Die neue Xbox kommt mit Jugendschutz-Einstellung und Silber- oder Gold-Accounts und ausgemachter Apple-Annäherung. Mitdenken tut sie auch.
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 99


Milchige Kurven

Es ist vollbracht. Zwischen Vorstellung des finalen Designs sowie Launch der abermaligen Next-Generation-Spielkonsole ist weniger als ein Jahr vergangen. Die Xbox 360 ist weltweit in den Läden, um Microsoft dem erklärten Ziel, der Vormachtstellung auf dem lukrativen Heimkonsolen-Markt, einen gehörigen Schritt näher zu bringen. Ein Wunsch, der sich mit der ersten Xbox noch nicht erfüllt hatte. Neben dem logistischen Kraftakt eines weltweiten Launches mit erst in letzter Minute fertig gewordener Hardware sowie dem damit verbundenen Selbstvertrauen flößen diesmal auch Ergonomie und Konzept eine gehörige Portion Respekt ein.
Davon abgesehen, dass Lüfter & DVD-Laufwerk deutlich zu laute Betriebsgeräusche von sich geben, wird schon beim Einschalten klar, dass Big M seine Hausaufgaben gemacht zu haben scheint. Die Konsole wird aus ihrem Standby-Modus mittels kabellosem Controller aufgeweckt. Der funkt über einige Meter zuverlässig und schaltet sich nach wenigen Minuten ohne Eingabe von selbst in den Ruhezustand. Das spart Batterie. Mehrere Funk-Pads melden sich der Reihe nach bei der Zentraleinheit an, ein Kreis von vier LEDs zeigt dann auf Pad und Konsolen-Frontblende an, welche Controller welchen Kanälen zugeordnet sind. Konventionelle Controller schließt man an zwei hinter einer kleinen Klappe versteckte USB-Ports an, die auch mit Digi-Cams, MP3-Playern und gar USB-Sticks umgehen können. Ein so angeschlossener Player z.B. kann zu jedem Zeitpunkt eines beliebigen Spiels als Hintergrundmusik-Lieferant erkoren werden; allein die Soundeffekte kommen dann noch vom Spiel. Digitale Fotos können auf die Festplatte kopiert, als Diashow wiedergegeben oder als Bildschirmhintergrund genutzt werden.
War die erste Xbox noch ein verkappter PC mit Intel-Prozessor, nähert sich Microsoft mit dem Nachfolger in mehrerer Hinsicht Apple an: Nicht nur, dass ein Mehrkern-PowerPC-Prozessor seinen Dienst in der neuen Box tut, auch beim Design hat man offensichtlich dazugelernt. So geht die Richtung weg vom gruseligen Schwarz-Grün des Vorgängers hin zu einem milchigen, iMac-ähnlichen Design mit vielen Kurven.

Hallo User
Das Betriebssystem besteht neuerdings aus vier hell und freundlich farbig designten Hauptgruppen, die “Xbox Live”, “Spiele”, “Medien” und “System” betitelt sind. Ohne Anmeldung über ein Benutzerkonto läuft bei der Xbox in Zukunft auch offline gar nichts mehr, von OS X und XP sind wir das ja schon gewöhnt. In den verschiedenen Profilen wird der Fortschritt des jeweiligen Spielers in den gespielten Games minutiös festgehalten. Gut für Eltern: Einem Kinderprofil oder auch der gesamten Konsole kann eine rigide Jugendschutz-Voreinstellung zugewiesen werden. Ist diese aktiviert, verweigert die Hardware das Abspielen von Games der entsprechenden USK-Empfehlungen. Die Profile zeichnen jedoch auch anderes auf: Neben der Gesamtspieldauer werden je nach Fortschritt im Spiel so genannte “Gamer Scores” verliehen, die auch auf Xbox Live als Orientierung dienen, um gleichstarke Gegenspieler zu finden. Andere Spieler oder Freunde können innerhalb des Online-Dienstes nachschauen, welche Spiele man wie oft und weit gespielt hat, vorausgesetzt, man selbst hat dieser Informationsfreiheit bei Anmeldung zugestimmt. Nach näherem Hinsehen zeigt sich: Die engere Integration der Online-Fähigkeiten hat es in sich und erschließt u.a. neue Geschäftsmodelle. Neben der kostenpflichtigen Gold-Mitgliedschaft wird es für Live auch einen kostenlosen Silber-Account geben, der mit Kauf der Hardware schon inklusive ist. Probeweise dürfen wir auch einen Monat vergolden, für Basis-Dienste reicht jedoch die Silber-Mitgliedschaft aus. Für den “Marktplatz” zum Beispiel, auf dem eine virtuelle MS-Währung gilt, die in Goodies wie Konzept-Grafiken, Skins, Spielinhalte, Trailer und sogar Demo-Versionen eingetauscht werden darf. Ganz nach dem Vorbild der Happy Digits oder anderer Kundenbindungs-Bonusprogramme dürfen wir uns wohl auf eine Reihe Kooperations-Sammelaktionen gefasst machen. Wahlweise können wir in Zukunft die Microsoft-Credits auch zu einem bestimmten Wechselkurs gegen Euro eintauschen und je nach Spiel sogar eigene Skins und Mods feilbieten. Schöne neue Handels-Welt. Auch die bereits vom ersten Live bekannten kleinen Arcade-Spiele können nach Ausprobieren und Wohlgefallen im Austausch gegen die weiche Währung erworben werden. All diese netten Features sind in ihrer Anbindung an den silbernen Live-Account selbstverständlich von einem vorhandenen Breitbandanschluss abhängig. Einen Arcade-Titel, Hexic HD, findet der User bereits vorinstalliert auf der Xbox-HD. Dieser stellt als knuffiger Knobler mit chilligem Electro-Soundscape ein überraschendes Schmankerl für zwischendurch dar.

Games auf den Tisch
Mit insgesamt 14 Vollpreis-Launch-Titeln steht auch ein eindrucksvolles Offline-Menü zur Verfügung, dass bei genauem Hinsehen jedoch etwas relativiert wird. Viele der 3rd-Party-Spiele, wie z.B. die EA-Sports-Titel, sind kaum mehr als grafisch aufgemöbelte Portierungen der entsprechenden letzten Versionen, die sich in vielen Punkten also kaum von der PS2(sic!)-Version unterscheiden. Die der Sony-Konsole haushoch überlegene Technik wird bei ihnen kaum ausgereizt. Mit ”Project Gotham Racing 3“ sowie den seit einigen Jahren angekündigten und entsprechend lange erwarteten Rare-Titeln ”Perfect Dark Zero“ und ”Kameo – Elements of Powers“ finden sich dennoch sowohl spielerisch als auch technisch wahre Schwergewichte unter den Launch-Titeln. Bis dato konnten wir allein Kameo und PGR 3 anspielen, allein deren grafische Qualität setzt jedoch schon Maßstäbe, dass es einem den Atem verschlägt. Und somit stehen ganz neue Gedanken ins Haus: Wann kann ich mir einen 16:9-Fernseher leisten? Das ist dir Frage, die mich im nächsten Jahr beschäftigen wird. Wären also nicht das noch deutlich zu laute Betriebsgeräusch und das mulmige Gefühl ob der Omnipräsenz der fest integrierten Profile, verbunden mit der Frage, wen die gesammelten Daten außer meinen Freunden und mich noch interessieren, stände der grundsätzlichen Feierlaune kaum etwas im Wege, so klar durchdacht und angenehm ergonomisch gestaltet sich der neue Mitbewohner. Klar ist: Microsoft hat aus Fehlern der Vergangenheit gelernt und sowohl Sony als auch Nintendo müssen sich mit ihren Next-Generation-Nachfolgern warm anziehen. Im Endeffekt wird wohl der Markt über Erfolg oder Misserfolg im hart umkämpften Segment der Videospielsysteme entscheiden. Kein Geheimnis ist, dass Microsoft ob der immensen Entwicklungskosten und dem gehörigen Marketing-Zirkus pro verkaufter Xbox 360 noch lange draufzahlen wird. Unsere Wunschliste für Weihnachten: Eine optional erhältliche Wasserkühlung, ein endlich verzögerungsfreies Xbox-Live mit netten Mitspielern und genügend Kohle für den so dringend benötigten HDTV-Fernseher.

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Elektronische Lebensaspekte.