Der Club Transmediale hat seine Ausnahmestellung unter den internationalen Festivals nicht nur wegen des extrem guten Bookings, sondern weil hier gleichzeitig die Rahmenbedingungen reflektiert werden, unter denen aufregende Musik- und Clubkultur entsteht. Am 22. Januar geht es wieder los.
Text: Felix Denk aus De:Bug 129


Club Transmediale
Kochen und Mode kann man nicht digitalisieren

http://www.clubtransmediale.de

Vor zehn Jahren, als der Club Transmediale erstmals stattfand, herrschte eine digitale Euphorie. Clubs waren nicht nur Tempel des Hedonismus, sondern auch Orte des intellektuellen Austauschs über künstlerische Netzwerke und kollaborative Arbeitsweisen. Was heute von diesen Versprechen im digitalen Alltag noch übrig ist und warum sich Musik die Rolle der kulturellen Avantgarde mittlerweile teilen muss, darüber sprechen Jan Rohlf, Remco Schuubiers und Oliver Baurhenn mit Debug.

Der Club Transmediale wird zehn und das Motto im Jubeljahr heißt “Structures“. Warum so grundsätzlich?

Jan: Wir wollten das Jubiläum nutzen, um einen großen gedanklichen Dreischritt zu machen. Einerseits zurückschauen, mit welchen Zielen und Ideen wir angefangen haben, sehen, wie die Situation heute in der experimentellen Musik- und Clubkultur ist, und überlegen, wie es weitergehen kann. Und natürlich ist es immer ein Thema, wie man so ein Festival mit einem experimentellen Anspruch in einer Stadt wie Berlin etablieren kann.

Der Untertitel lautet: “Backing up independent audio visual cultures“. Was heißt “backing up“?

Jan: Eigentlich ist das ein Begriff aus dem Militär. Das Backing up besorgen die nachrückenden Truppen, die Nachschub liefern und für Absicherung sorgen. Bei uns geht es darum, die Strukturen, die unabhängige audio-visuelle Kultur ermöglichen, zu reflektieren und zu stärken. Wir wollen ein Forum schaffen für ein Experimentieren, Forschen und Ausprobieren.

Experimentieren, Forschen, Ausprobieren – das waren Schlüsselbegriffe der Club- und Medienkultur der 90er Jahre. Wie steht es heute um sie, da die digitale Euphorie verflogen ist?

Oliver: Das Versprechen der 90er Jahre, dass man alles teilen kann und an allem Teil haben kann, das funktioniert nicht. Da gibt es eine ziemliche Ernüchterung. Die Frage heute ist, was mit den Künstlern passiert, da es viel schwieriger ist, CDs und Platten zu verkaufen. Natürlich hat der Künstler in der digitalen Welt viele Freiräume. Er kann sich jetzt auf sehr vielen Plattformen promoten, aber er muss viel tun, um bekannt zu werden und Geld zu verdienen.

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Jan: Viele arbeiten heute wie Profis, müssen aber einen anderen Job machen, um über die Runden zu kommen. Aber es gibt auch Leute, die sehr schnell einen riesigen Erfolg haben. Wir sind nicht per se skeptisch. Wir wollen auch die Möglichkeiten sehen, die dieser Umbruch bietet. Tatsächlich aber gab es Mitte, Ende der 90er Jahre eine Euphorie, die aus der Konvergenz von Musik- und Medienkultur kam. Da entstanden emanzipatorische Ideen, wo es um Netzwerke, neue Kommunikationswege und neue Formen der Zusammenarbeit ging. Die Clubs als neue Orte versprachen, dass die Trennung zwischen Pop- und Subkultur, zwischen Medientheorie und Kunst und zwischen Neuer Musik und dem akademischen Bereich verschmilzt. Man hatte das Gefühl, dass da ein Prozess im Gange ist, von dem alle was haben. Da hat sich ja auch einiges eingelöst. Aber nicht alles. Ästhetisch gesehen sind wir zum Song zurückgekehrt oder zur handgemachten Rockmusik oder zu spannenden Mischformen. Insgesamt ist die Musik heute so gut wie lange nicht mehr.

Oliver: Die Musik ist auch diversifizierter.

Jan: Ja, und dadurch entsteht nicht mehr dieser Drive, der in den 90er Jahren noch herrschte. Und es gibt auch wieder diese Aufteilungen. Leute, die aus diesem Bereich Sound Art kommen, orientieren sich wieder mehr in den Kunstbetrieb. Leute, die eher aus dem Bereich Club kommen, bedienen das offensiver. Die Konvergenzzone, in der wir damals gestartet sind, ist weg. Dabei ist sie es wert, genauer in den Blick genommen zu werden.

Warum ist das heute noch spannend, wo die digitale Kultur nicht mehr Avantgarde, sondern Alltag ist?

Jan: Auch wenn es heute einen digitalen Alltag gibt, sind ästhetische und technologische Fragen und Ideen der Kommunikation und Darstellung nicht hinfällig. Dazu braucht es eine Überschreitung, etwa das Wechselspiel von neuen Technologien, theoretischen Fragen und Experimenten. Da entsteht dieser Laborcharakter, die alte Suche nach dem Neuen. Und diejenigen, die da was machen, sind auch nicht mehr im Blickfeld der Kulturförderung und haben es entsprechend schwer.

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Twist statt Dogma

In der Dance-Music sind heute History, etwa das Disco-Revival, und Hybridität, also die Entstehung eines globalen Grooves, der sich gleichzeitig aus vielen Quellen speist, die großen Themen. Ob die Musik elektronisch ist oder nicht, das scheint keine Rolle mehr zu spielen.

Jan: Ja. Das sehe ich auch so. Das ist aber eine schöne Entwicklung. Die Musik kann aus jeder Richtung kommen und mit allen Mitteln gemacht sein. Am Ende steht die Frage, ob sie einen besondern Twist hat. Das spiegelt sich ja auch in unserem Programm wider. Wir heißen seit zwei Jahren Festival for Adventurous Music und nicht mehr Electronic Music.

Remko: 1999 war es kein Problem, ein Programm für ein elektronisches Musikfestival zu gestalten. In den Jahren danach kamen immer ein paar interessante Namen dazu. Heute, wo diese Laptop-Sachen nicht mehr so dominant sind, ist es schwieriger, sich in dem elektronischen Bereich nicht zu wiederholen.

Oliver: Viele Werkzeuge, die aus der elektronischen Musik kommen, werden auch in anderen Richtungen genutzt. Rockbands verwenden Sampling-Technologien oder Musiksoftware bei ihren Liveauftritten.

Jan: Wenn eine Bewegung noch frisch ist wie damals Techno, dann kommen schnell soziale Utopien. Da entsteht dann mehr als ein ästhetischer Aufbruch, nämlich gleich die Vision einer neuen Gesellschaft. Wenn man realistisch ist, dann zeigen sich die Effekte erst langfristig, so wie bei den 68ern. Wenn sich der Schwung verlangsamt, öffnet sich der Blick. Musikalisch führt das zu total interessanten Momenten.

Trotzdem scheinen immer alle auf den neuen Punk zu warten.

Jan: Es ist aber nicht langweilig, nur weil gerade eine spektakuläre Zuspitzung fehlt.

Remko: Das ist eine Frage der Datenträger. Aufgenommene Musik gibt es jetzt seit 100 Jahren. Und sie ist leichter denn je verfügbar. Durch die mediale Präsenz kann man alles leicht wiederholen. Disko etwa. Es wird immer wieder neu bearbeitet und klingt anders. Wir haben eine lange Phase hinter uns, wo es immer neue Sachen gab, wo immer wieder Brüche kamen. Heute muss man wohl andere Erwartungen an die Musik haben. Und genauer hinhören.

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Blog statt Musik

Aber das emphatisch Neue, ist das ganz weg?

Jan: Diese Rolle erfüllt wohl Dubstep. Aber das Neue ist nicht das große Thema gerade. Die Entwicklung, wo heute der meiste Schwung drin ist, sind die Blogs. Viele sprechen ja von Bloghouse, obwohl die Musik, etwa die Ed-Banger-Sachen, nicht viel mit House zu tun haben. Über diese Blogosphäre verbreitet sich ein Track in Stunden, Kids saugen sich an einem Tag ein Gigabyte und plötzlich stehen 1500 Teenager auf einer Party. In dieser Geschwindigkeit steckt der Futurismus, nicht in der Ästhetik. Die kulturelle Avantgarde ist nicht die Musik, nicht Punk oder Techno, sondern die Piraterie. Das ist eine Kraft, die bestehende Konzepte unterminiert und die Akteure von Verwertungsketten herausfordert, sich neu zu erfinden, und dabei auch gesellschaftliche Utopien erzählt. Da geht es um das Aufbrechen von Machtstrukturen, um Demokratisierung, Creative Commons, Fair Use und Bürgerrechte. Das ist ein Movement, aber weil es keine ästhetische Bewegung ist, wird das nicht so stark wahrgenommen. Aber die Wirkung ist wohl nicht weniger stark.

Creative Worker statt Künstler

Was bedeutet das für die Künstler?

Jan: Die Club-Leute können diese Situation gut nutzen. Sie können sich promoten über MySpace, vielleicht sogar ohne Album. Das ist ähnlich im Rockbereich, weil Live-Business wichtiger wird. Aber die, die experimenteller sind und vielleicht zwischen Bild und Ton arbeiten, hatten in den 90er Jahren bessere Konditionen, weil sie Tonträger verkaufen und auftreten konnten. Für die ist es heute schwierig. Die gehen dann in den öffentlich geförderten Bereich, in die Neue Musik, Soundart und den Kunstbetrieb.

Remko: Viele von diesen Leuten haben eine langsamere, aber stabile Karriere, so wie Raster Noton, Merzbow und Robert Henke. Die machen mehr als nur Musik.

Jan: Die Fokussierung auf den Live-Auftritt ist für Musiker schwierig. Man muss häufig auftreten und viel reisen. Das schlaucht. Die Denkfigur dahinter ist interessant: Der Tonträger, der ja eine Entwicklung der Technik ist, wird durch eine neuere Entwicklung der Technik obsolet, nämlich der Digitalisierung, und der Musiker lebt wieder ähnlich wie zu der Zeit, als es noch keine Tonträger gab.

Oliver: Immer wichtiger wird auch der Verkauf von CDs auf Konzerten.

Jan: Ob man aus dieser Entwicklung Profit schlagen kann, ist stark typenabhängig. Die Kette aus Label, Vertrieb und Einzelhandel war gut für Leute, die gerne alles abgegeben und sich voll aufs Musikmachen konzentriert haben. Der neue Creative Worker dagegen ist autonom und vermarktet sich selbst. Mancher mag sich da als Entrepreneur fühlen, aber nicht jeder Künstler kann das.

Früher habt ihr den Club sehr schön als soziale Skulptur beschrieben, als Plattform für Video und Medienkunst? Wie steht es darum heute?

Jan: Ein Club ist eine Membran, die durchlässig ist, aber auch Schutz bietet. Hier können Dinge anders laufen als im Alltag. Das funktioniert besser, je kleiner der Ort ist und je weniger wirtschaftliche Zwänge herrschen. In Berlin hat sich da viel verändert. Die Clubs mussten sich professionalisieren. Sie sind in größeren Räumen, haben größere Apparate aufgebaut, Kredite aufgenommen, die müssen sie refinanzieren und anders booken, um die Orte zu füllen. All das hat zu einer konsumistischeren Haltung des Publikums geführt. Die Leute, die heute in einen Club gehen, wollen primär unterhalten werden.

Oliver: In dieser Verbraucherkultur identifizieren sich weniger Leute mit dem Club.

Jan: So schön es ist, dass in Berlin der Tourismus so stark ist, es ist auch ein Problem, wenn zu viele Touristen in den Läden sind. Da schwindet die Bindung natürlich.

Remko: Früher war alles kurzfristiger. Ein Club existierte zwei Jahre, dann ging er weg. Wenn er wieder neu aufmachte, war das ein riesiger Kick.

Jan: Ich weiß nicht, ob dieses Gefühl, an etwas teilzuhaben, was ja einen guten Club ausmacht, in Strukturen ab einer gewissen Größe noch funktioniert.

Visuals sind ja auch aus den Clubs verschwunden.

Jan: Ja. Ein Videokünstler kostet Geld und inwiefern das zurückfließt, ist unklar. Man kann schwer sagen, ob sich das lohnt. Andererseits haben die Clubs sehr viel in Design investiert, was bei manchen ja auch zu interessanten Ergebnissen geführt hat.

Oliver: Viele Musiker wollen keine Visuals, weil das ablenkt. Andersrum will nicht jeder Künstler in einem Club präsentiert werden. Typisch ist, dass sich jeder wieder auf seinen Kernbereich konzentriert.

Die Clubwelt und die Bildende Kunst waren sich also schon mal näher?

Oliver: Ja. Das separiert sich gerade. Es ist immer seltener, dass die Kunst in den Club kommt.

Jan: Gleichzeitig wird die Musik immer mehr in die Kunst inkorporiert. Sound spielt eine größere Rolle im Kunstbereich. Da ist von einem Sonic Turn die Rede. Dass das umgekehrt nicht mehr so passiert, sagt natürlich auch was über die Credibility der Clubwelt aus. Dass da ein ernst zu nehmender Ort ist, an dem mehr stattfindet als der Exzess, das ist verloren gegangen. Auch die Künstler haben sich professionalisiert. Sie haben weniger Zeit, herumzuspielen und sich an Zwischenorten aufzuhalten. Diese Fusion aus Kunst, Club und Musik ist ja in den 90er Jahren auch aus sehr viel Freizeit entstanden. Das ist heute nicht mehr so.

Oliver: Jede größere Kunstveranstaltung hat so ein Clubformat. Nur dass sich das oft auf einem Schulparty-Niveau abspielt, wo die 80er rauf und runter laufen.

Jan: Ich frage mich, ob Musik als eigenes kulturelles Feld gerade schwächelt. Sie erzeugt weniger Aufmerksamkeit und tritt eher als Anhängsel in Erscheinung, das anderen Bereichen einen Mehrwert liefert, sei es der Kunst oder dem Marketing für Produkte.

Oliver: Das ist ja auch eine Frage des individuellen Darstellungswillens. Neulich gab es die These: Kochen und Mode, das kann man nicht digitalisieren, da kann ich mich individuell ausdrücken und eine Einzigartigkeit erzeugen.

Jan: Das maßgebliche Identifikationsangebot für Jugendkulturen war immer die Musik. Das ist immer noch so. Nur das heute vieles dazukommt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Mode vieles übernommen hat. Die Musik scheint der Soundtrack zur Mode zu sein.

Müsstet ihr dann Fashion nicht ins Programm aufnehmen?

Oliver: Um Himmelswillen!

Jan: Ich finde das einen interessanten Gedanken, aber wenn das Feld immer größer wird, verliert man an Tiefgang.

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Elektronische Lebensaspekte.