"Only You" läuft heute noch auf jeder 80s-Party. Vince Clarke, Produzent und Synthesizer-Nerd, war danach noch mit Erasure enorm erfolgreich, jetzt gibt er Geschichtsstunden.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 123


De:Bug: Herr Clarke, Sie gehen mit Yazoo wieder auf Tour, obwohl sie das Livespielen hassen. Offenbar meinen Sie es ernst mit der Reunion.

Vince Clarke: Es stimmt, ich fühle mich auf der Bühne immer noch unwohl, obwohl ich mich in der langen Zeit von Erasure ganz gut daran gewöhnt habe. Ein Studio ist mir deutlich lieber als eine Bühne. Ich fühle mich allerdings mit dem Begriff “Reunion” etwas unwohl. Das klingt nach einem Plan in der Hinterhand. Den haben wir nicht.

De:Bug: Darf ich dann nach den Gründen fragen? Vom finanziellen Aspekt mal ganz abgesehen …

Vince Clarke: Wir haben 1983 unser zweites und letztes Album veröffentlicht. Das ist 25 Jahre her. Da wurde mein Management nervös und das von Alison auch. Mein Erasure-Partner Andy Bell wollte zeitgleich eine Auszeit, ich hatte also Zeit. Mein Label plante den Re-Release der beiden Alben und plötzlich war klar: Ja, wir können ein paar Shows spielen. Jetzt werden es wöchentlich mehr. Aber wissen Sie was? Ich freue mich drauf! Sie dürfen auch nicht vergessen, dass wir damals lediglich 1982 ein paar Gigs hatten, das Material des zweiten Albums “You & Me Both” haben wir nie live gespielt. Das hat vor allem Alison nie verwunden.

De:Bug: Warum war damals nach zwei derart erfolgreichen Alben einfach Schluss? Depeche Mode hatten Sie nach bereits einem Album verlassen.

Vince Clarke: Yazoo war nie eine Band. Ich hatte “Only” als Demo und suchte eine Stimme, rief Alison an und wir haben das Ding aufgenommen. Bei Mute, meinem Label, waren sich alle am Anfang gar nicht sicher, ob man das jetzt unbedingt releasen müsse. Aber es war erfolgreich. So ging es weiter. Wir waren ein Studio-Projekt, ohne Plan. Erst die eine Single, dann noch eine, schließlich ein Album … usw. Alle Songs sind komplett im Studio entstanden, es war kein wirklich harmonischer Prozess im Proberaum. Uns kamen die Ideen im Studio. So haben wir die Releases zusammengebaut. Da blieb vieles unausgesprochen und es kam zum Crash.

De:Bug: Sie haben damals beide Alben mit Eric Radcliffe produziert, der maßgeblich den frühen Mute-Sound geprägt hat, mit dem Sie später sogar eine Band gegründet haben. Dann galten Sie als einer der größten Sammler von analogen Synthesizern, als MIDI-Verächter und als großer Synthese-Guru. Während Ihrer Zusammenarbeit mit Eric Radcliffe war das wohl noch nicht so?

Vince Clarke: Eric war ein paar Jahre älter und hatte einfach einen technischen Vorsprung. Sowohl im Wissen um Synthese als auch im Fuhrpark. Die Zusammenarbeit mit ihm war herrlich. Sie müssen sich vor Augen halten, dass sich die Technik damals mit genauso großen Schritten entwickelte, wie sie es heute immer noch tut, nur eben nicht auf PlugIn-Basis, sondern in echten Schaltkreisen, in Schrankwand-großen Geräten. Digital war zwar existent, aber noch in den Kinderschuhen. Man konnte damals eine Pop-Platte produzieren und gleichzeitig sehr futuristisches Sounddesign integrieren. Hören Sie sich “Upstairs At Eric’s”, unser erstes Album, an. Das ist Pop mit Tapeloops, Collagen … Eric war für solche Dinge genau der Richtige. Ich habe unheimlich viel von ihm gelernt, die Arbeit war ausgesprochen fruchtbar.

De:Bug: Ich nehme an, Sie haben ordentlich zu tun, die alten Aufnahmen für die Liveshows vorzubereiten.

Vince Clarke: Ich bin umgeben von den alten Masterbändern, ja. Langsam verdichten sich die Ideen, wie ich den Sound nächsten Monat für die Shows umsetzen kann. Eine Heidenarbeit, aber es wird.

De:Bug: Wie stehen Sie heute zu den Alben von damals?

Vince Clarke: Ehrlich gesagt bin ich extrem überrascht, wie frisch die Songs heute noch klingen. Ich habe sie wirklich jahrelang gar nicht mehr gehört und dachte dann: Hey, das rockt. Auch das habe ich Eric Radcliffe zu verdanken.

De:Bug: Das macht mir Hoffnung, dass es bei den Konzerten keine Pseudo-Dancefloor-Versionen zu hören geben wird.

Vince Clarke: Um Gottes willen, nein! Für so einen Quatsch bin ich überhaupt nicht zu haben. Entweder man steht zu den Songs und vor allem zur Produktion, oder aber man lässt es gleich bleiben. Es wäre vielleicht etwas anderes, wenn Yazoo bis zum heutigen Zeitpunkt 15 Alben veröffentlicht hätte, wir also mit dem Material über die Jahre gelebt und gearbeitet hätten – dann hätten sie bestimmt Veränderungen erfahren. Aber so? Nein, die Gigs werden so Old School wie möglich.

De:Bug: Gute Nachricht, wenn man bedenkt, dass Sie vor einigen Jahren ihre immense Sammlung von analogen Synths aufgegeben und gegen ein Powerbook getauscht haben.

Vince Clarke: Auch da kann ich Sie beruhigen. Es stimmt, ich habe die letzten Jahre digital gearbeitet, was aber vor allem damit zusammenhing, dass ich in die USA gezogen bin und es logistisch einfach unmöglich war, das Studio aus England hierher zu holen. Mittlerweile vermisse ich die Geräte aber so sehr, dass der Umzug bereits in Planung ist. Es war außerdem eine gute Erfahrung, für eine gewisse Zeit nur mit dem Rechner zu arbeiten. Meine Synth-Sucht war so extrem, dass selbst mir auffiel, dass ich sie einfach sammele und gar nicht alle benutzen kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist mir eigentlich egal, ob die Musiker digital oder analog arbeiten. Ich finde es gut, dass Kids mit Laptops Musik machen können, letztendlich zählen immer die Ideen, und jemand, der das gut produziert, wird sich schon finden. Aber ich kann ohne die alten Kisten nicht leben.
http://www.yazooinfo.com

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. De:Bug Musik » Yazoo – Reconnected Live

    […] rauften sich für eine neue Tournee zusammen, die erste richtige eigentlich. Wir haben damals berichtet. Diese Tour kann man jetzt nachhören. Eine Freude, auch wenn sich bei einigen Tracks ein dezenter […]