Japan beginnt in Berlin. Die Stadt ist voll mit kreativen, freundlich wuseligen Musikern, Grafikern, Journalisten, Designern aus dem Land der aufgehenden Sonne. Yoske Nishiumi lebt seit knapp fünf Jahren in der Stadt. Obwohl er in der Zwischenzeit immer wieder in seiner Heimat war, ist er ein klassischer Exilant. Und der Don der japanischen Community. Als Mitglied des Designerteams "Metrofarm" sitzt er mitten drin zwischen Grafik und Möbeldesign und hat ein waches Ohr für musikalische Extratouren von Japanern in Berlin. Mit seinem "Koi Klub" verbindet er diese Dreifaltigkeit zum monatlichen Anlaufpunkt sondergleichen für junge Japaner in der Stadt. Die Deutschen kommen ... aus De:Bug 90

In Japan galt bis jetzt: Das Nest ist vorbereitet, du fällst in weiches Stroh. Alles ist da, bevor du da bist. Deshalb hatte jeglicher DiY-Gedanke wenig Chancen auf Durchsetzung. Aber die anhaltende Rezession in Japan wirft die Leute auf sich selbst zurück, sie beginnen Sachen für sich selbst zu entwerfen: Musik, Mode … sehr interessant. In Deutschland, vor allem Berlin ist DiY Standard, in Japan fängt es gerade erst an.

DiY ist in Japan eine ganze Ecke professioneller, geplanter, aber das Spontane nimmt zu. So etwas wie die ”Gothic Lolitas” (“Gothloli”) sind längst reiner Overground in Tokio. Aber im Underground lebt zum Beispiel die ”Underground Idols”-Szene. Viele Geschäftsleute und Otakus hängen den Underground Idols hinterher. Diese Idols sind das Gegenteil von normierter Attraktivität. Einfach gesagt, sie sind hässlich wie die Nacht. Aber ihre Fans finden sie gerade deshalb sexy. Das ist wohl Dekadenz deluxe. Der Tokio Underground bekommt langsam Konturen, vor denen ich meine Augen und Ohren verschließen muss, zu extrem. Es wird aber nie so weit gehen, dass etwas Radikaloppositionelles wie eine Hausbesetzerszene denkbar wäre. Ein Freund von mir organisierte vor ein paar Jahren eine Demo in Tokio, zu der er einen Flyer entwarf. Der Flyer sagte Peace und zeigte einen Spliff. 50 Leute demonstrierten, drei Reihen Polizei schirmten sie ab. Allerdings stehen immer mehr alte Häuser leer, weil Neubauten populärer sind. Für diese Altbauten lassen sich vergünstigte Mieten aushandeln, so dass es für Künstlergemeinschaften erschwinglich wird, dort Quartier zu beziehen. Kreative Wohngemeinschaften, näher wird Tokio nicht an das Thema Hausbesetzung rankommen.

Familie, Schule, Gesellschaft lösen weiterhin einen enormen Druck auf Japan aus. Das Land ist so groß wie Deutschland, aber überall nerven Berge, da kann niemand wohnen. Alles drängt sich in den Städten. Vor der Depression gab es keine Frage: Die Gesellschaft hat recht. Das korrodiert. Früher bestand keine Möglichkeit, dem eingeschriebenen Karriereweg zu entgehen. Mittlerweile explodiert die Zahl solcher Leuten wie ich, die den traditionellen Weg überspringen, nach London und sonst wohin gehen und dann in Tokio die coolen Exoten sind.
Die Regierung begreift nichts davon. Es gibt keine offizielle Unterstützung für jüngere Kulturprojekte, die sich mit etwas anderem als japanischer Tradition beschäftigen. Kimono- oder Bonsai-Kultur wird unterstützt, aber selbst so ein internationaler Exportschlager wie Manga und Anime bleibt außen vor.

Allerdings hat Japan ein spezielles Abkommen mit einigen Ländern geschlossen, darunter Deutschland, Frankreich, England, aber auch Kanada und Australien. Das ermöglicht es Japanern unter 30 mit geringen Mitteln für ein Jahr in diese Länder zu gehen. Die interessantesten Japaner trifft man seitdem nicht mehr in Tokio, sondern dort. In Tokio trifft man sowieso niemanden, weil es so groß und unübersichtlich ist. Aber hier in Berlin muss ich mich nur einen Nachmittag an den Rosenthaler Platz stellen und die vorbeikommenden Japaner ansprechen. Sofort habe ich eine Liste von Designern, Grafikern, Cluborganisatoren, Musikern … Die Hauptstädte der Länder mit diesem Abkommen sind so etwas wie die Nussschalen der jungen japanischen Kreativszene. Hier treffen sich die Leute auf übersichtlichem Raum, die in Tokio nie in Berührung gekommen wären.

Biografie:
Ich habe einen Universitätsabschluss. Den habe ich nur gemacht, um Geschäftsmann zu werden, ohne Frage. Acht Jahre war ich im Rasierklingen-Business. Der alte gerade Weg. Ich liebte Musik und Mode, kam aber nicht aus der Geschäftsmann-Tretmühle raus. Ich war der Langweiler, der sich jeden Morgen um sechs die Krawatte band. Das ist schon in Ordnung, dachte ich, überall sah ich nur andere Geschäftsmänner, überall Krawatten.
Nach acht Jahren kam der Schlag: So habe ich es mir nicht vorgestellt. Ich will das Pop-Life. Ich sagte zu meiner Gefährtin, lass uns unsere Firmen melken, die Knete zusammenschmeißen und um die Welt ziehen, überleg’s dir. Los ging’s. Ein halbes Jahr haben wir alleine in Impfungen gesteckt, 800 Euro und ein halbes Jahr, weil wir dachten, wir gehen nach Afrika. Aber zuerst war Thailand dran. Dort kann man ganz simpel falsche Ausweise kaufen, die einem das Reisen in Europa enorm erleichtern. Auf einer kleinen thailändischen Insel trafen wir zwei Berliner, die all das bunte Plastik-Treibgut am Strand sammelten, leuchtende Kronkorken, Kämme, all so was, und es vor ihrer Hütte ausstellten. Wow, dachte ich, die sind so cool, wir müssen unbedingt nach Berlin gehen. Das Reisen war sowieso schon zur öden Routine geworden, neue Leute, neues Essen, neue Hotelräume Tag um Tag, das ist nichts auf Dauer. Also steuerten wir mit 2000 thailändischen Masken im Gepäck direkt nach Berlin. Die wollten wir auf der Love Parade verkaufen. Wir fuhren sie in Einkaufswagen von Real über die Parade. Am Ende hatten wir genau fünf Stück verkauft. 1995 Masken lagern noch ein. Das war mein Einstieg in Berlin.

In Berlin baute sich schnell ein Netzwerk auf, einer führt die anderen ein. Jeder interessante Japaner, der nach Deutschland kommt, landet in Berlin, in Berlin landet er oder sie in Mitte, das sind 500 Quadratmeter. In Tokio würde es sich auf 5 Quadratkilometer verteilen. Berlin war ein Traum für mich. Aus dem ganzen Netzwerken hat sich Metrofarm als Designagentur herausgeschält. Wir wurden von einem Möbelhersteller zu einer Ausstellung in Tokio eingeladen. Dort entdeckte uns eine Modekompanie und bot uns eine Fashionshow als Metrofarm an. Wir haben haufenweise T-Shirts verkauft. Also hat der Weg nach Berlin mit den 2000 Masken doch Früchte getragen.

Dann gingen wir langsam steiler. Ich sagte zu Julia, der Grafikerin von Metrofarm: Nikes Air Jordan One hat die gleiche Farbkombination wie der japanische Karpfen. Lass das doch mal ineinander morphen. Aus dem Morphing machten wir einen Klamottenaufdruck. Auf einer der Parties für den Nike Dunk in Weiß traf ich den Vizepräsidenten von Nike. Ich zeigte ihm das Morphing als Postkartenmotiv. Den Swoosh auf dem Schuh hatten wir durch einen Angelhaken ersetzt. Er guckte auf die Karte, sagte: funny, und warf die Karte zur Seite. Sehr beängstigend.

Weil wir schon mal die coole Grafik mit dem Karpfen hatten und all den Japanern in Berlin ein zentraler Anlaufpunkt fehlte, zählte ich eins und eins zusammen und gründete den Karpfen-Club, auf Japanisch Koi Club. Die Kontakte waren da, die Grafik war da, die Quintessenz ist der Koi Club. Aus dem Club entwickelte sich das Koi Magazin. Tokio, Amsterdam, Berlin, überall dort liegt es aus.

Hier in Berlin habe ich einen Otaku kennen gelernt. In Tokio wäre ich ihm nie begegnet, aber auf 500 Quadratmetern … Er ist so professionell Otaku, trägt immer einen gedeckten Anzug, ist über 40. Aber er baut unglaubliche Plastikmodelle, wirklich winzig, 2 Millimeter große Sojaflaschen. Im Koi Club tanzt und trinkt er wie die Hölle, ein echter Otaku von der Leine gelassen.

Wenn du in Tokio lebst, ist dein Lifestyle so: Kaffee am Morgen, Pasta zum Mittag, Thai-Food in der Nacht, es ist sehr international, zusammen mit traditionell japanischem Essen, natürlich. Unterschwellig kennen wir die Gesetze für die Muster in den Tempeln, wissen, wie Tatami-Matten aussehen müssen, haben den Geschmack von Reiskugeln im Mund. Wir holen diese traditionellen japanischen Bindungen nicht mehr ins Bewusstsein. Aber sie sind da. So viele außerjapanische, europäische und amerikanische Einflüsse bestimmen unseren Alltag, da kann es zu einer exotischen Erfahrung werden, die alten japanischen Traditionen wieder zu entdecken. Sie werden aber komplett neu entdeckt. Eine Bekannte von mir, Hamiru Aqui, designt Essstäbchen, bei denen am einen Ende kleine Löffel und Gabeln sitzen. Solche Crossover-Adaptionen finden dann statt. Oder sie kombiniert japanische Schriftzeichen mit dem römischen Alphabet.
Wenn die japanische Musik nicht mit Techno gemixt wird, wie bei der Band ODB zum Beispiel, ist es für viele Japaner zu hässlich, zu cheesy, sie ertragen es nicht in der Reinkultur. Es ist zu dicht an ihnen dran, erst im Abstand über außerjapanische Elemente wie Techno können sie es auf eine Entfernung bringen, von der sie wieder scharf sehen können.

Immer mehr Menschen verlassen Japan, um der Konsumhysterie zu entkommen. Das Produktangebot erschlägt dich, irgendwann wird es Tokio ersticken wie die Lava Pompeiji. Das heißt aber auch, hast du in diesem überfüllten Piranhabecken dein Produkt platzieren können, ist es fit für den globalen Markt. Japaner sind Spezialisten im Erfinden überflüssiger Dinge und ihrer Vermarktung in kürzesten Zeiträumen. In Berlin dagegen lassen sich alle ganz viel Zeit damit, möglichst wenig zu erfinden. Von dem glauben sie dann aber, es sei absolut essentiell.

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Elektronische Lebensaspekte.