Digitale Agenda legt Ergebnisse für die kommende Legislaturperiode vor

Der Unterausschuss Digitale Agenda hat seine Ergebnisse vorgestellt und die Linke hat sich freundlicherweise erbarmt und das Papier online gestellt. Denn so “open” die Forderungen sein mögen, von den #UADA-Spezialisten ist keiner auf den Gedanken gekommen.

Darin jedoch findet sich unter anderem eine Forderung:

Jeder Schülerin und jedem Schüler soll ein mobiles Endgerät zur Verfügung stehen. Mit privaten Partnern wird die Bundesregierung ein Rahmenprogramm dafür initiieren und die notwendigen Mittel bereitstellen. Dabei ist die Digitalisierung der Lehrinhalte ebenso Voraussetzung wie die technische Unabhängigkeit von gewissen Produkten. Die digitale Lehrmittelfreiheit muss gemeinsam mit den Ländern gestärkt werden. Grundlage hierfür ist ein bildungs- und forschungsfreundliches Urheberrecht und eine umfassende Open-Access-Politik. Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen wo möglich frei zugänglich sein, die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut werden.

Im Klartext: Deutschland will endlich mal in den Schulen einen digitalen Schritt nach vorne machen. Die Smartboards werden jetzt wohl wieder eingestampft? So sinnvoll das ist (Kinderrücken, Bücher, Medienkompetenz ihr wisst schon), so fragwürdig kann die Umsetzung werden.

Natürlich ist nichts willkommener als den Papierwahn für ständig zu erneuernde Lehrbücher zu stoppen, die in Deutschland ziemlich mächtigen Schulbuchverlage allerdings werden ihre Lobby schon jetzt auf Weltuntergang schalten. Und wir wissen ja wie liebäugelnd die letzte Regierung auf Verlage eingegangen ist. Und das Urheberrecht dreht sich auch im Grabe um, denn die Forderung nach Open-Access muss ja zunächst mal irgendwen finden, der Schulbücher in passenden Lizenzen für Mobile Endgeräte bastelt. Die Vorarbeit in ein paar verstreuten Projekten ist beim besten Willen nicht genug.

Das eigentliche Problem aber: die Technik. Wir alle wissen wie geschlossen Smartphones und Tablets im Normalfall sind. Nicht umsonst melken da alle das “Ökosystem”. D.h. Entweder werden die “freien Schulbücher” hinter den technischen Möglichkeiten zurückbleiben, weil, ähem, für alle Plattformen geht nicht, oder für die Schüler muss ein Exoten-Tablet gekauft werden (Firefox OS), denn eigentlich wäre nur das “open” genug. Und dafür kann man zumindest Web-Apps programmieren, die dann vielleicht auch auf anderen Geräten laufen.

Webapps. Hm. Dann muss aber die Infrastruktur in den Schulen richtig aufgedreht werden, denn am Netz sind sie bislang eher spartanisch. Und was machen die Kinder dann zu Hause? Falls es da kein Netz gibt? Und wie rechtfertig man die Foxconn-Sklaven, die ja als allererste ein Firefox OS Tablet bauen wollen (ja, richtig, es gibt noch keins)? Und bei anderen Geräten? Nimmt man den Zwangs-Google-Login für Kinder in Kauf? Lässt man sie auf den Apple-App-Store auflaufen? Verpasst man ihnen gar ein ganz anderes System, das in zwei Jahren schon obsolet ist, oder haben wir irgendwo Programmierer versteckt, die eine bundesdeutsche Android Open-Source Variante zusammenfrickeln können? Da war doch noch was mit Daten und den Amis.

Die wunderschöne Idee, jedem Kind ein Tablet zu verpassen, macht am Ende nur Sinn, wenn dahinter mehr steckt als eine Idee, sondern eine technisch komplett durchdachte Strategie, von den Geräten, über die Verbindungen bis hin zu den Inhalten. Wir vermuten aber die Schwammigkeit wird eher bedeuten, jede Schule macht das mit den (woher kommen die eigentlich wirklich?) ihnen zugeteilten Mitteln wie sie will und schlimmstenfalls erfüllt sie die Vorgaben der “privaten Partner”, die natürlich das Manna schon jetzt vom Himmel regnen sehen, bei solchen Großaufträgen. Und dann haben manche Glück, andere beissen auf das Granit des Schuladmins, und wieder andere warten nach Ende der Legislaturperiode noch vergeblich auf ihr Tablet.

Und währenddessen regnet es sicher hier und da auch durch das Schuldach.

Das Bild stammt übrigens aus dem Projekt von Stefanie Hartwig, Touching Music, das an verschiedenen Berliner Grundschulen Kids beibringt wie man mit Tablets elektronische Musik macht. Und die haben auch gerade einen passenden Track gemacht.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

8 Responses

  1. lfsaw

    Danke.
    Ein Special über Schule und Medien fänd’ ich mal super :)

  2. Matthias Krebs

    Vielen Dank dafür: Den Finger in die Wunde gelegt. Es ist noch ein weiter Weg bis zur DigiSchule und sie ist wohl erst dann Realität, wenn die Kinder, die mit Smartphones und Tablets aufgewachsen sind, selbst Schule und Politik machen. Doch dafür müssen die Kinder die Geräte auch nutzen (können) – wie in dem schönen Beispiel von Touching Music. Wünsche, dass der Artikel Kreise zieht!

  3. JanW

    Der Artikel ist interessant. Stellt er doch dar, wie Politiker sich vorstellen mal ein Teil einer Bewegung zu sein, um im Wahlprogramm das Häkchen bei der digitalen Revolution machen zu können. Wenn diese Digitale Revolution an den Schulen zu dressierten Kindern mit elektronischer Fußfessel (siehe Film) führt, dann kriegt mein Kind doch lieber ein Schulbuch, daß es auch mal in die Ecke feuern kann.

  4. Kalle

    Es wäre schon mal ein erster Schritt den Kindern einen E-Bookreader mit den Büchern zur Verfügung zu stellen. Was die Kommunikation zwischen Lehrer, Schule oder Internet betrifft wäre die nächste Ausbaustufe. Es kann doch im 21 Jahrhundert nicht normal sein das Kinder Kilo weise Papier durch die Gegend schleppen müssen. Aber hier scheint es einfach wieder einen Aufschrei der Buch Lobby zu geben und schon wird das Thema nach hinten gestellt. Am besten wir geben unseren Kindern wieder eine Schiefertafel und einen Schwamm mit in die Schule. Ist auch viel ökologischer!