanische Release des kürzlich in Europa erschienenen Shen Mue 2 und Jet Set Radio Future.
Dass sich Teams oder komplette Firmen auf eine Plattform beschränken, ist indes nichts Neues. So hat auch Sony mit z.B. Gran Turismo oder Metal Gear Solid einige PlayStation-only-Smasher im Gepäck. Kürzlich sorgte die GameCube-Exklusivität der kompletten Resident Evil Serie samt aller Remakes (!) für Furore.

Die PC-Nähe der XBox Hardware ist auffällig. Microsoft will dadurch Gamehersteller zur schnellen und kostengünstigen Portierung von PC-Titeln animieren. Eine für Amerika implementierte Kindersicherung fehlt in Europa. Die Hardwarespecs der XBox sind zwar auf den ersten Blick von allen Konkurrenten die dicksten, doch die Geschichte hat bewiesen, dass Masse nicht immer Klasse ist. Vielmehr ist eine kluge Verschaltung der einzelnen Komponenten entscheidend, um eine Plattform leicht und flexibel zu programmieren. Sowohl die XBox als auch Nintendos Gamecube genießen in dieser Disziplin einen guten Ruf, was von der PS2 nicht gerade behauptet werden kann.
Doch Microsoft strebt nicht nur nach einer klasse Spielehardware. Ähnlich wie in den PS2-Plänen von Sony versucht man, ein komplettes Entertainment-Zentrum subversiv in den Wohnzimmern zu installieren. In Zukunft soll der Konsument auf XBox-Standards durch diverse Zusatzangebote zur Kasse gebeten werden. Wie dieses Rundum-Carepaket aussehen soll, ist nur in Grundzügen bekannt. Spekuliert wird auf eine Zukunft als Surfterminal im Wohnzimmer, als digitaler Videorecorder und/oder als Settop-Box für Video-on-Demand. Der Codename Homestation kursiert. Angesichts des noch unausgespielten Windows-Ass im Ärmel des Quasi-Monopolisten verbleibt ein leichtes Drücken in der Magengegend: spooky.
Sony peilt das selbe Klassenziel mit Hilfe von potenten Partnern wie AOL, RealNetworks, Cisco und Macromedia an: die PS2 als multimediale Schaltzentrale im globalisierten Haushalt.
Nintendos lila Würfel setzt dagegen weiterhin auf das Image als genuine Konsole und damit Spielzeug. Wem das zu bunt ist, dem schafft Panasonic in Form eines Gamecube-DVD Hybrid im Hifi-Look Abhilfe, leider vorerst nur in Japan.

Als Launchmenü serviert uns Microsoft Altbewährtes. Viele Titel sind hochgetunte Varianten der gängigen Spielkonzepte. Auf der Racingseite warten u.a. der MSR-Nachfolger Project Gotham Racing, die Drive and Destroy Orgie, ein weiterer Sega GT und der jüngste Spross der Test Drive Familie.
Actionlastiger geht es bei der dritten Dead or Alive Folge sowie den nicht wegzudenkenden Trendsportspielen wie Dave Mirras BMX, Tony Hawk´s Pro Skater 2x, der heiss erwarteten Snowboardaction Amped sowie Transworld Surf zu. Sega spendiert ein optisch beeindruckendes Baller-Adventure namens Gun Valkyrie, bei dem Horden von SciFi-Insekten geslayt werden.
Also vor allem Nachfolger, im Fall von Abe, Jet Set Radio Future, Shen Mue 2 und Dead or Alive von anderen Plattformen eingekaufte Titel. Experimente? Syntax Error – Microsoft geht auf Nummer sicher und bietet auf breiter Front Konsenskost. Der endgültige Einzug des großen Bruders aus Redmond in den Ring des Konsolengeschäfts gestaltet sich unter dem Strich trotzdem als spannend. Mainstream-Blackbox oder Hammerplattform? Update folgt.

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Elektronische Lebensaspekte.