Runter vom iPad!

Die Videospiele entgleiten ihren Behältern. Sie kriechen in die Realtwelt hinein, beseelen totes Spielzeug und lösen Versprechen ein, die kein Heimautomations-Kühlschrank bisher zu erfüllen vermochte: die vom entgrenzten Zusammenspiel. Ich gegen den Computer gegen die Welt.

Wer sich noch an die Vorstellung von iOS 7 erinnert, genauer an die Demonstration von Anki mit ferngesteuerten Autos, der hat einen Eindruck davon, wohin die Verschmelzung von Tablets mit Spielzeug führt. Robotics, Artificial Intelligence, Tablet-Kollaboration von Hardware und Software. Doch einen Schritt zurück. Wir hören schon lange, dass Tablets etablierte Hardware verdrängen wird. Die PC-Verkäufe schlummern langsam ein, Tablets und Steve Jobs Post-PC-Generation haben übernommen. Doch warum sollte man einen kleineren Screen gegen einen größeren mit obendrein freierer Software und halb so knebelndem Ökosystem eintauschen wollen? Die Antwort, fürchten wir, ist komplex – und da kommen endlich auch die Spiele ins Spiel. Die Grenze zwischen dem Screen und der Realität droht nicht nur für Unkenrufer aus dem digitalen Kulturpessimismus zu verschwinden, oder den nie ganz aus dem Sonderling-Status herauswachsenden ARWelten, sondern ganz banal bei den Kids. Die sehen nämlich konzeptionell erst mal keinen Unterschied zwischen einem normalen Spielzeug und einem iPad. Die Konzentration liegt auf dem Spiel. Nicht auf der Gadget-Gattung. Und Aufgabe der intelligenten Spiele in diesem Zwischenraum wird vor allem sein, diese Grenzen verschwimmen zu lassen. Eines der ersten Produkte dieser Generation ist dabei so enigmatisch wie es aussieht: Sphero, ein kleiner Ball, durch ein Smartphone oder Tablet ferngesteuert. Ein kleiner Roboter ist das Teil obendrein. Leuchtend, perfekt um Katzen zu ärgern, ein erster, runder Ausblick auf die Steuerung der Welt durch die selbst zum intelligenten Controller gewordenen tragbarenMinicomputer. Das Spiel dabei ist so offen wie nur möglich. Egal ob einem Sphero einfach nur hinterherläuft, Lichtspiele mit einem veranstaltet, Bowling oder Bürogolf amüsanter macht, oder auf dem Screen in virtuelle Spiele eingebettet wird: Der Bildschirm ist nur noch ein Teil der digitalen Realität. Wir haben sie in die reale Welt entlassen.

Anki machte das auf der iOS Präsentation noch klarer: Eine Art Carrerabahn mit Freilauf, auf der nicht nur das iPad im Hintergrund mitdenkt, sondern auch die Autos selber, die mit Sensoren für Unfallvermeidung und Positionsbestimmung, Kameras und so weiter ausgestattet sind. Das sind Videogames in der realen Welt. Nicht nur mit überlagerten Screens, sondern mit nichtmenschlichen Mitspielern, Gegenständen, die eigenständig ins Spiel eingebunden werden können. Am Ende ist für Anki eine neumodische Spielzeug-Rennbahn herausgekommen, bei der man eben auch gegen autonome Autos spielen und unsichtbare Waffen einsetzen kann, die in der realen Welt Auswirkungen haben. Wer hätte gedacht, dass sich eine AI- und Robotics-Firma irgendwann als der hippste Scheiß unter dem Weihnachtsbaum als ausgerechnet Autorennen entpuppt? Die Ansätze dafür sind noch älter. Sie folgen alle einer klaren Leerstelle in der Spieleindustrie: Videogame- und Filmemarken überfluten mit Merchandise schon lange den Spielzeugmarkt. Allein die “Star Wars” Lizenzen füllen mit unzähligen Branding-Produkten ganze Regale. Aber dieses Spielzeug ist dumm wie ‘ne Socke. Ihnen entgegen stehen Spielzeug-Electronics, die im schlimmsten Fall Lerncomputer mit Grusel-LEDs sind, im besten Fall Lego Mindstorm. Nicht selten landen solche Spiele nach einer Woche Begeisterung über die erfüllten Markenwünsche dann irgendwo in der Ecke, weil die Versprechen (z.B. Laserschwert-Kämpfe wie im Film) nicht eingelöst werden.

Die Verschmelzung von Mobiles und realen Dingen aus der Spielzeug-Welt ist hingegen noch sehr neu und dürfte diese beiden Märkte – Mobiles & Toys – dennoch in Kürze unter sich begraben. Nicht, weil Videogames eh längst der größte Entertainment-Faktor unter der Sonne sind, oder Kids alle zu digitalen Junkies geworden sind. Sondern weil dieses Zusammenwachsen in den Köpfen der Kinder eh längst als Fantasie stattgefunden hat und an dieser Fantasie sich die Industrie wird messen müssen. Viele Produkte dieser Umbruchsgeneration sind banal. Bestseller Angry Bird hat die Zeichen der Zeit schnell erkannt und für seine “Star Wars 2”-Edition Telepods eingeführt. Das sind reale Spielfiguren, die man – denkbar mono-interaktiv eigentlich – ins Spiel teleportieren kann. Das stärkt natürlich die AddOn-Verkäufe, auch wenn es dem Spiel nichts wesentliches hinzuzufügen hat, ist aber über die Beamen-Metapher ganz gut integriert.

Die Richtung ist klar: weg von der Simulation von Spielen auf iPads, weg von exotischen Game-Controllern für Tablets, hin zur umfassenden Integration der Sensoren, mit denen ein mobiles Gerät vollgepfropft ist.

Lego

Lego hatte mit “Life Of George” auch schon sehr früh eine einfache Kombination von Tablet und Real-Life im Portfolio, bei der die App aber eher instruktives Begleitmaterial und Gamification-Kontrolle war. Zunächst für Ältere gedacht, musste Lego das aber dennoch schnell für Kids umbranden. Natürlich wird es noch eine Weile dauern, bis wir Konzepte wie BotSee von Wowwee überwinden. Das Spiel als Tablet-Dock, das in einen putzigen Roboter integriert wird und mit kleinen Klötzen interagiert, die auf dem Screen irgendwelche Aktionen auslösen. Oder GameChanger Board-Games mit Tablet-Dock in der Mitte. Aber die Richtung ist klar: weg von der Simulation von Spielen auf iPads, weg von exotischen Game-Controllern für Tablets, weg von dem Screen als Zusatz und Bonusanimation für Spiele hin zu einer tiefen Integration der Sensoren, mit denen ein Mobile heutzutage vollgepfropft ist. Also genau den Sensoren, über die intelligentes Spielzeug in eine Interaktion treten können, bei denen die Welt da draußen nicht mehr länger der dumpfe Gegenpart ursprünglicher Haptik ist, sondern ebenso “intelligent” auf die Geheimnisse hinter dem Screen antwortet. Und nicht ohne Grund sind die letzten Projekte des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zur Entwicklung modularer Roboter kleine Würfelchen, die aussehen, als wären sie Spielzeug. Sie in die gleiche, neue Richtung: weg vom Roboter in seinen diversen anthropomorphen oder tierischen Fantasien, hin zu den “building blocks” von Spielen. Intelligente Dinge für Kids werden wohl längst Alltag sein, wenn irgendwelche intelligente Kühlschränke sich heimautomatisiert im Internet Brause kaufen gehen.

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