Text: Preddy Manojlov & Ekrem Aydin aus De:Bug 09

X-ecutioners Preddy Manojlov & Ekrem Aydin Photos: Titus v. Lilien Köln in der zweiten Woche des noch jungen Jahres ’98. Nicht viel ist bisher in der Musikszene passiert, was für Aufsehen sorgen könnte. Doch dann geht alles ganz schnell: Ein Anruf aus Berlin, der uns mitteilt, daß die X-ecutioners zum promoten ihres ersten gemeinsamen Albums in Köln sind und die Frage, ob wir nicht Lust hätten, sie zu interviewen. Doch wer sind die X-ecutioners? Es gibt kaum Info über die Jungs, außer man hat über Jahre hinweg die DMC- und ITF-Meisterschaften verfolgt und einschlägige Untergrund-Magazine gelesen. Selbst dann weiß man eigentlich nur, daß es sich um ein Kollektiv aus vier DJs handelt, die jeder für sich so ziemlich jede DJ-Battle gewonnen haben, die man gewinnen kann, und das sie sich vor kurzem von den X-MEN in die X-ecutioners umbenannt haben. Als wir dann zwei Tage später unser Interview bekommen, sitzt uns ‘nur’ ein X-ecutioner gegenüber, der 15 Minuten später zum Flughafen aufbrechen muß. Dennoch ist ein interessantes Gespräch zustande gekommen, bei dem nicht so sehr das neue Album, sondern eher die Künstler im Vordergrund standen. De:Bug: Du bist nun alleine hier, um eure Crew zu vertreten. Gib unseren Lesern bitte einen kurzen Eindruck, wer die X-ecutioners sind. X: Also ich bin Mista Sinista aus Queens/ New York, die anderen drei sind Roc Raida aus Manhattan/ N.Y., Total Eclipse aus Brooklyn/ N.Y. und Rob Swift, ebenfalls aus Queens/ New York. Wir haben gerade unter dem Namen X-ecutioners ein Album herausgebracht, welches Expressions heißt. Das ganze Konzept des Albums besteht aus “Raw Turntablelism”, (So nennen die X-ecutioners das, was sie machen. Anm. d. Verf.) beinhaltet zwölf Stücke von völlig unterschiedlicher Art, welche jedoch die Gemeinsamkeit besitzen, daß sie HipHop sind. Wir versuchen, eine neue Variante der Turntable-Bedienung vorzustellen, damit die Welt da draußen sieht, daß Turntablelism eine Form der Kunst ist. Hoffentlich erreichen wir dies mit der Hilfe der Interviewer. (Lacht) De:Bug: Wie habt ihr zueinandergefunden? Ihr habt nicht als Team angefangen, oder? X: Nein, Die X-Men wurden 1988 gegründet. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus Roc Raida, Steel D. und John C. Die Ursache für die Gründung war eigentlich nur die, daß man gegen eine andere Crew, welche damals mehr als bekannt war, im Wettstreit antreten wollte. Diese Crew waren die Supermen, die von keinem geringeren als “Superman Clark Kent” geleitet wurde. (Welcher heute eher als Produzent z.B. von Rakim bekannt ist. Anm. d. Verf.) Es kam jedoch nie zu einer Battle. So änderte sich unser Ziel so um, daß wir einfach nur die besten DJs der Welt werden wollten. Die vier ursprünglichen Mitglieder der Crew nahmen stets an DJ-Championships teil und trafen dabei auf die jetzige Besetzung. Roc Raida blieb, Swift kam ’92 hinzu und Total Eclipse ’96. De:Bug: Ihr habt also alle an den größten Wettbewerben teilgenommen und eure Preise gewonnen. Wie wichtig sind diese Championships für euch und die Community? X: Sie sind sehr wichtig. Damals gab es nicht so viele Möglichkeiten, seine Fähigkeiten als DJ zu demonstrieren, da der DJ stets im Hintergrund agierte. Die einzige Möglichkeit Aufmerksamkeit zu ernten waren Championships. Man hoffte entdeckt zu werden, um mit irgend jemanden auf Tour gehen zu können. Das Optimum war es, einen Titel zu gewinnen, da man dadurch in Magazinen gezeigt wurde. Manchmal bekam man einen einjährigen Plattenvertrag bei einer Plattenfirma, was es heute leider nicht mehr gibt. Championships waren wichtig für den DJ. De:Bug: Wir wollen zurück auf euer Album kommen. Eure Scheibe unterscheidet sich von anderen Breakbeat-Scheiben. Was war die Idee hinter der ganzen Sache und welche Stile sind bei euch vertreten? X: Eigentlich war es eine Vereinigung aller Stile. HipHop fing mit rohen Breaks an. Als wir unser Album machten, stellten wir fest, daß es da draußen eine ganze Menge Battle-Break-Platten gibt. (Wie z.B. von den Invisible Skratch Picklz ebenfalls auf Asphodel Anm. d. Verf.). Wer heute eine solche Platte haben möchte, geht in den Laden und sucht nach der grauen, blauen usw. DJ Rectangle. Also sagten wir uns, daß wir kein einfaches Battle-Break-Album machen wollten. Vielmehr sollte das Ganze auch für Nicht-DJs interessant sein. Auch wer nicht ganz hinter unser Ding steigt, kann es sich als Tape oder CD im Auto anhören und hört dann schön neu arrangierte Jazz-Hooks mit spartanischen Vocals oder MCs. Der DJ hingegen wird die Scheibe bis zum Geht-Nicht-Mehr zerhacken. Kein Album für eine bestimmte Gruppe also, sondern für jeden hörenswert, der HipHop liebt. De:Bug: Der Plattenspieler ist zentrales Element eures Albums und eurer Musik, was bedeutet der Plattenspieler für euch? Ist er mehr Instrument oder ein Ausdrucksmittel für euch? X: Beides. Ich sehe meinen Plattenspieler als ein Instrument, mit dem ich meine Gefühle wiedergeben kann. Deshalb nennen wir uns auch Turntablelists, da der Plattenspieler stets um uns herum ist. Ich verbringe den ganzen Tag mit meinem Plattenspieler. Wenn ich schlecht drauf bin, kann ich die negative Energie an meinem Plattenspieler ablassen. Ich sehe meinen Plattenspieler so wie der Pianospieler sein Piano oder der Gitarrenspieler seine Gitarre. Ich drücke mit dem Plattenspieler meine Gefühlslage aus. Was immer ich fühle, kommt über ihn heraus und lenkt meine Kreativität. De:Bug: Wie beurteilst du die Entwicklung im HipHop im Moment? Glaubst du er wird mehr akzeptiert? X: Er wird mehr akzeptiert, jedoch kommt es auf den Standpunkt an. HipHop wird immer mehr zum Geschäft, und es gibt eine ganze Menge Nonsens. Die Jugend hat keine Ahnung, wo der HipHop her kommt, und wie er angefangen hat. Die ganzen Major-Firmen interessieren sich nur für das Geld. Die Radiostationen behaupten, daß sie den wahren HipHop repräsentieren, was so jedoch nicht stimmt, da die Hauspolitik dieser Stationen ihnen vorschreibt, daß nur bestimmte Label gespielt werden dürfen. Die ganze Jugend, die jetzt heranwächst, setzt sich einfach nicht mit der Geschichte auseinander und hat keine Ahnung. Sie denken, daß das, was sie im Fernsehen sehen, HipHop ist. Doch das ist kommerzieller Schrott. Der richtige Stuff gerät dabei ins Hintertreffen und bekommt keine Chance zum Durchbruch. Im Moment ändert sich die Situation jedoch. Ich bin dankbar, daß wir ein Teil davon sind. Wir wollen das Ganze so simpel wie möglich halten. HipHop ist auf keinem kommerziellen Level. Der Turntable, Break-Dance, MCs, Graffiti und Tanzen sind die Formen des HipHop. Doch das verstehen die Meisten nicht, da sie es so nicht mitbekommen haben. Wir versuchen, diesen Zustand jedoch wieder herzustellen. De:Bug: In den Staaten gibt es nicht allzuviele Alben, die auf der Grundlage von HipHop basieren und dennoch ohne MC auskommen. In Europa gibt es hingegen Big Beat und Trip Hop, welche meist gänzlich auf MCs verzichten. Ist dies in den Staaten nicht möglich? X: Es könnte klappen. Jedoch passieren eine ganze Menge dummer Sachen. Deshalb tut es gut, zu sehen, daß man in Europa auch als Instrumentalkünstler anerkannt wird. In N.Y. ist es einfach so, daß ein paar windige Geschäftsleute behaupten, daß sie HipHop zur nächsten Ebene bringen. 95% der Öffentlichkeit scheinen diesen Leuten wie nach einer Gehimwäsche hinterherzulaufen und sind der Meinung, sie folgen dem HipHop. Sie nehmen sich nicht die Zeit für Instrumentalkünstler, sondern fragen sich eher: “Was soll das?” Wenn du kein populärer Künstler bist, interessiert es auch nicht. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist die, daß einige unabhängige Label bzw. Künstler die Wege für mehr Akzeptanz und nachrückende Künstler frei machen. Es gibt Untergrund-Radioshows in New York, welche Untergrund-HipHop wie unseren unterstützen, doch die großen Shows und Sender machen das nicht. Die Großen interessiert nur, wie sie ihre Gewinnkurve nach oben bringen können, nicht jedoch das Hochbringen der Kunst. Der Chart-HipHop ist die Partymusik. Da haben Instrumentalisten keine Chance. Jedoch haben wir das Gefühl, daß wir die Situation langsam aber sicher ändern. De:Bug: Das Label, auf dem euer Album läuft, heißt Asphodel und ist bei uns bisher eher bekannt für Acts wie Tipsy oder DJ Spooky, dem das Label auch gehört. Nun sind das ja Musikstile, welche recht wenig mit HipHop zu tun haben, sondern eher dem Abstract bzw. Elektrobereich zuzuordnen sind. Wie kam es dennoch zu dieser Zusammenarbeit? X: Unsere hoffnungslos überfüllten Terminkalender haben es bisher noch nicht zugelassen, daß wir uns mit Spooky treffen konnten. Der Grund, weswegen wir bei Asphodel gesignt haben, ist der, daß der A&R bei Asphodel, Not Human, und seine Frau Missy Johnson eine Crossover-Tour von HipHop- und Ambient-Künstlern organisiert hatten, bei denen auch die Beatjugglers und die Invisible Scratch Picklz mit von der Party waren. Jedenfalls waren Not Human und Missy Johnson so beeindruckt, daß sie uns anboten, das Album zu finanzieren. Wir waren mehr als glücklich. So kam es dazu, daß wir bei Asphodel unterschrieben. De:Bug: Seht ihr euch selbst eigentlich als eine Weiterführung der Legende, welche für viele mit Kool DJ Herc begann und über Bambata, Grandmaster Flash und Grand Wizard Theodore bis hin zu Producer DJ Premier ging? X: Definitiv! Oder laß es mich genauer sagen: Wir sehen uns eher als ein Teil dieser großen Familie, welche versucht, die Kunst des Auflegens weiterzubringen. Eine Menge Leute haben den DJ vergessen. Während dieser ganzen Zeit des Vergessens waren wir da draußen, um sie daran zu erinnern, daß der DJ ein großer Bestandteil des HipHop ist. Am Anfang war der DJ, und wir werden immer der Anfang bleiben. Man kann also nicht sagen, daß wir einfach nur eine Fortführung sind, sondern durch unsere ständige Präsenz immer ein Teil des Ganzen waren. De:Bug: Ein anderes Magazin bezeichnete euch als “die vier apokalyptischen Reiter’ des HipHop. Wie seht ihr das? X: Erst mal tausend Dank an dieses Magazin! Nein, aber Spaß beiseite. Allein die Tatsache, daß sich so viele Interviewer und Autoren die Zeit nehmen, uns zu interviewen und über uns zu schreiben, beweist, daß wir auf dem richtigen Weg sind, daß unsere Musik etwas auslöst. Wir versuchen, nicht irgendwelche Egotrips zu fahren, sondern einfach nur wir selbst zu sein. Wir wollen die Musik so vermitteln, wie wir es für richtig halten und dadurch den Untergrund am Leben zu halten. Wenn uns also jemand als die vier apokalyptischen Reiter bezeichnet, so ist dies ein großes Kompliment für uns. lrgendwo sind wir Reiter, die dem Sonnenuntergang entgegen reiten und einen ganzen Haufen Plattenspieler hinter sich lassen. Das erste Mal wurde ich Drum’n’Bass in London ausgesetzt, was ja auch noch Europa ist (Amis… Anm. d. Verf.). Ich bin sehr offen gegenüber neuer Musik. Als ich das erste Mal D’n’B hörte, dachte ich mir, das sind Melodien mit hochgepitchten HipHop-Breakbeats. So richtig bin ich da jedoch noch nicht drin, doch alles, was ich noch nicht weiß, möchte ich lernen. Denn dann könnten wir hoffentlich auch mit Drum’n’Bass-Künstlern zusammenarbeiten, anstatt nur HipHop zu machen. Wir versuchen stets, neue Impulse aufzugreifen und nicht auf nur eine Form von Musik limitiert zu sein. De:Bug: Stimmt es, daß ihr euch nur deshalb X-ecutioners genannt habt, weil Marvel Comics ein Copyright auf den Titel “X-MEN” hat? X: Sie haben das Copyright, jedoch hatten wir nie wirklich Probleme mit Marvel. Unsere Anwälte und das Label hatten uns jedoch empfohlen, uns einen anderen Namen zu geben, damit wir nicht in irgendwelche Schwierigkeiten geraten, da Marvel nun mal ältere Rechte hat. Aber abgesehen davon waren die X-MEN eine Crew, welche so nicht mehr existiert. Deshalb läuft von nun an alles unter dem Namen X-ecutioners, allein schon aus Respekt gegenüber den ehemaligen Mitgliedern. Hinzu kommt, daß man bei den X-MEN nur an Battle-DJs denkt, wobei man bei den X-ecutioners weiß, die Jungs sind Künstler und Battle-DJs. De:Bug: Irgendwelche Zukunftsprojekte, die wir nicht verpassen sollten? X: Auf jeden Fall. Es wird von jedem einzelnen der X-ecutioners ein Mix-Tape geben, desweiteren einen Remix von “Raider’s Theme” und “The Turntablelists Anthem” auf dem Pharao von der Organized Konfusion und Kia gefeatured wird. Ebenso wird es ein neues Album geben, wobei das sicher noch etwas dauern kann. So um April/ Mai herum wird es eine Tour mit Common geben. De:Bug: Wo wir gerade bei Mix-Tapes sind, was hältst Du generell von Mix-Tapes? X: Tapes sind sehr wichtig, da sie sehr viel mit der Vermarktung einer Platte zu tun haben. Damit sind jedoch nicht einfache Mix-Tapes gemeint. Es ist wichtig, verschiedene Stile zu hören. Wenn man mal ehrlich ist, so sind die meisten Mix-Tapes doch nur Aneinanderreihungen von Liedern. Ein Mix-Tape sollte jedoch mehr sein, denn der Titel kommt nicht von ungefähr. Im Gegenteil: Du sollst mixen! Für jeden muß etwas dabei sein. Sowohl der Hardcore- oder Scratch-Freak soll zufrieden sein, ebenso wie diejenigen, die tanzen möchten. Freestyle darf nicht fehlen, damit der Untergrund eine Präsentationsfläche bekommt. Sorgt also dafür, daß es ein Mix-Tape ist und nicht einfach nur ein Tape von dem ihr denkt, es sei cool, weil es die neuesten Platten beinhaltet. Peace.

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Elektronische Lebensaspekte.