Es war live und wir waren dabei. Und ihr solltet auch noch hin

Seit wenigen Tagen ist Ryoji Ikejdas aktuelle Ausstellung “db” im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. De:Bug begleitet die neue Schau des Japaners und natürlich haben wir uns frühzeitig in die Schlange gestellt. Das solltet ihr auch tun.

Von Multipara

Eines ist bereits klar, bevor man eintritt in einen der beiden symmetrischen Räume, je einer im West- und im Ostflügel des Hamburger Bahnhofs, von Ikeda komplementär gestaltet und bespielt: Bei allem formalen Drang zu Minimum und Maximum, zum Überschreiten der Sinnesgrenzen hält sich seine Kunst abseits von bierernster Strenge. So überzogen ist das Spiel aus mit “d” und “b” beginnenden Wortpaaren, die die Eingänge markieren. Seine Kunst misst sich am Menschen, das wird am Eröffnungsabend, der ja mehr Social Gathering ist als alles andere, besonders deutlich. Geboten sind die überraschende Kraft eines Xenon-Scheinwerfers sowie die fragile Abstrahlung eines Parabol-Lautsprechers als Doppel raumbeherrschender physischer Phänomene, darin eingebaut und ebenso komplementär aufeinanderzukomponiert zwei mathematisch inspirierte Arbeiten (plus verbindendem Bonus), die die Grenzen des Erfassens unabzählbarer Ziffernfolgen gezielt ins Auge übersetzen. 

Jenseits dieser sinnlichen Erfahrungen strahlen die beiden Räume selbst eine eigentümliche Präsenz aus, die unerwartet freundlich wirkt, auch trotz einer etwas militärischen Anmutung der nackten Technik, und die zum Verweilen einlädt. Das liegt zum einen an den großzügigen, klaren Dimensionen, zum anderen an den speziellen Lichtverhältnissen, und so blieb kaum eine Handykamera ungezückt, um Begleiter und Freunde festzuhalten, die als bewegliche Körper, als darin integrierte Rezipienten selbst Teil des Kunstwerks werden: Kein Zufall wohl, dass auch auf offiziellen Bildern von Ikedas Kunst häufig Betrachter mit abgebildet sind. Durch das Verständnis seiner Arbeit als umfassende “Komposition” – womit keineswegs nur der akustische Teil gemeint ist – fügt sich Ikedas erste deutsche Einzelausstellung in die Ausstellungsreihe “Musikwerke bildender Künstler”. Ikeda im Interview, April 2011: “Man verliert sich, wenn man mit Cutting-Edge-Technik zu tun hat, leicht in ihrer Komplexität, in der Datenfülle, und man vergisst das Komponieren. Man landet bei Zufall, Randomness, reiner Technikdemonstration. Randomness ist toll, aber da schaut man besser in den Himmel, die Wolken, aufs Wasser. So schön! Musik wird es erst durch ganz altmodisches Komponieren, mit einer Idee dahinter.”

db” von Ryoji Ikeda ist noch bis zum 9. April 2012 im Hamburger Bahnhof Berlin zu sehen.