Die materialistische Verbrauchergesellschaft entfremdet uns von der Basisgewissheit schlechthin: You are beautiful. Die gleichnamige Aktionsgruppe führt uns mit ihrer Streetart auf den Fahrt der Erkenntnis zurück.
Text: Tadeusz Szewczyk aus De:Bug 91

YOU ARE BEAUTIFUL // DU BIST SCHÖN, WIE DU BIST //

You Are Beautiful aus Chicago machen auf der Straße, in U-Bahnen, Galerien und Universitäten … Kunst. Oder ist Anbringen von “du bist schön”-Schriftzügen mehr Culture Jamming bzw. schlicht Verschönerung der Nachbarschaft? Dies ist ein Auszug aus einem ausführlichen E-Mail-Interview. Bis zum Ende blieb unklar, ob ich mit einem Einzelnen spreche oder einer ganzen Gruppe. An den Aktionen beteiligen sich auf jeden Fall mehrere. Das “du” und das “ihr” ist also synonym.

Bist du schön?

You are: Jeder ist es.

Meinst du nur das Äußere oder wie würdest du Schönheit definieren?

You are: Schönheit kann körperlich sein, aber so wie wir uns darauf beziehen, betrifft sie nicht nur das Aussehen. Wir glauben, Schönheit ist eine uns allen innewohnende Eigenschaft.

Wenn alle schön sind, warum sollte man es den Leuten sagen, hat es keiner gemerkt?

You are: Unglücklicherweise, aufgrund vieler sozialer Faktoren, wovon der bedeutendste Werbung ist, hat man uns alle glauben lassen, dass wir nicht attraktiv, nicht wertvoll genug sind, außer wir kaufen ihr Produkt. Werbung versucht uns oftmals Lebensstile zu verkaufen, die wir einfach niemals erreichen werden. Wir versuchen einfach zu sagen: “Du bist schön, wie du bist.” Andere gesellschaftliche Faktoren wie etwa zufällige Freundlichkeiten kommen einem selten vor und in großen Abständen. Uns wird viel eher die Vorfahrt genommen, eher werden wir geschubst oder angerempelt, oder die Kellnerin ist kurz angebunden und barsch. Die Ritterlichkeit des Türen-Öffnens für andere oder schlicht das Anlächeln eines Fremden werden meist unterdrückt durch die Kälte, die wir geschaffen haben als eine abwehrende Gesellschaft. Das erweckt ein extrem negatives Bild, denn es gibt noch unglaublich wundervolle Menschen, die teilnehmen an kontinuierlichen Handlungen der Freundlichkeit und Güte. Denjenigen, die eine solche positive Einstellung beibehalten und ihre Schönheit der Welt hinzufügen: Wir applaudieren euch.

Wie würdet ihr die Wirkung eurer Werke auf Passanten, Pendler und andere, die sie sehen, beschreiben?

You are: Sie variiert, je nachdem wie persönlich oder unpersönlich die Vorbeigehenden die Botschaft betrachten. Manche nehmen es leicht, als äußeres Kompliment. Für manche wirkt es nur aufmunternd oder gibt ihnen ein wunderschönes Lächeln. Bei anderen, die vielleicht eine besonders schwere Zeit durchmachen, kann es einen tiefen, bedeutsamen Eindruck hinterlassen. Wiederum andere sind so verschlossen, sie verstehen es nicht oder denken, es ist irgendeine Art Trick. Kostenlose und offene Komplimente sind leider nicht die Norm in unserer Gesellschaft. Zum Glück ist die Mehrzahl der Reaktionen positiv und wenn wir nicht so sehr an die Botschaft glauben würden, würden wir das gar nicht machen.

Wartet ihr um die Ecke oder wie bekommt ihr so unterschiedliche Reaktionen mit?

You are: Wir haben nie die Reaktionen abgewartet. Manchmal, während wir ein Piece installieren, fährt jemand vorbei und ruft aus: “Du bist schön!” Wenn wir gerade am Anfang sind und es ist noch nicht das ganze Piece zu sehen, bekommen wir öfters ein “Du bist was?”. Alle Begegnungen während der Installationen waren bisher äußerst positiv. Als wir unser letztes Piece aus Sperrholz anbrachten, steckte jemand seinen Kopf aus einem Dachboden auf der anderen Seite einer vierspurigen Straße, “was steht da?” schreiend. Wir antworteten: “Du bist schön!” Er brüllte zurück: “Ihr auch!”

Ihr wirkt im urbanen Raum oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, es scheint nicht ganz legal zu sein, was ihr tut.

You are: Wie für alle, die im Bereich Streetart wirken, ist damit ein Risiko verbunden. Wir benutzen beides, legale und illegale Methoden bei unserem Schaffen.
Wir versuchen, äußerst behutsam und respektvoll zu sein bei unseren Installationen. Chicago hat wahrscheinlich das berüchtigste Graffiti-Entfernungskommando überhaupt. Die Arbeiten bleiben also nicht so lange bestehen, aber, weil wir so eine positive und einbeziehende Botschaft verbreiten, bleiben unsere Installationen tendenziell länger.

Der verursachte Schaden ist ja sehr klein, wenn überhaupt. Ist es nicht seltsam, dass in einem Land wie den USA der freie Ausdruck seiner Ansichten [durch Streetart], ein Recht, das in der Verfassung garantiert ist, so zum Schlachtfeld wird?

You are: Du hast einen interessanten Punkt angesprochen. Meinungsfreiheit wird in der Verfassung garantiert, im rechtlichen Sinne natürlich. Legal darfst du jedwedes Material drucken und verbreiten, solange die Verbreitung nicht öffentliches oder privates Eigentum schädigt. Indes verursacht die meiste Streetart, beim Entfernen, minimalen, wenn überhaupt irgendwelchen Schaden. Wir glauben hundertprozentig, dass Streetart ihre Umgebung verschönert, aber das liegt im Auge des Betrachters. Da ist die einzige verbleibende Alternative Geld. Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Botschaften auf die Straße zu bringen, indem sie Werbeflächen kaufen. Damit schaffen sie eine Hierarchie, wessen Information wir sehen können. Die Subversion dessen wird immer mehr und mehr aufgegriffen, aber leider betrachten viele Streetart und Graffiti immer noch als kriminellen Vandalismus.

Warum denkst du, akzeptieren viele Menschen immer noch eher die Übernahme ihres Umfelds durch Konzerne statt durch selbst gemachte Kunst?

You are: Leider gibt es da nicht wirklich eine Wahl. Land wird gekauft und verkauft und diejenigen, die diesen Raum besitzen, wollen davon soweit wie möglich profitieren. Konzerne und Werbetreibende haben das Geld und in unserer materiell aufgebauten Verbrauchergesellschaft entscheidet das Geld. Es ist einfach eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage. Streetart-Künstler und andere Personen sind nicht in der Lage Werbeflächen zu mieten, also müssen sie alternative Möglichkeiten finden, um sich ausdrücken zu können.

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Elektronische Lebensaspekte.