Supermodels sind maskiert, Mutanten sind die besseren Christen und X-Men ist die beste Superheldenverfilmung seit den Kleinen Strolchen. Bryan Singer verfilmt die Marvel-Dauerbrennerreihe X-Men.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 39

Mutanten sind die besseren Menschen
Gut und im Kino: X-Men

In einer nicht allzu fernen Zukunft ist es unübersehbar geworden: Während sich die alte Welt zu Unrecht gegen ihr Image der Fremdenfeindlichkeit zu wehren versucht, ist innerhalb der USA längst eine andere Form der Diskriminierung gang und gäbe: die gegenüber Mutanten. Die Gattung “homo superior” erfährt in einer vorurteilsbeladenen Gesellschaft nichts als Ablehnung und Hass. Und Politiker wie Senator Kelly von der Mutant Watch Coalition haben nur das eine Ziel: Alle Mutanten registrieren zu lassen und langfristig auszulöschen.

Als Professor Charles Xavier, selbst mit starken telepathischen Kräften begabt, einst seine “School for Gifted Youngsters” gründete, hatte er ein besonderes Ziel: Die aussergewöhnlichen Fähigkeiten der Mutanten für das Wohl der Menschheit zu nutzen. Um sich scharte er einige der begabtesten Mutanten. Sie alle lernten, ihre Kräfte zu optimieren und gezielt für eine Welt einzusetzen, die sie dennoch fürchtet. Diese Superhelden bilden das unübertreffliche Team der X-Men.

Welcome to Mutant High

Stan Lees Comic-Serie X-MEN gibt es seit den 60ern und sie ist, Ableger wie WOLVERINE mitgerechnet, mittlerweile auf hunderte Hefte angewachsen. Verfilmungen gab es schon einige, als Animation oder Realfilm, jedoch noch nicht ganz so viele wie von SUPERMAN oder SPIDERMAN.
Die Superhelden-Comics des Marvel-Verlags spiegeln deutlich ihre Entstehungszeit, die Nach-McCarthy-Ära und die Einflüsse der Bürgerrechtsbewegung, wider und erweiterten den Kampf Gut gegen Böse um ein politisches Plädoyer zur Toleranz: Die guten Mutanten waren trotz ihrer gesellschaftlichen Rolle als ausgestossene “Monster” immer die Retter der Welt. Gleichzeitig mussten sie ihre eigenen Unterschiede in Herkunft und Fähigkeiten akzeptieren und lernen, gemeinsam gegen die Feinde der Menschheit zu agieren. James Bond meets die Bibel.

Aus der Unzahl an Abenteuern, die im Laufe einer über Jahrzehnte laufenden Heftchen-Reihe bestanden wurden, hat das Drehbuch von X-MEN ein – auch für Nicht-Kenner – recht übersichtliches Konglomerat gebacken, das nur einige der X-Men featured und exemplarisch einen ihrer grossen Gegner, Magneto, zum Kampf der Giganten lädt: Im Gegensatz zu den guten Studenten um Professor Xavier (Patrick “Picard” Stewart), die an eine friedliche Koexistenz von Menschen und Mutanten glauben, ist Erik Lehnsherr (Sir Ian McKellen), genannt Magneto, von der Überlegenheit der Mutanten – und der Überflüssigkeit der Menschen – überzeugt und strebt mit seinen untergebenen Unsympathen die alleinige Weltherrschaft an.

Der Professor aktiviert sein X-Men-Team, den treuen Cyclops, dessen Laseraugen immer mit einer Schutzbrille gebändigt werden müssen, die telekinetisch begabte Jean Grey (im Comic als “Marvel Girl” schon in einer früheren X-Men-Generation dabei), Storm, die nach Belieben das Wetter kontrollieren kann, und den mit Metallklauen und einem aufbrausenden Gemüt ausgestatteten Wolverine. Ein Neuzugang an Professor X’ Schule, Rogue (Anna Paquin, das Mädchen aus DAS PIANO), die aus jedem, den sie berührt, dessen Lebensenergie inklusive seiner Fähigkeiten absorbiert, wird in dieser Episode zur Schlüsselfigur …

Superhelden ohne Cape

Da die Charaktere die meiste Zeit über auf die gewohnten Superhelden-Masken verzichten und sozusagen in Freizeit-Kleidung herumlaufen müssen, umgeht der Film das Superman-Klischee und macht die Mutanten zu einem glaubhaften Aussenseiter-Haufen. Ohne Muskelberge und mit wenigen wehenden Umhängen schafft das Styling der Protagonisten dennoch die passenden Referenzen an die Vorlage: So kompensiert Wolverine die fehlenden Spitzohren durch eine Fönwelle à la Brandon Walsh. Und die blonden Haare von Storm (Halle Berry) dürfen endlich angemessen unecht aussehen. Ihre Gegenspielerin, die Formwandlerin Mystique (“Supermodel” Rebecca Romijn) ist dagegen die ganze Zeit zur Unkenntlichkeit maskiert. Auf nette Effekte darf man sich auch freuen, obwohl mit Storm der einzige X-Men-Charakter übrig gelassen wurde, der fliegen kann – solange Jean Grey noch nicht Phoenix ist …

Die identifikatorische Hauptfigur ist Wolverine, dessen emotionale Achterbahnfahrten auch in den Comics immer besonders herausgestellt wurden und der dank seines kongenialen Darstellers Hugh Jackman den Film auch trägt. Der Plot um die Kain-und-Abel-Konkurrenten Xavier und Magneto und die Rettung der Welt ist mit gelungenem Dialogwitz gespickt. Es wird mit dem Dauer-Hahnenkampf von Cyclops (James Marsden) und Wolverine um Jean Grey (Famke Janssen) gespielt oder mit der Superhelden-Namensgebung: Warum heisst der im Rollstuhl sitzende Professor X nicht Wheel?

Das in den Schlusssequenzen eingesetzte “Batmobile” spätestens erinnert einen daran, dass man – BLADE ausgenommen – lange schon keine gelungene Comic-Verfilmung mehr gesehen hat. Wer war nochmal George Clooney? Deshalb hätte man Bryan Singer (THE USUAL SUSPECTS, APT PUPIL) als Regisseur sogar für “überqualifiziert” halten können, doch seine Qualitätsarbeit hat X-MEN sichtlich gut getan, weil der Film die moralische Aufgabe seiner Helden – und ihre Selbstironie – absolut ernst nimmt.

Die Konzentration auf einen Bösewicht bei gleichzeitiger Einführung einer Vielzahl von Helden riecht schon nach Sequel – besonders nach dem finanziellen Erfolg dieser überdurchschnittlichen Comic-Verfilmung in den USA. Hoffen wir, dass den X-MEN dann nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie BATMAN – wechselnde Regisseure und Hauptdarsteller, die das ganze immer schlimmer machten … Und falls es mit den X-MEN nicht klappt, steht ja 2001 noch eine Neuverfilmung von SPIDERMAN an.

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Elektronische Lebensaspekte.