In Zürich treffen Verspieltes und Konkretes nicht nur in der Elektronik aufeinander. Einen Nährboden für beide Positionen bildete die legendäre Clublounge Substrat. Im November erscheint die 2CD-Compilation "Substrat - Innovation durch Irritation" und gibt Aufschluss über die Produktivität einer heimlichen Subkulturhauptstadt.
Text: Katja Stier aus De:Bug 55

Alles ein ‘beatseli’ anders…
Zürich und Substrat

Seit gut zwei Jahren entdecken wir in Plattenläden oder DJ-Sets immer mal wieder eine kleine Perle aus Alpennähe. “Klettermax” – jetzt “Golden Boy” – gehört wohl zu den meist beachteten Acts aus Zürich und hat nun auch als erster den Sprung zum internationalen Label (Ladomat) geschafft. Aber auch “Styro2000” und “Bang Goes” waren mit ihren Releases auf dem Label “Bruchstücke” in vielen Sets präsent. Ein fröhlicher, dampfiger Groove war da zu hören. Eine kleine Vorahnung machte sich breit, das dort, wo diese Beats herstammen, vielleicht noch mehr zu entdecken ist. Den meisten unter uns ist Zürich bekannt als die Stadt, die mit Streetparade und ihren rund 30 Clubs den Titel ‘Partymetropole’ errungen hat. Vor allem in diesem Jahr, in dem der Tanz um den See erstmals den Liebeszug unter der Siegessäule zahlenmäßig überrundet hat. Und das ist nicht ganz falsch, denn in Zürich wird wirklich sehr gerne, sehr viel und mit Ausdauer gefeiert. Davon zeugen Clubs und Partys, die oft mit klangvollen, internationalen DJ-Namen werben. Aber Zürich hat auch ein eigenes Gesicht. In zahllosen Nebenflüssen des großen Stroms haben sich DJs und Produzenten formiert und sind bruchstückhaft zu Tage gekommen. Nun erscheint erstmals eine Compilation, die die Zürcher Acts bündelt und uns zeigen will, wie das elektronische Herz der Schweiz wirklich schlägt.

Substrat – Ein ‘Breitbandnährmedium’
Substrat, das ‘Breitbandnährmedium’ der Clubkultur, veröffentlicht in Zusammenarbeit mit dem Label “Stattmusik” einen Doppel-Cd-Rundumschlag des Zürcher Elektronikkosmos. Auf zweimal 74 Minuten erwarten den Hörer 22 Tracks von 21 Zürcher Produzenten (ein Berner hat sich eingeschlichen), schlicht aneinandergereiht wie deren Auftritte im gastgebenden Substrat. Viele dieser Tracks grooven gewaltig, andere sind feinsinnig und diffizil und haben absolut nichts mit Party zu tun. Die Clublounge Substrat war den Zürchern ein willkommener Spielplatz, um sich selbst zu finden. Philipp Meier, aka Metastar, ist geistiger Vater und Macher des Substrat. Seit Mai 1998 hat er an 111 Abenden 90 DJs, 111 Live-Acts und 87 Licht/Bildgestalter – die meisten davon in Zürich ansässig – auf seinen Nährboden gebeten und sie tun und machen lassen, was sie wollten. “Im Substrat gebe ich gerne eine Carte Blanche, lasse den Leuten freie Hand. Es kommt mir vor allem darauf an, dass im Substrat jede Nacht anders wird. Es soll lebendig sein, es soll sich was bewegen,” erklärt Philipp Meier seine programmatische Offenheit. Das Substrat hat vieles und viele bewegt. Um die 500 Besucher kamen jeden Donnerstagabend ins alte Rohstofflager, später ins UG, und ließen sich gefallen, was der Metastar kredenzte: eine spielwütige Masse von Live- Acts, DJs und Bildkünstlern, die ausgelassen an den Rändern der Clubkultur experimentierte.

Feierlust und Produktivität
Produktiv ist Zürich allemal, nur wahrgenommen hat man das außerhalb der Stadtgrenzen bisher kaum. Releases aus Zürich waren bisher rar, Flyer fliegen nicht bis Köln, und Schweizer Modelabels sind nicht in Mitte zu finden. Noch nicht. “In dieser Stadt wird wirklich sehr gern gefeiert, so gern, dass wir darüber das Produzieren fast vergessen hätten,” resümiert Marcel Ackerknecht aka Styro2000, selbst ein Aktivist der ersten Stunde. Denn das feierhungrige Völkchen der Zwingli-Nachkommen lebt das historisch verwurzelte ‘ora et labora’ tatsächlich etwas eigenwillig aus: gearbeitet wird an der Bar, im Atelier oder im Studio, gebetet auf der Tanzfläche oder im Lounge-Sessel. Seit Anfang der 90er fanden sich hier Party- und Clubteams und entwickelten ihren eigenen Charakter: Location, Raumgestaltung, Licht, Flyer, sogar Kleidervorschriften ergaben ein Szenario, das eine Party nur noch am Rande über Musik definierte. Es wurde dennoch munter produziert, doch erst Ende der 90er formierten sich mit “Bruchstücke”, “Stattmusik”, “7b-Records” und “Domizil” die ersten Labels. Einen geballten Zürich-Auftritt wie auf der Substrat-Compilation hat es jedoch bisher nicht gegeben.

Zürich Sound?
Die Frage nach einem ‘Zürcher Sound’ liegt nahe, wo wir doch so gerne Schubladen wie ‘Frankfurt House’ oder ‘Köln Minimal’ öffnen. “Ich bin nicht sicher, ob es den ‘Zürich Sound’ gibt,” meint Marcel Ackerknecht alias Styro2000. “Außenstehende können das sicher eher beurteilen. Aber ich finde auf jeden Fall, man hört den Zürchern die Freude am Feiern an. Ich würde sagen, die Zürcher sind irgendwie reduziert, aber eben auch verspielt. Ich glaube, was die hiesigen DJs und Produzenten gemeinsam haben – und das unterscheidet sie vielleicht von anderen – hier feiern alle gern. Jeden, den du hinterm Pult siehst, siehst du auch davor: auf der Tanzfläche.” Ob außergewöhnlich oder nicht sei dahingestellt, aber in den vielen kleinen Clubs und Partyteams ist wirklich beinahe jeder Konsument auch Produzent. Jeder trägt sein Teilchen bei zum lebendigen Leben der Stadt, ob mit Raumgestaltung, Bild, Sound oder kulinarischen Genüssen. Die vielen Events sind Sammelbecken für Kreative aller Sparten, vom Modedesign (Beige, Erfolg, Susann Schweizer) über Grafik (Norm, Mäusepolizei, Grafiksalon), Kunst (Relax, Gabi Deutsch, Costa Veche) bis Sparten-übergreifend (Mikry, Hundeherz, Pingpong) und natürlich für die Spielarten der zeitgenössischen Elektronik. “Eine wirkliche elektronische Tradition wie in Köln z.B. gibt es in Zürich nicht. Es gab Yello und dann lange, lange nichts. Aber was hier eine Tradition hat, ist das Spielerische auf der einen, das Konstruktive, Reduzierte auf der anderen Seite,” kommentiert Philipp Meier das rege Treiben an der Limmat. Das Verspielte und das Spartenübergreifende, das Zusammenführen von Bild, Licht, Ton, etc. hat in der Schweiz tatsächlich eine Geschichte. Davon zeugen Zürich-Dada mit dem legendären Cabaret Voltaire, die Krachmachmaschinen von Jean Tinguely oder in der Gegenwart die Installationen von Pipilotti Rist. Allesamt Konzepte, die mit verschiedenen Medien arbeiten und in denen die Spielfreude und Lust am Experiment hervorlugt. Aber auch die Konkrete Kunst und die Reduktion sind bei den Eidgenossen tief verwurzelt. Sie zeigen sich bis heute vor allem im Schweizer Grafikdesign, das weltweite Anerkennung genießt.

Verspieltes vs. Reduktion
Beide Prinzipien – spielerische Experimentierfreude und Reduktion – lassen sich auch aus den Tracks der Substrat-Compilation heraushören. Da finden wir lustvolle Beats, wie sie Styro2000, Roger Rotor, Canson oder aber Bang Goes produzieren. Bang Goes hat seine gutgelaunte Experimentierfreude längst schon bis Berlin und Köln unter Beweis gestellt. Neben seinen Club-Tracks auf Bruchstücke hat vor allem sein Bravourstückchen ‘Sali.Sali’ – von Thomas Brinkmann liebevoll auf 7″-Format gebannt – auch die Dada-eske Seite der Schweiz wieder in die Welt hinausgetragen. Neben diesen fröhlichen Grooves aus Computern, Drummaschines und allerlei anderem Krachmachgerät hört man aber auch konstruktivistische Soundtüfteleien, ruhige oder krachende Ausgeburten der experimentellen Elektronik. Allen voran steht hier die Produktion von Steinbrüchel, deren ‘totale Selbstbeherrschung’ – wie es Roland Fiege (Shitkatapult) einmal nannte – auch den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Genau wie die Produktionen aus dem Hause Domizil, auf der Compilation vertreten durch Marcus Maeder und Teleform. Sie alle gehören der internationalen Einzelgänger-Gemeinde der Experimentellen an, einer Sparte, die bis heute nach einer Heimat zwischen Club und Kunstraum sucht. Im Substrat fanden sie Unterschlupf und eine Gemeinde, die Willens war, sich dem Experiment auszuliefern. “Das Substrat hat auch mir viel ermöglicht,” erkennt Steinbrüchel die Leistungen des Clubs und seines Kurators Metastar an, der durch seine Offenheit und seinen Experimentierwillen eben auch dieser Sparte den Nährboden bereitete. In dieser Stadt gibt es ganz offensichtlich Raum zum Ausprobieren, nicht nur in Clubs. Ohne Druck und in einem bisher erwartungsfreien Vakuum konnten sich die Zürcher entwickeln. Ein Freiraum, den man anderorts vermisst. “In Zürich kann man seine Energien viel gebündelter umsetzen als in den großen Metropolen. Zürich ist klein, die Wege sind kurz. Und man kann hier eben mit einem Nebenverdienst seinen Lebensunterhalt finanzieren. Das schafft Gestaltungsfreiräume. Das Kunstprodukt, das aus dem Überlebenskampf entstanden ist, gibt es in Zürich bestimmt nicht,” erläutert der Substratmacher den Hintergrund der Produktivität seiner Stadt.

Real Virtuality
Seit Philipp Meier die Dancefloors von Zürich betreten und somit mitgestaltet hat, arbeitet er an den Grenzen von Club- und Kunstraum und allen anderen Spielflächen der Gestaltung. Selbst DJ und Bildender Künstler hat er der Clubkultur mit seiner Metastrat-Kultur einen theoretischen Überbau und dem Substrat einen praktischen Nährboden bereitet. Den Zürchern gab er vor allem Raum und Kontinuität. Das Substrat wurde rasch zum festen Ankerpunkt im wankenden Zürcher Nachtleben, eine Institution der Szene. “Substrat war für mich auch als Besucher ein fester Bestandteil meines Lebens. Ins Substrat ging ich, wie andere Leute Donnerstags Kegeln gehen, egal was auf dem Programm stand. Es passierte immer etwas anderes, immer etwas Spezielles. Das hat mir nicht immer gefallen, aber darum ging es im Substrat gar nicht,” erklärt Steinbrüchel. Das Substrat wollte nie gefällig sein und hat vielleicht gerade darum gefallen.
Philipp Meier bündelt in seinen ausgeklügelten Konzepten, was sich vorher in Ansätzen an verschiedenen Stellen bereits andeutete: das Zusammenführen vieler Teile zu einem neuen Ganzen. “Innovation durch Irritation” heißt einer der Substrat-Claims und ist nun auch der Untertitel der Compilation. Für die Musik heißt das, dass hier auch solche Sounds eine Plattform erhalten, die nicht für die rhythmische Partybeschallung taugen, denn das Substrat war eine Lounge. “Die Lounge befreit den Club vom Tanzzwang und den Musiker von der Drummaschine,” heißt es sinngemäß in einem von Philipp Meiers Texten. Aber auch Kunst, Mode, Design, Performance und andere Gestaltungsarten hielten unter der Fahne des Substrat Einzug in den Club. Das Zusammenführen der verschiedenen Sparten der Kulturproduktion soll die gegenseitige Befruchtung und Ausweitung der einzelnen Disziplinen ermöglichen. “Es ist die Aufgabe des Klubs, alle Sinne zu befriedigen und aus der bewussten oder unbewussten Wahl von Teilen ein kurzzeitiges Ganzes zu schaffen,” steht an anderer Stelle des Textes. Im Substrat geschah dieses durch die nochalante Art des Gastgebers sicher oft zufällig. Bei den bisher drei Substratos-Festivals, dem ‘Mikrofestival der Klubkulturen’, aber ging Philipp Meier in seinem Inszenierungswillen noch einen Schritt weiter. Dort lud er neben Musikern und Bildgestaltern auch Perfomancekünstler, Modelabels und Textakrobaten zu einer Inszenierung in den Club, der so für eine Nacht zur betanzbaren Installation, einer ‘Real Virtuality’ wurde. Dann nämlich, wenn die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufweichen und das ‘kurzzeitige Ganze’ als sinnlich erlebbare Welt entsteht.

Das Dazwischen
Nicht umsonst nennt sich Philipp Meier selbstbewusst Klubkurator: “Ich ging und gehe immer noch sehr gerne auf Partys, aber ich habe auch eine Sehnsucht nach mehr Inhalten. In den sogennanten ‘Kunsträumen’ hingegen fehlt mir oft das Lustvolle. Ich selbst brauche beides und habe beides gern. Ich will weder den Kunstraum noch die Party demontieren. Mich interessiert, was ‘dazwischen’ sein könnte.” Das Substrat und die Substratosfestivals bilden ein solches ‘Dazwischen’.

Mit seiner Offenheit und Vielfalt hat Philipp Meier unter Beweis gestellt, dass eine Clubnacht weit mehr sein kann als eine durchtanzte Nacht. Sein ‘Manyfest zur aktuellen Kulturproduktion’ lässt uns auf weiteres hoffen: “Vieles gibt es schon, das meiste noch nicht, und weniges ist vollendet. Und dies ist Zeitlebens so. Auf der Suche nach Antworten und Lösungen erscheinen im Unmöglichen die größten Möglichkeiten. Es geht dort weiter, wo es nicht weiter zu gehen scheint.”

Es geht weiter…
Das Substrat ist derzeit ohne Heimat. Eine Wiedereröffnung in neuen Räumen ist zum Ende des Jahres zu erwarten mitsamt den dazugehörigen Release-Partys zur Compilation. Zur Überbrückung kann man den CD-Player mit den Sounds des Substrat füttern. Alle übrigen Faktoren, die einen Abend zum Erlebnis werden lassen, muss man solange allerdings selbst beisteuern.

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Elektronische Lebensaspekte.