Gespeicherte Gefühle
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 174

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Statt seiner Umwelt mit einer Marketing-Personality zu begegnen, zeigt Martin Müller aka youAND:THEMACHINES aka youANDme (mit Daniel Ströter) seine wirkliche Persönlichkeit. Das passt nicht nur zum Albumtitel “Behind”, sondern macht ihn auch äußerst sympathisch.

Genauso, wie Martin Müller die Hörer – ganz Being-John-Malkovich-like – vom Intro bis zu den Schlusstakten in sein Innerstes eintauchen lässt, so offen und herzlich gibt sich der 32-Jährige auch beim Interview in seiner Wohnung im Berliner Understatement-Viertel Wedding. Dort begeistert ihn vor allem ein sehr vollgestellter Raum: “Jeden Morgen wenn ich ins Studio gehe, habe ich ein Lächeln im Gesicht und denke: Wie geil, eine 808, eine 909, ein Moog!
Für einen Außenstehenden wirkt es nerdig, aber ich kann mit den Geräten eine eigene Sprache entwickeln, tief in mich reingehen und traurige oder glückliche Sachen für andere verständlich machen. Meine Freundin sieht beim Anblick der Maschinen Fader und Dioden, aber ich kann damit Dinge machen, die sie dann genauso empfindet. Und ich kann meine Gefühle speichern.”

Martin geht es darum, sein Wesen und seine Gefühle anderen zugänglich zu machen. Das spiegelt sich auch im Aufbau: “Mein Traum sowie mein Hauptkonzept war es, ‘Behind’ komplett analog oder mit Hardware-Instrumenten einzuspielen. Ich mag die Soundästhetik mit warmen und weichen Sounds, in denen man sich suhlen kann. Zudem hat das Album einen roten Faden, eine eingebaute Dramaturgie, die nach Tonarten erfolgte. Erst habe ich die Tracks in eine Reihenfolge gebracht und dann die Tonarten für die Lieder gewählt, damit beides ineinandergreifen kann.”

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So entstand auch das Ambientstück “Sansula”, bei welchem er das gleichnamige Instrument – ein auf einem Holzring gespanntes Trommelfell mit dem aufgesetzten Klangblock der Kalimba – samplete: “Wenn man bei der Sansula auf die Seite klopft, kann man damit einen Bassdrum-Sound erzeugen. Dabei schwingen sowohl der Körper als auch die Membran mit, die einen Nachhall erzeugt, den ich wiederum in eine Fläche verwandeln konnte. Zudem ist die Sansula komplett in der Tonart a-Moll gebaut, deswegen passt jeder Ton zusammen, was auch das Prinzip das Gerätes ist.”

Das klingt nicht nur unheimlich gut, sondern machte auch Spaß, als Martin die Sansula vorführte, wir anschließend seine TR-808 durch das Roland Space Echo re-201 jagten und die Magnetbänder über die Tonköpfe gleiten sahen. Genau das hebt ihn wohltuend von professionellen Darstellern während des Interviews ab: Statt einem schnell durchgeführten Gespräch unterhielten wir uns erst gemütlich im Wohnzimmer, dann führte er mit angenehm nerdiger Begeisterung die Geräte vor. Dadurch wurde seine Motivation, Musik zu machen, begreifbar. Auf der einen Seite ist das Album etwas ganz Persönliches, auf der anderen Seite will er das Persönliche nicht über seine Person, und dem was er als DJ, Produzent und Label-Betreiber macht, transportieren, sondern über seine Beziehung zur Musik. Er lädt die Hörer in sein Wesen ein.

Das beginnt schon am Anfang von “Behind”. Zuerst hört man, wie die Haustür, dann der Briefkasten und zuletzt die Studiotür geöffnet werden. Am Ende des Albums geschieht dies in umgekehrter Reihenfolge. Dazwischen sind in vielen Tracks Fieldrecordings eingearbeitet: “Beim Musikmachen hatte ich häufig das Fenster offen und habe die Umgebungsgeräusche aufgenommen. Sie sind nicht so offensichtlich, aber da. Außerdem habe ich noch viele kleine Details versteckt, die man vielleicht sogar nur auf Kopfhörern richtig wahrnimmt, also auch ‘Behind’ (lacht).”

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Überhaupt nicht im Hintergrund steht seine Haltung zu gewissen Entwicklungen im Technobusiness – die ab und an wieder deutlich gemacht werden müssen. Den Track “Perception”, bei dem er die Vocals mit Brothers’ Vibe textete, kann als Manifest gegen den Fame- und Money-Drang einiger Szene-Protagonisten gesehen werden. Es erklärt sich von selbst, dass man dazu ein Label wie Ornaments braucht (auf dem er mit youANDme bereits mehrere Veröffentlichungen hatte), und das seit fünf Jahren mit einer Keine-Namen-Politik und deeper House- sowie Detroit- und Dubtechno-Musik auf marmorierten Vinyls begeistert.

Neben der eigenen Persönlichkeit ist es auch die Zusammenarbeit mit teils befreundeten Künstlern wie Michal Matlak (The Analog Roland Orchestra), Keter Darker, Robert Owens und den Musikerinnen Delhia de France, Bajka sowie Olga Kholodnaia, die sein Debüt veredeln: “Olga zum Beispiel hatte ich auf einer Party kennen gelernt. Sie hat mir was eingespielt, woraus das Outro von Behind wurde. Sie ist eine tolle Geigerin und bei ihr ging alles in einem Take, sie hatte nur wenig Zeit und spielte bereits nach einem Mal hören alles perfekt ein.” Während die ersten Stücke sehr in Richtung Dubtechno gehen, steht ab der zweiten Hälfte des Albums mit dem klassischen Sound of Detroit ein weiterer wichtiger Einfluss im Mittelpunkt, wobei vielen Tracks eine kennzeichnende positive Melancholie inne ist. Für den Hands-Up-Moment sorgt “Sway” mit dem Pianobreak von Michal, der für Martin “die schönsten Momente von allen Albumtracks im Club erzeugt.” Dazwischen findet sich Ruhiges und das Interlude “Noise Room”, basierend auf den Geräuschen einer alten Industriehalle, das “sehr dreckig düster und industriell angehaucht ist und als Vorbereitung zu ‘Domain Specific’ steht, der als erster Track mit meinem neuen Jupiter 6 entstand” – und an einen dezent fiesen Carl Craig in Höchstform erinnert.

 
Damit das in kleinteiligem Perfektionismus ausgearbeitete Album auch optisch würdig aussieht, verwirklichte youAND:THEMACHINES die Idee, das Cover mit dezentem schwarzen Actionpainting einzukleiden. “Das hat zwar zwei Monate gedauert, die 333 Platten so zu gestalten, aber irgendwie schließt sich da der Kreis. Dadurch wird das Produkt noch persönlicher, denn jede Platte ist durch meine Hände gegangen.”

youAND:THEMACHINES, Behind, ist auf Ornaments/WAS erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.