Deutsche Prolls bringen's nicht
Text: Markus Hablizel aus De:Bug 110


Deutsche Prolls bringen’s nicht. Ihnen fehlt der richtige Humor. Den könnten sie von den englischen Voll-Lads Yes Boss lernen. Aber sie hören ja lieber Bass Sultan Hengzt, der glaubt, für 30.000 Euro ein komplettes Bordell kaufen zu können.

Wenn man die eigenen Prolls nur so gern haben könnte wie die fremden aka die britischen. Wem wird bei Fernsehfamilie Gallagher aus Chatsworth/Manchester (“Shameless“) nicht warm ums Herz oder wer würde sich von den schweinigelnden Ärzten und Schwestern aus dem “Green Wing“ nicht gerne den Puls fühlen lassen? Schlendert man aber mal durch Marzahn, Chorweiler oder das Hasenbergl, muss man sich schon gewaltig anstrengen, aufsteigende Gefühle der Beklemmung mit einem Lächeln auf dem Herz zurückzudrängen. Klar, Fakt und Fiktion sind zwei unterschiedliche Paar Sneakers, wir sind doch hier nicht bei den Krokers zu Hause. Doch selbst die eigene potentielle Anfälligkeit für tumbe Sozialromantik und das übliche going native erklären nicht ausreichend den höheren Grad an Sympathie für die Arbeiter- und Arbeitslosenkulturen – und deren pokulturellen Output – in Birmingham, Manchester oder Liverpool im Vergleich zu den genannten bundesrepublikanischen Varianten.

Vielleicht, weil die der Insel meist deutlich weniger moralisierend daherkommen, weniger obrigkeitshörig scheinen und sich in den oft tragischen Situationen wenigstens noch eine winzige Prise Humor erhalten haben. Vielleicht sind die hiesigen für eine korrekte Aufarbeitung in und durch Popkultur in Form von Film, Serie oder Musik noch zu wenig “erschlossen“. Eilig zusammengezimmerte Dokusoaps, Hilfe-zur-Selbsthilfe-Shows und unzählige dumpfe “Ghetto“-Raps auf youtube sind der tragische Beleg dafür und Sido eine der wenigen, wenn auch diskutierenswerten, Ausnahmen. Vielleicht ist das aber einfach alles nur Blödsinn. Vielleicht aber auch nicht, und Yes Boss aus Leeds sind ein gutes Beispiel für solche Überlegungen. Innit?

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Völlig übernächtigt sitzen Noah, ein heftig tätowierter Südengländer in buntem Zwirn, und Gavin, ein freundlich behoodieter Schotte, in der Bar eines sich internationalistisch gebenden Hostels in Mitte und schlürfen passend zur Mittagszeit Rum-Cola. Zwischendrin wird immer wieder an Kräutern genascht. So stellt sich alsbald eine sagen wir mal aufgeschlossen entspannte Gesprächssituation ein. Schnell knufft man sich, klopft kräftig auf Schultern, tauscht musikalische Vorlieben aus und beglückwünscht sich lauthals zum unglaublich guten und breiten Geschmack.

Noah: “Gav und ich sind wie eine kleine cottage industry. Wir produzieren alle möglichen Styles. Warum sollten wir uns selbst einschränken? Das besorgen doch schon die anderen für dich, indem sie sagen, ‘Der macht House, HipHop oder Minimal’ oder was auch immer. Wie willst du denn Eindruck machen mit so einer Haltung? Rock’ wie du willst!“

Gavin: “Du solltest tun, was du tun willst. Vielleicht ist das ein Vorteil, der sich aus unserem forgeschrittenen Alter ergibt. Bei den Kids ist das sicher anders. Wenn du jemanden kennen lernst, der auf ähnliche Musik oder Filme steht, ist das immer ein Kick. Und bei Noah und mir war das so. Sehr ähnlich, aber doch nicht gleich, so haben wir uns gegenseitig inspiriert. Wir legen mit Serato auf und haben zu diesem Zweck unsere riesigen iTunes-Bibliotheken zusammengelegt. An einem Abend spielen wir total unterschiedliche Musiken: The Fall, Goblin, The Slits, The Germs, Underground Resistance. Was auch immer.“

Immer wieder streifen die beiden von A wie Booty Bass und Z wie Industrial alle möglichen musikalischen Spielarten. Und auch wenn es weit her geholt wäre zu behaupten, dass sich all das in “Look Busy“ spiegelt, so ist doch die strukturelle Offenheit und das damit einhergehende spielerische Element ein wichtiges Merkmal des Albums. Dabei muss man sich als Hörer daran gewöhnen, keine sortenreine, auf ein bestimmtes Reinheitsgebot hin getrimmte Musik geliefert zu bekommen. Oft taumeln Gavin und Noah zwischen irgendwie Grime mit durchlaufender Bassdrum und irgendwie House mit gebrochenen Beats und prollig-polternden Raps mit Mitgröhlfaktor.

Und machen wir uns nichts vor, weder ist Noah der begnadetste MC, der jemals von der Insel aufs Festland gerutscht ist, noch strotzen die Beats von Yes Boss vor Eleganz und Ausgefuchstheit. Doch durch ihren prolligen Vorstadthedonismus mit eingebauter Scheißegalhaltung, dem trotzig-humorigen Schulterzucken und dem praktischen Vollzug der oft nur theoretisch propagierten Tu-was-du-willst-Haltung machen die beiden Grundsympathen das längst wett. Hier herrscht nicht die gediegene Version des etwa von Mike Skinner gesporteten Ladism, sondern mindestens die großmäulige nordenglische mit deutlichem Glasgow-Einschlag. Sprich: Hier kann’s auch mal auf die Fresse geben, auf DJ Deeon wird Joe Strummer angewandt und aus Poloshirts will man in Yorkshire kein Gesetz zimmern.

Und wer glaubt, an ihrem Schenkelklopfer-Video “Indie Kids“, in dem die beiden dünne, mit Chucks und Röhrenjeans bewehrte Indiesoldaten vom Dach werfen, eine Art Gegencommunity-Bildung ablesen zu können, aus der die beiden sich eine eigene Schublade zimmern wollen, der hat sich geschnitten.

Noah: “Klar geht uns diese Übermacht auf die Eier, dieses Mitläufertum. Und unser Style ist es eh nicht. Aber der Diss ist natürlich spaßig gemeint, das hört jeder, der den Text genau hört. Aber wenn schon Indie, liebes Kind, dann Kopf hoch! Nicht dieses Schluffige, ist ja grauenvoll!“

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Elektronische Lebensaspekte.