Stellt man sich eine Wireless-Antenne auf's Dach, dann freut sich die Community. Denn gerade in urbanen Gebieten lässt sich mit Funknetzen eine ganze Menge an alternativen Kultur- und Informationsangeboten realisieren. Und zwar fast gratis. London, Zagreb und Kuala Lumpur zeigen warum und wie.
Text: micz flor aus De:Bug 59

Think Urban, Act Wireless

Bei ‘wireless’ Technologie ist man dem Namen nach die ganzen Kabel los. Aber was bringt uns das? Wird man von der Industrie erfolgreich beworben, dann bedeutet ‘wireless’ vor allem, von der Dachterrasse ausdrucken zu können. Mit dem Laptop. Auch spannend. Aber interessanter wird es, wenn man das Laptop im Zimmer lässt und statt dessen die Antenne auf das Dach stellt. Denn was einem auf der CeBIT niemand erklärt, ist die Tatsache, dass die Technologie für das kleine Wireless Office Network gut und gerne mal 3 Kilometer Radius auf die Beine stellt; wenn man nur die Antennen austauscht. Und so wächst aus dem kleinen Büronetz ein Wireless ISP, mit dem man in urbanen Gegenden schon einiges anstellen kann. Wireless ist also wieder einmal wenig mehr als ein Stück Technologie, das man sich bestellen und dem ‘Serviervorschlag’ des Handbuchs entsprechend zum Einsatz bringen kann. Aber wie das so ist mit Technologie: Betrachtet man sie nur als Mittel zum Zweck, kommt es einzig und alleine darauf an, was man machen will, nicht was das Handbuch gerne hätte. Und wer auf das Handbuch ganz verzichten will und nur Ideen umzusetzen hat, der kann auch noch Geld sparen und sich die Bauanleitungen gleich aus dem Netz holen.

London
“Vom ideologischen Standpunkt aus ist es uns wichtig, dass der Zugang zu Netzwerken nicht alleine von privaten oder staatlichen Institutionen kontrolliert wird, sondern dass die Communities, die ihr eigenes Netz bauen können und wollen, darüber auch frei verfügen”, ergänzt Simon Worthington den rein technischen Aspekt. Simon wohnt in East London und arbeitet unter anderem bei Mute Magazine. Aus dem kritischen Umfeld von Netzaktivisten und Kulturschaffenden entstand Consume.net, der Versuch für ganz London Wireless Access zu kartographieren und Know-How anzubieten, diese Zugänge zu nutzen und weiter zu vernetzen. Als Pilotprojekt einer Community basierten Initiative startete Simon Ende 2001 das Projekt “YouAreHere”.
“YouAreHere ist ein Wireless Network für East London. Der erste Schritt ist die Implementierung eines Backbones, der sich vom Limehouse in den südlichen Old Docks bis nach Hackney Central ausdehnt.” Da es sich bei YouAreHere um ein Projekt handelt, das sich aus der Community heraus gebildet hat und von dieser getragen werden soll, ist Know-How ein wichtiger Faktor. Der Backbone wird nicht einfach hingestellt, sondern Infrastruktur ist Teil des Prozesses. Simon erklärt: “Den Backbone erweitern wir Stück für Stück, indem wir entlang des Rückenmarks alle zwei Wochen Workshops abhalten, wo die sogenannten ‘Nodes’ entstehen. Insgesamt sind das fünf solcher Relais Stationen. In den Workshops bauen wir die Gadgets, die wir brauchen, und lernen die Technik zu verstehen und implementieren.” Dabei geht es ‘YouAreHere’ nicht nur um Onlineaccess. “Das Projekt ist ein Support Network für die von uns so genannten ‘Critical Information Workers’ in der Gegend. Innerhalb der Community laufen eine ganze Reihe von Veranstaltungen wie alternative Messen der ‘Critical Information Workers’ der Gegend oder Bürgerforen, die auf diesem Netz aufbauen und darauf zurück greifen.” Ganz zentral für das Projekt ist auch die Tatsache, dass ein Wireless-Netz nicht nur die einzelnen UserInnen online bringt, sondern vor allem dass innerhalb des Netzes hohe Bandbreiten quasi gratis und losgelöst vom Internet zur Verfügung stehen. “Für unser Netz implementieren wir Dienste wie Chat, File Sharing und Instant Messaging. Bei ‘YouAreHere’ wird es auch öffentliche Bibliotheken für Audio, Video und Warez geben.”
Neben dem harten Kern an technikverliebten Netzfetischisten ist der Zuspruch groß. “Eine ganze Reihe von Gruppen aus der Nachbarschaft haben uns kontaktiert. Das Bangladesh Dance Festival, Öko-Gruppen, Galerien, Hausbesetzer und so weiter. Das ist wichtig. All diese Gruppen leben hier auf engstem Raum und haben nie etwas miteinander zu tun, wie in einer Philip K. Dick Geschichte.”

Zagreb
Während ‘YouAreHere’ sich in die Community einbringt, aus der sie kommt, haben die Macher des Multimedia Instituts ‘MaMa'[5] in Zagreb andere Pläne. Das extrem agile Medienkollektiv mit eigenem Label Egoboo.bits hat zu allererst einmal die wichtigen Punkte der Stadt miteinander verbunden. “Wir haben unseren Net.Culture Club Mama, unser mi2lab und die alternative Radiostation ‘Radio Student’ mit den Clubs Mocvara, Attack und Kset vernetzt. Einige der Locations liegen nahe beieinander, so dass wir mit vier Antennen auskommen. Unser Netz überspannt inzwischen 15 Quadratkilometer”, erklärt Marcell Mars, Initiator und Netzguru von MaMa.
Dass man sich auf Wireless-Technologie eingelassen hat, kommt bei MaMa nicht nur aus den Möglichkeiten der Technik, sondern auch aus den Anforderungen der eigenen Projekte und der Experimentierfreudigkeit, Technik, Theorie und Kultur aneinander zu reiben. “Das Ganze entstand aus den Überlegungen, die wir hatten, als wir vor einigen Jahren ‘Radioactive’ gründeten. Das sollte eine Radiostation für hybride Medien werden, wobei Streaming Media immer ein zentraler Aspekt war, aus der Notwendigkeit heraus, dass wir keine Sendefrequenzen bekamen. Wir wollten den ganzen Programmablauf umkehren und durchlässiger machen. Gesendet wird von vielen Orten. An Knotenpunkten wird das Signal einfach geswitcht oder gemischt. Redaktion sind dann eher erfahrene Surfer, SJs, also Stream Jockeys, die all das wieder vermischen.”
‘Radioactive’ ist zwar immer noch nicht am Start, aber während man an Plänen und Technik feilt, entstehen neue Reibungspunkte. “Jetzt haben wir eine Reihe von Clubs mit im Netzwerk. Das gibt uns Material in die Hand, womit wir das Durchmischen und Switchen von Streams ausloten können. Durch diese Erfahrungen werden sich unsere Pläne bestimmt noch verändern. Jetzt spielen wir einfach noch mit diesem ‘Ding’ und schauen zu, was passiert. Und wenn wir dann genauer wissen, was wir tun, können wir unsere Theorien entsprechend angleichen.” Zwinkern.

Kuala Lumpur
Aber auch in raueren Biotopen für Medienaktivisten spielt Wireless eine wichtige Rolle. In Malaysien zum Beispiel genießt das Internet eine besondere Position unter den Medien. Die Regierung entschied, die harte Kontrolle, die auf konventionelle, unabhängige Medien ausgeübt wird, für Internet-Publikationen auszusetzen. Der Glaube an wirtschaftlichen Wachstum und neue Technologien hat so eine Nische für kritische Stimmen geschaffen. Eine wichtige Stimme aus der Region ist ‘Malaysiakini’ in Kuala Lumpur. Mit einer wachsenden Anhängerschaft kommen neben dem Nachrichtenangebot auch andere Pläne, die man mit Netzwerken realisieren kann. Unabhängig vom Staat.
“Bekommen wir genügend Haushalte an das Netz, dann könnten wir eine ‘Cloud of Connectivity’ etablieren, die sich über die Stadt verteilt. In so einem Setup lassen sich eine Reihe von Servicen installieren wie Gaming, Home Security, oder auch Internet Telephony, wir hätten dann ein eigenes Telefonnetz”, erklärt Premesh Chandran. Anders als in medienpolitisch gemäßigteren Zonen liegt die Lösung in Malaysien vor allem in dem Punkt, zivile Technologien vom Staat unabhängig zu etablieren. Theoretisch ließe sich im Wireless-Netz auch Fernsehen und Radio machen. Das Problem liegt woanders. “Unser Problem besteht vor allem darin, dass wir die Reichweite der einzelnen Nodes erhöhen möchten. Aber wenn wir den Output erhöhen, dann müssen wir die einzelnen Geräte lizensieren lassen.” Und dieser Schritt macht das Netz dann anfällig für Interventionen von offiziellen Stellen.

Wer sich also sein eigenes Wireless Netz über die Stadt spannt, kann was erleben. Und nicht vergessen, das Netz gehört euch. “Das beste an Wireless ist die Tatsache, dass es an dir liegt, was du damit machst. Wenn das Ding erst einmal steht, sind die Kosten gleich Null und man hat eine ganze Menge Bandbreite zur Verfügung”, fasst Marcell seine Ansichten zusammen. Und für ‘YouAreHere’ gilt laut Simon: “Das Medium wird wieder an die Community zurück gegeben, wo es hingehört. Und dort kann man endlich eigenverantwortlich seine eigenen Inhalte machen: Video, Radio, Text und Code.”

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Elektronische Lebensaspekte.