"Tangled Wool" ist ein guter Name für ein Album, auf dem leicht zerzauste Gitarrenballaden zugange sind. Ein Survival-Kit für die Seele, ähnlich effektiv wie Bommelmütze und heißer Kakao. Dabei hat alles mal recht wüst begonnen - mit John Twells erster selbst gekaufter Platte: "Bring your daughter to the slaughter“ (Iron Maiden).
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 80

VERHEDDERT IM GLÜCK
Xela

Dem hält John Twells aka Xela, inzwischen 23, romantische Tracktitel wie “Smiles and Bridges“, “Quiet Night” und “Painting Pictures of Girls” entgegen. Sein neues Album hat – vielleicht auch ein kleines bisschen unbewusst – ein großes Thema: Wie es sich anfühlt zu bemerken, dass Liebe die tollste Sache der Welt ist … aber leider auch die schwierigste. Zu welchem Instrument greifen feinfühlige junge Männer in dieser Situation gewöhnlich? “Erst wollte ich die Gitarre nur als Ausgangspunkt für abstrakte Elektroniktracks verwenden, doch je länger ich sie spielte, desto mehr verknallte ich mich in die Idee, Songs über die Liebe zu schreiben“, steht in Xelas Mail, die mich mitten in der Nacht aus Birmingham erreicht. Bereits ein Jahr vor “For Frosty Mornings and Summer Nights” – Xelas wundervollem Albumdebüt auf Neo Ouija – hatte er damit begonnen, “Tangled Wool” aufzunehmen, das jetzt als zarte Folk-Implosion auf City Centre Offices (CCO) erscheint. Hier scheint Xela große Fans gefunden zu haben – 2003 erschien auf CCO schon das mit Logreybeam (Shadetek) eingespielte Yasume-Album “Where we‘re from the birds sing a happy song“. Noch so ein Schätzchen von Platte – aber daran sind wir ja mittlerweile gewöhnt.

Xela:
Wenn ich Musik mache, halte ich mich schon an formale Prinzipien. Ganz unbewusst vielleicht, aber so ist das eben, wenn man schon als Kind mit Instrumenten und Musiktheorie konfrontiert wird.

Debug:
Wann hast du elektronische Musik entdeckt?

Xela:
Als ich 15 war, machte ich leidenschaftlich Lo-Fi mit Vierspurgerät – pretty bad rock music. Dann wollte ich mehr Qualität, hatte aber kein Geld. Gleichzeitig lief die Trennung von meiner Indie-begeisterten Freundin, die dazu führte, dass ich mich Hals über Kopf in die elektronische Musik gestürzt habe.

Debug:
Wussten deine Schulfreunde Xelas Musik zu schätzen?

Musik für den Vater

Xela:
Die mochten nie dieselbe Musik wie ich, deswegen habe ich mich oft mit Leuten angefreundet, die um einiges älter waren. Damit über meine Musik auch mal geredet wird, das brauche ich einfach. Es war sehr schön, mit meinem Vater das neue Album zu hören: Er ist Gitarrenlehrer und steht voll auf Progrock und Folk. Denke mal, auf “Tangled Wool” ist auf jeden Fall was für ihn dabei …

Debug:
Die Gitarren sind wieder back in town – warum?

Xela:
Vielleicht eine Gegenreaktion auf Technologie? In meinem Fall steckt aber etwas anderes dahinter: Ich liebe technologische Musik, habe es aber eher drauf, Songs zu schreiben, die nicht so mathematiklastig sind. Gitarre und Sampler haben mir einfach mehr zu bieten als Programme wie Max / MSP. Weil ich mich schon immer mit wenig aktueller Musik beschäftigt habe, spielt der Faktor Zeit keine Rolle – niemand kann behaupten, die Cocteau Twins, Smiths oder Sonic Youth seien gealtert. Ich mag die Idee, dass solche Platten jedem, egal welchen Alters, lebensverändernde Erfahrungen bereiten können.

Debug:
Ist “Tangled Wool” ein neues Kapitel für Xela?

Namen für die Mutter

Xela:
Das Album ist auf keinen Fall eine Abkehr von der Elektronik, dafür macht sie mir viel zu viel Freude. “Tangled Wool” ist immer noch Xela, etwas, das ich schon lange Zeit mit mir herumtrage. Ich mag Bands, die auf jedem Album einen anderen Sound haben, die die Wandlung ihres musikalischen Geistes offenlegen und sich nicht in Routine verlieren. Meine Mutter erzählte mir oft, dass sie mich lieber “Alex” genannt hätte, wogegen mein Dad opponierte. Irgendwann habe ich ein Mixtape mit eigenen Stücken aufgenommen und wollte es so aussehen lassen, als ob mehrere Artists dahinter steckten. Habe deshalb “Alex” rückwärts geschrieben … und beließ es dabei.

Debug:
Die schönste Musik entsteht meistens dann, wenn sich jemand um die fragilen, kleinen Dinge sorgt, die in den Menschen schlummern. Und auch für sie kämpft. Jede Wette, dass du mir da zustimmst …

Xela:
… aber ja! Kleine Dinge, um die kümmere ich mich – viel mehr, als ich eigentlich sollte. Wenn ich ein Stück mache, sind ein bestimmtes Gefühl und das Bild dazu immer schon da. Manchmal sind die Bilder einfach zu groß … und die kleinen Dinge alles, was ich habe.

Debug:
Monika Herodotou, der das Album gewidmet ist, hat nicht nur das anrührende Cover gemacht, ohne sie hätte es “Tangled Wool” auch nicht gegeben – richtig?

Xela:
Die allerwichtigste Frage … aber du weißt die Antwort ja bereits. Wir bilden eine kreative Einheit. Das Album ist eine Art Tagebuch, es umschreibt Dinge, die in unserer Beziehung passierten, als die Musik entstand – da würde Monika voll zustimmen. Manches, was ich unmöglich aussprechen konnte und für mich behielt, ist in die Tracks gewandert, das höre ich ganz deutlich. Niemand kennt Xela so gut wie sie.

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Elektronische Lebensaspekte.