Abgezockt von Bootleggern und Major-Lizenzen erinnert sich Florian Senfter nur ungern an seinen großen Hit "Kernkraft 400". Aufhören kommt dennoch nicht in Frage.
Text: Felix Denk aus De:Bug 107

Techno

Untote leben länger
Zombie Nation

Zombie Nation könnte vieles heißen. Ein Horrorfilm, eine Trash-Metal-Band oder ein Computerspiel mit fiesen Monstern – das gab es tatsächlich mal, von Nintendo Anfang der 80er Jahre. Allerdings hatte Florian Senfter von der Spielkonsole noch nie etwas gehört, als er 1999 sein Electro-Projekt Zombie Nation taufte und mit nur einer Nummer schlagartig bekannt wurde – bekannter, als ihm lieb sein sollte.

“Kernkraft 400” erschien, als House immer minimaler wurde und Techno gerade Schranz war. Die Nummer – ein brodelnder Mix aus Electro-Beats, Sägezahn-Bassline und Spielhallen-Fiepmelodie – schlug ein, wie B-Movie-Helden es sich von einer Handgranate erträumen, wenn sie von einem Heer blutrünstiger Untoter bedrängt werden. Produziert hatte es Florian Senfter mit seinem damaligen Partner DJ Mooner. Es kam auf Gigolo Records raus und war die erste EP der beiden Münchner. Ein Hit, der gehörig Ärger machen sollte.

Belogen und betrogen
Ein italienisches Label lizenzierte das Stück und fertigte einen Remix an, der unautorisiert verkauft wurde – 20.000 mal. Gleichzeitig kletterte die Nummer in den Charts weit nach oben – Top Ten in Großbritannien, Belgien und den Niederlanden – und weckte bei anderen Labels Begehrlichkeiten. Hier gab es etwas zu verdienen. Einige Lizenzen vergab Gigolo, beispielsweise an Polydor, andere Anfragen schmetterte das Label ab. Doch da war die Kontrolle schon lange verloren. Zahlreiche Bootlegs überschwemmten den Markt, teils mit so obskuren Namen wie Zombie Station, Domination oder Kernkraft 2000. Strictly Rhythm veröffentlichte das Stück unter dem Namen “Rhythm Nation – The Chant“ und schickte sogar ein Live-Projekt mit gleichem Namen durch die Clubs.

“Nach der ganzen Sache habe ich lange überlegt, ob ich den Namen aufgeben sollte“, sagt Florian Senfter heute. Das wäre vielleicht einfacher gewesen. Er tat es jedoch nicht, sondern produzierte beharrlich weiter an dem, was er als den perfekten Moment bezeichnet. So catchy wie Kernkraft 400 klingt Zombie Nation nicht mehr. Trotzdem teilt Black Toys, das mittlerweile dritte Album, einiges mit vergangenen Produktionen. Die zwölf neuen Stücke überzieht ein dunkel schimmernder Glanz, ein kaputter Disco-Flair mit gelegentlichen Grusel-Effekten und grobkörnig verzerrten Basslines. Der morbide Glamour von Kernkraft 400 spukt mit musikalisch vielseitigeren Mitteln durch die Schaltkreise. “Eine gewisse Konsequenz kann man da schon sehen, eine ähnliche Funkyness“, sagt Florian Senfter.

Manche Stücke auf Black Toys erinnern vage an NuGroove, andere an Patrick Cowley. Aber über Musik selbst redet Florian Senfter kaum, eher über Sounds und Geräusche und wie man die zustande bringt. Der Computer-Skeptiker begeistert sich für Radio-Equipment aus den 70er Jahren, längst ausrangierte Vorverstärker und Equalizer und natürlich Synthesizer aller Art. Früher befestigte er die an der Wand in der Teeküche seines kleinen Büros in München, von wo aus er seine Labels Dekathlon und UKW betreibt. Doch irgendwann war die Decke erreicht, ein Umzug musste sein.

Das neue Studio teilt sich ganz klassisch in Regie- und Aufnahmeraum, die ein Fenster trennt. Dort bastelte er an seinem tieffrequenten Sound von Black Toys, schleifte den Bass durch Gitarrenverstärker und nahm ihn mit einem Raummikrophon stereo auf, verfremdete Samples von Flohmarkt-Platten zur Unkenntlichkeit und arrangierte das Ganze mit viel Live-Feeling und Liebe für seine Maschinen. “Die Geräte haben eine Seele, eine Geschichte. Viele habe ich bei Ebay gekauft, glücklich im dritten Versuch ersteigert, dann fehlte ihnen mal eine Taste, die ich noch ranbasteln musste. Wenn man das Kabel hineinsteckt, kommt das gewohnte Rauschen oder Netzbrummen heraus. Fehler und Stärken, wie ein alter Freund. Ich mache Musik mit vielen guten Freunden.“

Am Wochenende, wenn er seine guten Freunde aus dem Studio in die Clubs schleppt, mag er es persönlich. Weil: “Je größer die Party, desto eher denkt der DJ, er müsste mit den Händen fuchteln.“ Florian Senfter weiß, wovon er spricht. Als Live-Act ist er viel unterwegs, manchmal auch als DJ, da heißt er dann John Starlight, wie sein Zweit-Projekt. In Clubs spielt er lieber als auf großen Festivals.

Auch die Parties, die er Mitte der 90er Jahre in München veranstaltete, waren ziemlich persönlich, sie waren nämlich illegal. Ja, so etwas gab es auch in München. Drei verschiedene Crews organisierten regelmäßig Parties in rechtlicher Selbstverantwortung. In einer war Florian Senfter. Per Telefon wurden spontan bis zu 500 Leute zusammengetrommelt – das war die Zeit vor Email – und ein ungenutzter Raum mit einem Generator, einem Soundsystem und ein paar Kästen Bier mit Leben gefüllt – wenn die Location zufälligerweise gegenüber der Münchner Polizeihauptstation lag, um so besser.

“Ich bin immer mit meiner Schwalbe durch München gefahren und habe nach Häusern geschaut, wo man eine Party machen könnte. Man bekommt dann schon einen geübten Blick: Wo sind die Fenster schon lange nicht mehr geputzt worden, in welchem Hinterhof stehen die Pflanzen hoch?“ Den Profi-Blick schärfte der Ehrenkodex. Keine Party durfte zweimal am gleichen Ort stattfinden. Vor einem halben Jahr veranstaltete Florian Senfter wieder eine Party. Nur um zu sehen, ob das noch alles so funktioniert wie damals. Untote haben eben manchmal einen langen Atem.

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Elektronische Lebensaspekte.