Mit "Stumble Across" trotzt der Berliner Produzent den Digger-Dogmen
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 149

Iron Curtis

Iron Curtis hat 2010 viele House-Liebhaber mit seinen durchweg tighten Releases auf Mirau, Morris Audio, Mule, Jackoff, Boe und Retreat begeistern können. Ein ansehnliches Labelroster für einen Produzenten, der kredibler auf den ersten Blick nicht sein könnte. Johannes Paluka wuchs in Nürnberg auf und begann klassisch als Teenager, sich in den 90ern den Sounds der Plattenspieler zuzuwenden.

“Meinen ersten Plattenteller bekam ich zur Konfirmation und den zweiten habe ich mir in den Sommerferien bei einer Plastikspielzeugfirma erarbeitet. Dann gab es die ersten Jungle-Platten und mit den 70er-Soulplatten meines Vaters habe ich heimlich rumgescratcht. Das erste Daft-Punk-Album habe ich mir dann doppelt gekauft, um jugglen zu können.” Das Nürnberger Kulturzentrum DESI war die erste Anlaufstelle für Johannes, bei der er als DJ angefragt hat. “Das DESI war über die Stadtgrenzen bekannt, was die ganze Drum-and-Bass- und Broken-Beats-Szene anbetraf.

Erst habe ich mir gefühlte 18 Jahre Gedanken gemacht was auf das Tape soll und später saß ich dann vor diesem Gremium von fünf Machern und hatte quasi ein Vorstellungsgespräch. Eine komische Situation”, erklärt Curtis seine persönliche Initialsituation, der damals noch ein “ziemliches Londoner Brett” ablieferte und den Weg zu House erst ein wenig später als universelle Schnittstelle seiner Musikleidenschaft eruierte.

Nicht nur mit seinem Alias winkt Johannes gen New Order und Joy Division. Dieser tiefe, dunkle, romantische und teils existentialistische Antrieb ist es auch, der in den Tracks von Iron Curtis zum Vorschein kommt und den Nummern genau diese sanfte Deepness gibt, die sie so besonders machen. Indie-Melancholie sozusagen. “Ich wäre da gerne abgeklärter, aber Emotionen nehmen schon viel Platz bei mir ein”, beschreibt er sich selbst.

Iron Curtis 2

Kein Realness-Diggertum
Der Durchbruch als Produzent kam mit seinem Umzug 2008 nach Berlin. Dort lebt er in einem Haus mit den Producern Baaz und Johannes Albert. Eher zufällig hat die süddeutsche Community einen gemeinsamen Platz im gentrifizierenden Kreuzkölln gefunden. Man arbeite sogar schon an gemeinsamen Nummern, keine Kommune, eher gute Nachbarschaft. Erst konnte Iron Curtis sich gar nicht vorstellen in Berlin aufzulegen: Inflation, fehlendes Selbstbewusstsein und so. Aber mit den Tape-Partys mit Elie Eidelman und den Retreat-Abenden im Edelweiß wusste Johannes, “dass es hier Leute gibt, die einen ähnlichen Horizont haben.”

Iron Curtis‘ Ansatz ist kein Realness-Diggertum im Sinne von Chandler Parrish. “Diese Verbissenheit war mir bei HipHop schon immer fremd. Dogmatisch zu sein treibt einen nicht an.” Viel eher setzt er auf Versatilität. Ob Downbeat oder eine detroitig-durchbollernde 707. Vielleicht auch der Grund, wieso er sich auf seinen diversen Labels durchweg wohl fühlt. Palukas Samples können gerne auch mal abseitig sein und müssen kein Referenzbesserwissertum exerzieren.

“Allzu offensichtliche Samples liegen mir ja nicht. Ich mag es wie bei Erdbeerschnitzel oder Session Victim, wenn kurze Teile dicht aneinander gepackt werden. Samples sollten miteinander zu einem eigenen Loop verwoben und arrangiert werden. Bei mir kommt auch mal Mase oder Mary J. Blige vor, was aber auch daran liegt, dass ich während der Arbeit das Radio laufen lasse und manchmal die Nachmittagsschiene einfach aufzeichne. Ich versuche mir Stellen zu merken und schneide sie später heraus.” Nicht mit breiter Brust, eher verschmitzt erzählt er von seinen Produktionsmethoden. Aber wenn technische Limitierung pfiffige Unverfrorenheiten hervorbringt, dann macht das die Ergebnisse nicht unbedingt unsmarter.

Iron Curtis, Stumbled Across, ist auf Retreat erschienen.
Til You Go ist auf Morris Audio erschienen.

http://www.myspace.com/ironcurtis

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