Text: j.m. da costa aus De:Bug 06

ZKM J.M. Costa (JMCosta@compuserve.com) Da wollten wir sie sehen: Kraftwerk im Museum. Hatte es irgend jemand je bezweifelt? Wie auch immer, hier handelt es sich um einen merkwürdigen Ausflug in ein technoides Neu-Karlsruhe, um eine alte Munitionsfabrik, vollgestopft mit Lichtern und Geräuschen, um den Eröffnungstag eines kulturellen “Novums” und um das, was ansonsten in und um das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) so passierte. So begibt man sich an diesem schönen Herbstmorgen durch nichtssagende Gegenden abseits vom Zentrum Richtung ZKM. Wenige Läden (geschlossen), ein paar Kneipen (türkisch)… Nichts wirklich aufregendes, alles ordentlich und sauber bis auf einige tote, elektronische Geräte, die auf der Straße ihre metallischen Innereien zeigen. Sondermüll? Schweigender Protest gegen unser Objekt? Aber Karlsruhe hat keine langen Wege und man landet prompt im alten Industriegelände, wo das ZKM liegt. Das ZKM? Nicht nur! Wie ein quadratischer Klotz, gespickt mit Wachposten und Stacheldraht, erhebt das nagelneue Gebäude der Bundesstaatsanwaltschaft sein unsympathisches Wesen vor unserem Museum. Wirklich nett. Und symbolträchtig. Dahinter etwas großes, eigentlich riesiges: 352 Meter Fassade, 40.000 qm Ausstellungsfläche in zehn glasbedachten Höfen, vier Museen (bis jetzt drei), eine Hochschule der Gestaltung, ein Institut für Musik und eines für Bildmedien, eine Mediathek, ein Multimediatheater, ein Musiksaal… Etwas teures, mega-üppiges: die Renovierung und Instandsetzung des industriellen Wracks hat 140 Mio. DM gekostet und sein jährlicher Etat liegt bei 12 Mio. Man findet nur das Letzte vom Letzten, das Feinste vom Feinen, den letzten Schrei, den Technologie Heute-Gestern zu bieten hat. Denn hier reicht es von experimentellen Sound-Labors der ersten Generation (Studio Hermann Heiss 1897-1966) bis zu computergesteuerten Lautsprechern. Die Stadt Karlsruhe und das Land Baden-Württemberg haben anscheinend viel Geld. Alles in allem und von aussen betrachtet kann diese alte Munitionsfabrik (mit ihrer unschönen Geschichte von Zwangsarbeit und anderen Grauen), so imposant und praktisch sie sein mag, nicht die würfelige Vision von Rem Koolhas’ Retine löschen. Sein hypermodernes Projekt für das ZKM-Gebäude wirkte schon äußerlich zukunftsweisend. Es wurde nicht realisisiert. So viel Geld hatte man letztendlich doch nicht. Das ZKM, sagen wir es rasch, ist das größte Museum der Welt, das (fast) nur Kunst mit neuen Technologien ausstellt und generiert. Sozusagen ein neues Centre Pompidou. Allerdings ohne Paris. Ein urbaner Zustand, der das ganze Unternehmen ziemlich problematisch dastehen lässt. Obwohl die Stadt mit dem Technologie Park Karlsruhe wirbt ist das einzig nennenswerte, was sie unserer heutigen Kultur gegeben hat Jim Avignon. Und der wohnt in Berlin. Aber Schluß mit dem Meckern. Man tritt ein und ist mittendrin. Ein Foyer, hier in ‘Digitaler Salon’ umgetauft, leuchtet schon mit Monitoren, wahnsinnsteuren Netz-Tischen (12.000 DM das Stück), Buch und CD-ROM Laden, Tresen mit Kantine… Und die ersten Geräusche. Unausweichlich in einem multimedialen Museum ist ein gewisses Hintergrundbrummen. Obwohl einige Werke in ihre eigenen und privaten Kammern eingeschlossen bleiben (dürfen), scheinen die mobilen Teile, die Wörter, Musik, Effekte und sonstige ohrreizende Schwingungen, ein Charakteristikum zu sein, das die jüngeren Besuchern viel weniger stört als altgebackene Kunstverehrer. Etwas vom Tempelwesen des -modernen- Museums geht hier unwiderruflich verloren. Man durfte sogar rauchen! Oder war es nur des Festtages wegen? Das ZKM ist in zwei fast überlappende Abschnitte geteilt. Der erste Teil ist eine Art normales Museum, in dem Klassiker der Video- und Computerkunst bewahrt werden. Ein wenig rührt es schon hier alte Bekannte zu sehen, Meilensteine dieser Kunst, wie Werke von Nam June Paik (lustig, daß hier das beste von ihm einige seiner Arbeiten auf Papier sind), der überbewertete Fabrizio Plessi mit seinen monumentalen Fernseh-Tricks, die “Les larmes D’Acier” von Marie-Jo Lafontaine, die “Schwelle” von Bill Viola (1992), die “Große Schiebe Symmetrie” von Walter Giers (1992) oder die “Tisch Tänzer” (1988/93) von Stefan Von Huene. Zudem einige zeitgenössische Gemälde und Skulpturen, meistens von Deutschen wie Imi Knoebel, Günther Förg, Markus Lüpertz, Hödicke… Wenigstens sind auch Boltansky und Barbara Kruger… Man muß sagen: dieser Teil bleibt, so seriös er wirken möchte, unter jeglichen Erwartungen. Es fehlen nicht so viele Namen wie An- und Absichten. Dan Graham ist nicht hier, um gar nicht erst von echten Pionieren der computergenerierten Kunst wie z.B Manfred Mohr zu sprechen. Wie das Gebäude stammt auch das Museum aus einen Kompromiss zwischen Alt und Neu. Und überzeugt wenig. Natürlich, es gibt absolute Meisterwerke wie “Good Boy, Bad Boy” von Bruce Nauman (1985) und man trifft den beunruhigenden Tony Oursler, aber irgenwie scheint alles zu künstlerisch gewollt oder ausgestellt. Ausserdem hat sich die Diskussion in der Kunst nach epochalen Ausstellungen wie der Documenta in Kassel und “Sensation” in London zum konkreten, nicht selbstbezogenen verlagert. Die äussere Realität, die im Wesen jeder Sample-Kunst liegt, ist hier -noch- als eine Art Begleiterscheinung betrachtet, und ein Grossteil der Gemälde gehört zur Abstrakte-Geometrische-Mystische Sparte. Es gibt Anderes. Viel, viel besser, amüsanter und sogar poetischer ist das sogenannte Medienmuseum, die Treppe hoch. Hier kann man spielen und rumwühlen. Und hier findet man die intelligentesten Lösungen, die gewagtesten Ansätze… und auch das Schöne… Man wird von Videospielen begrüßt. Anfangen tut es -wie könnte es anders sein- mit dem Urahn, jenem schwarzweißen Tennisspiel von Atari, und über “Supermario” (noch kein Bros.) fährt man hin zu “Doom!”. Dieser, in Deutschland indizierte und von jedem Kind gespieltes Killerklassiker, wird hier in einer Art offenen Kapsel mit Liege, einem Monitor über den Augen und Joystick am Ärmel gespielt. Das beste daran ist, daß an den Füßen der Kapsel zwei andere auf den Flur gerichtete Monitore den Lauf des Spieles (üblich) und das Gesicht des Spielers (nicht so üblich!) zeigen. Noch gemeiner könnte Wolfenstein gewesen sein… Zugegeben, seine 3-D Engine war noch nicht so ausgereift, aber virtuelle Nazis in dieser ehemaligen Todesfrabrik zu zerkleinern wäre nicht unangebracht… Es gibt ein “Interaktives Musiklabor” (von Dutilleux und Müller-Tomfelde), eine Art auf dem Rücken liegende, silberne Kakerlake, von deren Beinen Kopfhörer hängen. Man begegnet aber auch guten Witzen, wie der interaktiven Straßenbahn, die durch Karlsruhe fährt. Eine städtische Errungenschaft, die selbst vom skeptischsten Einwohner hoch gelobt wird… Ja, ein Wechselbad der Gefühle und Sinne… Gerade deswegen ganz toll. Die Mediathek war noch nicht offen, aber eines darf man sagen: dort ist die Zeit der Köpfhörer schon vorbei, hier genießt man Musik in bequemen hypertechnologischen Sesseln, die, noch einmal, wie offene Kapseln aussehen. Man kann tausende von Videos, CDs, CD-ROMs und sogar Bücher benutzen. Eigentlich schade, daß das Angebot im Web noch so mies ist, man wünscht sich diesen Schatz an Bildern und Geräuschen im Netz. Hoffentlich kommt es. Irgendwann. So, jetzt ist es schon ein wenig spät und man muß sich auf das Eröffnungskonzert von Kraftwerk vorbereiten. Währenddessen kann man ruhig ein wenig nachdenken, mit den Begleitern diskutieren und zu einer provisorischen Schlussfolgerung gelangen: dieses ZKM leidet an einem fehlenden Hinterland, das Gebäude funktioniert nicht so gut und stellt auch keine gewagte und harte Zäsur in der Geschichte der Museen dar… Alles ist irgendwie dazwischen geblieben, vielleicht weil dies der einzige Weg war, solch ein Monstrum durch die Institutionen zu peitschen. Und trotzdem ist es wertvoll. Man findet nichts vergleichbares, man kann leicht über die Mängel hinwegsehen und vieles Interessantes, Lustiges, Dramatisiches und Beindruckendes erleben. Ausserdem sind Museen am Ende nie wie am Anfang und im ZKM gibt man zu, daß man einen überzeugenden Weg noch nicht gefunden hat… Das ist schon was. Zuletzt Kraftwerk. Mit neuem Mitglied, der ganzen Apparatur, denselben Videos, die Roboter… Ein bißchen komisch war es schon, daß die meisten der Zuschauer elektronische Musik aufrichtig hassen, aber so ist das mit Klassikern. In der Tat, als Kraftwerk die Hälfte des Konzerts hinter sich hatten, wurden die Massen immer nervöser. Nicht nur daß drei neue (?) instrumentale Stücke ihren Weg ins Set fanden, sondern daß die Arrangements einiger Lieder viel härter und stampfender waren als selbst auf der Mix-CD. Zu einem gewissen Augenblick rief einer der beleidigten “Fans” klar hörbar über die Beats und Bleeps: “Scheiss Techno!!”. Zu Kraftwerk. Es gab neue Kostüme und die Düsseldorfer zeigten noch einmal, warum sie Klassiker sind. Alle ihre Sounds sind selbstgeneriert und fast eine Welt für sich, ihr Sinn für einen “europäischen” Rhythmus (was mit Jazz zu tun hat, sehr wenig mit Rhythm&Blues) wird auch jetzt nur von einigen Dancefloorminimalisten in voller Konsequenz verfolgt, ihre Art Melodien einzuweben bleibt einzigartig. Ja, sie gehören ins Museum. Als “lebendige Schätze” der elektronischen Kultur. Halb Mensch, halb Maschine.

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Elektronische Lebensaspekte.