"Ich finde Happy Music einfach furchtbar unproduktiv."
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 156


Foto: Angel Ceballos

Inka Roza Danilova aka Zola Jesus ist mit zarten 22 Jahren bereits an Operkarriere und Wirtschaftsstudium gescheitert, jetzt lässt sie ihre erstaunliche Stimme über leicht abgedunkeltem Pop mit grenzbrutalem HiHat-Gedresche und zerfrickelten Synthiesounds erklingen.

Auch wenn sie es nicht gern zugeben mag: Nika Roza Danilova ist nicht halb so düster unterwegs, wir es ihr Sound vermuten lässt. Zunächst fällt es schwer, überhaupt zu glauben, dass sie hinter Zola Jesus stecken soll: Weil sie nämlich unfassbar klein ist und mit einem Akzent spricht, der so typisch nach Mittlerem Westen klingt, dass ihr mittlerweile langes, blondes Haar fast schon nach Extensions aussieht. So amerikanisch hätte man sich die russischstämmige Nika bei ihrem kühlen Sound nicht vorgestellt. Der lässt einen eher an eine zähe, überirdische Amazone denken und macht mit breiten, aber auch zarten Arrangements sowie Nikas mächtiger Stimme mehr als deutlich, wo ihre musikalischen Wurzeln eigentlich liegen, nämlich in der Oper.

Die kleine große Stimme
Schon als 7-Jährige entwickelte Zola Jesus eine Vorliebe für diesen kraftvollen, klassischen Gesang und lässt sich von ihren Eltern Opernkassetten kaufen. Auf dem Land aufwachsend und schon als Kind nicht sonderlich gesellig, entwickelt man schnell eigene Interessen. Und so wie Nika es beschreibt, ist ihr Heimatort Merrill, Wisconsin, der Mittelpunkt des Nirgendwo. Über North Dakota hat es ihre Großeltern dahin getrieben, ihr Vater ist Jäger. Ohne großartige Ablenkung wird sie schnell zur Expertin. Aber mit den Ansprüchen kommen auch die Probleme: “Ich habe wirklich hart an mir gearbeitet, wurde aber einfach nicht mit der besten Stimme für die Oper geboren. Die Stimme ist mein Zuhause, aber nüchtern betrachtet wird es für mich nie ein gutes Heim sein.”

Bevor sie zu dieser Einsicht gelangte, schlug Nika ihre selbstattestierte Unzulänglichkeit so sehr auf den Magen, dass sie die Musik sogar eine Zeit lang ganz an den Nagel hing: “An kreativer und so privater Arbeit kann man leicht scheitern. Dieser Druck hat mich kaputt gemacht, besonders weil ich mir meiner Stimme wegen so unsicher war. Ich bin sehr ehrgeizig, aber irgendwann war die Musik das nicht mehr wert. Also habe ich meinen Ehrgeiz auf ein Wirtschaftsstudium verwandt. So etwas Analytisches schien mir eine gute Idee. Na ja, war es dann doch nicht”, weiß sie schon mit ihren gerade mal 22 Jahren.

Um nicht an der Langeweile einzugehen, hieß es schließlich doch sich zusammenzureißen und ihrer großen Leidenschaft einen zweiten Versuch geben. Mittlerweile hat Nika ihre Unsicherheit auf einen viel praktischeren Kanal umgeleitet: Lampenfieber. “Daran kann man nämlich arbeiten. Ich kann einfach nicht nicht live spielen, da habe ich keine große Wahl. Die großen Shows sind immer noch ein Problem, aber die meisten Bühnen sehen sich zum Glück ja sehr ähnlich, da kann man das Publikum ganz gut ausblenden. Keine Ahnung, wie ich dabei aussehe, wenn ich da so herumwirble, aber wenn mir dieser Trancezustand hilft, ein Konzert zu überstehen, dann muss mein Publikum da auch durch.”


Foto: Angel Ceballos

Industrial und Russland
Im Gegensatz zu ihrem umgänglichen Wesen bestätigt Zola Jesus mit ihrer Kopflastigkeit also doch das Bild, das ihre Produktionen heraufbeschwören. Allein die Wahl der ersten Single “Vessel” spricht hier Bände: Ein Hit wie beispielsweise “Night” vom Vorgängeralbum “Stridulum II” ist das nicht. Dafür ist es ein klares Statement dazu, wohin sich Zola Jesus musikalisch entwickelt. Da mag sie noch so vehement auf “Pop” als ihr Genre pochen, den zerfrickelten Synthiesounds, dem bisschen Hall und fast brutalem HiHat-Gedresche hört man an, dass Nika Industrial für sich entdeckt hat. Oder, wenn man dem Klischee Glauben schenkt, ihre russische Abstammung. “Conatus” ist ein kaltes, störrisches Album. Die schleppenden E-Drums sind stark abstrahiert, zwar sogar tanzbar, aber erst die Streicher-Arrangements, die sich als ein Novum in vielen der Songs finden, setzen “Conatus” in Sachen Dramatik die Krone auf.

“Ich finde Happy Music einfach furchtbar unproduktiv. Ich möchte mit meiner Musik keine Flucht anbieten, sondern konfrontieren mit den Dingen, dich mich umtreiben. Vieles davon hat schlicht mit Menschlichkeit zu tun und auf eine sehr private Art damit, wie wir in einer Gesellschaft funktionieren”, sagt Nika. So ganz abkaufen mag man ihr diese prätentiöse Attitüde bei vagen Äußerungen dieser Art nicht immer, aber daher käme auch der Albumtitel “Conatus”. Der bezeichnet im Lateinischen ein “Auf etwas hingerichtet sein”, was in ihrem Verständnis vor allem Wachstum bedeutet, sowohl künstlerisches als auch gesellschaftliches. Es gibt immer etwas zu tun.

Plastik und Pop
Ein wenig irdischer wird Zola Jesus dann doch, wenn man nach dem “Wohin” fragt. Denn wie die meisten hat auch Nika erst einmal nur klare Vorstellungen von dem, was sie nicht möchte. Zum Beispiel sich durch Stillstand zu langweilen oder dass ihre Musik als “Gothic” betitelt wird: “Goth ist doch nur noch ein Cartoon seines eigentlichen Bestrebens, total kitschig. Wenn die Leute damit gotische Architektur meinen, ist das nichts Schlechtes, aber anderenfalls möchte ich damit nicht assoziiert werden.” Wenn man schon auf etwas referieren möchte, dann vielleicht auf eine moderne, etwas poppigere Lydia Lunch. Gar nicht Gothic ist außerdem L.A., die große Stadt, in die es Nika vorerst verschlagen hat. Obendrein lebe sie im materialistischsten aller Viertel, umgeben von einer Schar Rihanna-Fans. Warum die Frau hinter Zola Jesus die Wälder gegen Plastik und Pop getauscht hat? Vermutlich weil sie, dann doch ganz amazonengleich, eine gute Herausforderung mag.

Zola Jesus, “Conatus”, ist auf Souterrain Transmissions/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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