"The decisions that I made in 2010"

Update: Bradley Manning will künftig als Chelsea Manning angesprochen werden und will zukünftig als Frau identifiziert werden. Ich habe den Text entsprechend angepasst.

Bildschirmfoto 2013-08-22 um 12.43.58

Die Frage, ob Chelseah Manning eine Heldin oder eine Verräterin ist, wird in Deutschland kaum gestellt. Ich finde: zum Glück. Wessen Heldin? Wessen Verräterin? Was wird beschützt, wer wird verraten? Wer über Manning in dem Heldin/Verräterin-Raster nachdenkt, überspringt die viel interessantere Kritik an einer Gesellschaft, die eine Manning erst hervorbringt.

Manning hat natürlich meine größte Sympathie, ihre Verurteilung zu 35 Jahren Haft frustriert mich, was sie in der Vergangenheit sagte – in diesem seltsamen Prozess, in seinen Chats (die leakten), in dem, was durch ihren Anwalt an die Öffentlichkeit geriet – berührte mich. Jetzt hat sie ein Statement zu ihrer Verurteilung veröffentlicht, das ebenso aufregend ist. Und es zeigt sich, dass sie selbst die Frage um Verräter und Held wahrscheinlich doof findet: sie redet von “die Entscheidungen, die ich traf”, sie redet von sich und nicht von einem Staat, der beschützt werden muss.

Große Empfehlung, das Statement.

Spannend ist natürlich die Frage, ob es eine Manning auch in Deutschland geben könnte. Vorteil einer größeren, deswegen auch demographisch heterogeneren Armee ist, dass abweichende Meinungen bessere Entwicklungschancen haben – oder blockiert es sie doch? Die Bundeswehr jedenfalls scheint ein ganz schön homogener Haufen zu sein. Das Weltbild der deutschen Soldaten, 2010 gemessen an 2300 Studierende an den Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und in München zu ihrer Zufriedenheit mit dem Studium und ihren beruflichen Perspektiven sowie zu ihren politischen Einstellungen, ist jedenfalls deutlich rechts-konservativ. Die Zeitung Die Welt zitierte aus der Studie: “Die große Mehrheit der Befragten – 70 Prozent – fühlte sich durch CDU und CSU am besten vertreten. Vier Prozent sahen ihre politische Heimat bei den rechtsextremen Parteien NPD, DVU und den Republikanern.” Ganze 13 Prozent der befragten Studenten bekannten sich zu Ideologien der Neuen Rechten. “38 Prozent stimmten der Forderung zu, Deutschland solle wieder von einer starken Elite geführt werden. 25 Prozent waren dafür, die Zuwanderung von Ausländern nach Deutschland zu stoppen. Man müsse dafür sorgen, dass sich in Politik und Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzt, meinten zwölf Prozent.” 11 Prozent der angehenden Offiziere wollten die Macht des Parlaments einschränken, 44 Prozent forderten, dass deutsche Interessen gegenüber dem Ausland “hart und energisch” durchgesetzt werden müssten. Viele ältere Studien zeichnen ein ebenso bedenkliches Bild, zum Beispiel 1, 2.

Senkt so eine Struktur die Chancen für Mannings oder erhöht es die Petz-Möglichkeiten für Abweichler, weil sie weniger integriert sind, sich weniger integriert fühlen und deswegen sich eh als “Verräter” fühlen können?

About The Author