Ein Interview mit Beth Coleman vom MIT

beth coleman by bernhard classen

Bild: Bernhard Claaßen

Inwieweit hat die Nutzung der sozialen Medien die Geschehnisse des Arabischen Frühlings beeinflusst? Eigentlich ist das Thema durch, schaut man sich nach entsprechenden Erkenntnissen um, glänzen die Autoren in den Weiten des Internets aber vor allem mit Halbwissen. Letzte Woche fand in Lüneburg die Veranstaltung VideoVortex#9 statt, bei der auch Professorin Beth Coleman vom Massachusetts Institute of Technology zu Gast war, die einen Vortrag mit der recht reißerischen Überschrift “Tweeting the Revolution: Activism, Risk, and Mediated Copresence” hielt. Wir nutzten die Gelegenheit, um das Thema doch noch einmal aufzugreifen und mit ihr über die Nutzung von Social Media als gesamtgesellschaftliches Phänomen mit Chancen und Risiken zu diskutieren.

DE:BUG: Arabischer Frühling. Twitter Revolution?

Beth Coleman: Nein. Wenn man sich mit der Rolle von Sozialen Medien im Arabischen Frühling beschäftigt muss man eines voraussetzen: Es sind die Menschen, die diese Veränderungen schaffen, nicht Facebook, nicht Twitter. Blickt man auf die Geschehnisse in Tunesien und Ägypten wird doch sofort klar, dass mit dem Aktivismus ein reales, körperliches Risiko einhergeht. Wenn man dies aber voraussetzt, kann man darüber nachdenken, welche Rolle die sozialen Medien dabei spielten. Die Leute, die sich am 25. Januar 2011 in Ägypten organisierten, solidarisierten sich mit dem ägyptischen Blogger Khaled Said, der von der ägyptischen Polizei getötet worden war. “Ich bin Khaled Said”, waren die ersten Bekundungen auf Facebook. Das war die erste Teilnahme am Aktivismus. Es geht darum, dass die sozialen Medien in diesem Fall eine Einstiegsdroge zum Aktivismus darstellen. Es begann mit Solidarität im Internet, und endete schließich mit der körperlichen Anwesenheit auf dem Tahrir Platz. Ebenso war es bei der Occupy-Bewegung. Zunächst klickten die Menschen auf “gefällt mir”, später campten ebenjene Menschen in Manhattan. Gleichzeitig haben wir diese Geschwindigkeit, mit der die Organisation von Aktivismus möglich wird. Die Aufstände der Jugendlichen in Großbritannien 2011, die größtenteils über das Nachrichtensystem von Blackberry organisiert wurden, haben das auch gezeigt. Diese Organisation der Aufstände “on the fly” hat es der Polizei unglaublich schwer gemacht. Echtzeitorganisation.

DE:BUG: Aber diese Medien sind doch nicht nur Chance, sondern auch Risiko? Regierungen und Gegner der Aktivisten können diese Kommunikationskanäle in der gleichen Art und Weise benutzen?

Beth Coleman: Auf jeden Fall. Es gibt immer beide Wege. Das ist ja auch der Grund, warum Leute in diesen Netzwerken mit falschen Identitäten arbeiten. Wael Ghonim, der Google-Mitarbeiter aus Ägypten war einer der ersten Aktivisten, die online aktiv wurden. Versehentlich sendete er aber eine Mail von seinem identifizierbaren Mailaccount an die Community, woraufhin er seine Aktivitäten sofort einstellen und seine Facebookseite aus dem Netz nehmen musste. Es gibt also gewisse Nutzungsstrategien, die übrigens auch in ganz anderen Kontexten ähnlich auftauchen. In Ägypten geht es um Leben und Tod, aber Teenager in einem sicheren Umfeld nutzen genau die gleichen Strategien der Codierung, um Aktivitäten und Inhalte vor ihren Eltern zu verbergen. Das sind doch interessante Parallelen.

DE:BUG: Allerdings gibt es ja auch die Idee der Klarnamenpflicht. Google+ hatte die eine Zeit lang glaube ich.

Beth Coleman: Es ist dumm, den Nutzern so etwas aufzwingen zu wollen. Es geht um diesen Anspruch von Authentizität, die Nutzer sollen vor Lügen beschützt werden. Ich halte das für schlecht, aber als privates Unternehmen kann man eben sagen: Hier sind unserer Nutzungsbedingungen. Wir geben denen mit unserem Einverständnis ja auch die Rechte an unseren Inhalten. Es gibt nur einen Grund, warum zum Beispiel Facebook, dieses Diktat von Nutzungsbedingungen durchführen kann: Die Leute nutzen es. Und damit wird es akzeptiert. Bei der Google-Suchmaschine ist es ja nichts anderes, es fühlt sich nur nicht so einengend an. Du gibst nicht direkt dein Geschlecht, dein Alter, deine Interessen an, aber anhand der Suchbegriffe erkennt Google diese Daten ja trotzdem.

DE:BUG: Niemand weiß was mit den Daten passiert. Vielleicht arbeitet Facebook ja irgendwann mit Regierungen zusammen, wie Google das in Ansätzen in China macht, Stichwort Zensur.

Beth Coleman: Ja das ist gefährlich, als ich hier in Hamburg gelandet bin, bekam ich auf mein iPhone eine Mitteilung: “Herzlich Willkommen in Hamburg.” Also weiß meine Telefongesellschaft auch immer, wo ich mich gerade befinde. Es handelt sich dabei zwar wiederum um ein privates Unternehmen, aber wenn eine Regierung sagt: “Wir brauchen die Daten von dem und dem, er gehört einer gefährlichen Gruppe an”, dann ist das eine heikle Angelegenheit. Ich sehe da nur die Möglichkeit zu mehr Transparenz. Nutzer brauchen mehr Kontrolle über ihre eigenen Informationen. Die Entscheidung, was mit den Daten passiert, muss wieder an den User gehen. Wir experimentieren zurzeit mit diesen unterschiedlichen Formen der Datenübertragung. Diesen Kontrollverlust der Informationen gab es aber schon immer: Du gehst über die Straße und triffst jemanden. Eine andere Person sieht dich dabei und trägt diese Information weiter, es gibt Gerede, Klatsch über deine Begegnung. Du hast keine Ahnung, was mit dieser Information passiert – ein ähnlicher Kontrollverlust. Wir sprechen im Zusammenhang mit den neuen Technologien nur von anderen Dimensionen und Geschwindigkeiten.