Leif Randt liest in Berlin aus Schimmernder Dunst über Coby County

In der Redaktion fanden die meisten den neuen Roman des Jungautoren Leif Ranft echt überzeugend. Beim Bachmann Preis meinte Hildegard E. Keller: “Die Welt auf pure Oberfläche reduziert.”

Heute in der oberflächlichen Berliner BAR TAUSEND am Schiffbauerdamm 11 wird Leif Ranft aus dem Roman vorlesen. Um halb 9 geht’s los. Wer sich noch schnell Karten sichern will (€ 5) läuft in die Thalia Buchhandlung im Alexa.

Und hier die Review aus unserer aktuellen Ausgabe:

EIGENTLICH TOTAL ANGENEHM

Leif Randt schreibt einen altmodischen Poproman über ein Leben in der Zukunft, das einen sehr präzisen Ausschnitt unserer Gegenwart darstellt. Anders als in den Büchern von Bret Easton Ellis und Christian Kracht, mit denen “Schimmernder Dunst über Coby County” gerne aus den falschen Gründen verglichen wird, droht der Welt des 26-jährigen Romanhelden Wim, Agent für junge Literatur, keine Spur der Selbstzerstörung und es lässt sich auch keine kalte Wirklichkeit hinter den Hochglanzfassaden erkennen, durch die seine Autorenkollegen gewöhnlich einen Riss gehen lassen. Coby County ist nicht so weit weg von Amerika, nicht so weit weg von Europa und hier ist alles in Ordnung, Wim findet es bis zuletzt “total angenehm” und “total angemessen”. Er und seine Figurenfreunde sind hineingestellt in die größte und schönste Leere weicher, westlicher Wohlstandsgesellschaften. Über allem weht die moderne Melancholie des Blog-Phänomens Unhappy Hipsters, man hört die nostalgische, leicht esoterische Musik des Chillwave, trinkt sehr guten Kaffee aus Tassen mit Tiergesichtern und fährt freihändig auf Fahrrädern durch die Lieblingsstadt. Coby County ist wie ein sonniger Nachmittag in New Yorks Greenpoint oder in einem etwas cooleren Prenzlauer Berg. “Freiberufler aus den westlichen Metropolen” kommen im Sommer aus aller Welt her. Es ist der hippste Ort des Universums. Warum sollte man hier traurig sein: “Im Grunde könnte man in Coby County ja auch bis fünfundvierzig oder sogar bis neunundvierzig noch so weiterleben wie mit neunzehn oder mit sechsundzwanzig.” Es ist so logisch, dass Jungsmänner ihre Patchwork-Väter im Supermarkt zur Verabschiedung laut abklatschen. Und harmlose Konsumentscheidungen den größten Teil des Alltags dominieren und man sich deshalb auch mit dem gebührenden Ernst darüber unterhält. Die Story ist nicht so wichtig in diesem Buch, und das ist nur eines seiner großen Gewinne.
Aktuell gibt es vielleicht kein Popkulturerzeugnis, dass das Retro-Phänomen, von dem uns der Autor Simon Reynolds berichtet, so schön in Literatur umsetzt wie Leif Randt: Wir werden aus dem Retro nicht entkommen, ein bisschen auch deshalb, weil es uns hier so gut gefällt. In Coby County kann niemand mehr unschuldig sprechen, weil alles schon gesagt worden ist. Selbst der Ausweg aus der Ironie ist natürlich noch ironisch gemeint. Deshalb sagt man, immer noch genauso wie damals im Tristesse-Royal-Hotel Adlon, oft “eigentlich” und freut sich wenn einem daraufhin sein Gegenüber wissend zulächelt. Diese Welt ist am Ende des Romans ein kleines bisschen brüchiger geworden, aber sie fühlt sich weiterhin, wie der Romanheld so oft denkt, soft an.
TIMO FELDHAUS

Leif Randt, Schimmernder Dunst über Coby County, ist im Berlin Verlag erschienen.