Mitten im Leben und immer voll rein

Was hat Sigmar Gabriel eigentlich vor? Erst belumpft er Mitstreiterinnen aus der Netzecke bis die aus der SPD austreten, dann verliert er im Öffentlich-rechtlichen die Geduld, dann haut er den Jusos Erika Steinbach vor den Kopf und nun?

Auf den SchriftstellerInnen-Appell gegen Überwachung aufspringen und sich darüber empören, dass die Leute darauf hin laut “VORRATSDATENSPEICHERUNG” rufen. Und schon kocht der nächste Shitstorm. Wenn wir einen Shitstorm-Minister bräuchten, dann wäre Sigmar Gabriel eigentlich die perfekte Wahl. Auch wenn er immer knapp unter der Meme-Schwelle liegt. Vielleicht ist es ja das? Er ist noch neidisch auf Steinbrück, weil der im Wahlkampf mit Stinkefinger-Meme abräumen konnte und will jetzt auf Biegen und Brechen endlich auch mal eins für sich?

Wir kennen doch alle (außer Sigmar scheint es) die Vorbehalte gegenüber der Vorratsdatenspeicherung. Was gespeichert wird, ist vor Zugriffen nicht sicher, richterlicher Vorbehalt ist in diesem Zusammenhang oft mehr ein Durchwinken (die kommen ja nicht mal mit Streaming-Abmahnungen klar) usw. usf.

Was aber, Spaß beiseite, um alles in der Welt bezweckt Gabriel eigentlich wirklich damit, sich jetzt – wo eh längst alles klar ist mit der GroKo – sich in jedes Nesselchen zu setzen, das sich irgendwo anbietet? Genießt er seine letzten Tage im Rampenlicht, bevor er auf den Vizekanzler-Posten abgeschoben wird?

Eigentlich müsste irgendwer in der SPD Parteizentrale jetzt mal nicht an die Machtergreifung denken, sondern an so etwas wie: “nach der Wahl ist vor der Wahl”. Während sich die APO-Grünen ständig publikumswirksam mit Snowden befassen und den sogar zum Live-Chat ins europäische Parlament eingeladen haben, fällt der SPD zur Überwachung nix besseres ein als: Vorratsdatenspeicherung! Oder wo sind die Punkte die mit der NSA und Konsortien im Koalitionsvertrag gründlich aufräumen, die mit hochgekrempelten Ärmeln auch mal in der eigenen BND-Bude nachschauen wollen, wo ist die “brutalstmögliche Aufklärung” die die SPD mitunzeichnet hätte. Snowden ist nun wirklich kein Thema, das die Welt mit einer neuen Regierung einfach so vergisst. Das sollte selbst ein Gabriel irgendwie blicken.

Oder geht es taktisch superduperclever doch tatsächlich darum, vorschnell die SPD abzuwickeln, denn wenn die schon für eine Große Koalition keiner gewählt hat (wollen wir nicht, machen wir nicht, finden wir ganz scheiße), dann wird sie danach sowieso niemand mehr wählen wollen, außer zwanghaft, also lieber selber kaputt machen, bevor das ein langsames Ausbluten selbst der letzten Gewerkschaftlerhoffnungen auf Sparflamme wird. So im Sinne von: dann kann man in vier Jahren vielleicht von ganz unten wieder aufsteigen? Hat ja dieses Mal auch so gut geklappt das Konzept. Oder will er einfach nur zeigen, dass er, wie hiess der passende CDU-Slogan dazu noch mal, “Mitten im Leben” steht. Jetzt sowieso. Trotzerchern.

Foto von Aktionsbündnis Freiheit statt Angst.

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