Das schwarze Loch der Musikindustrie oder die Katastrophe der Rettung

Es gibt einen neuen Report von Generator Research. Normalerweise verschonen wir euch hier mit solchen “Reports” von “Analysten”, weil sie schlichtweg Eingeweideleserei sind. Am Ende stehen ja immer Zahlen in der Zukunft wie in Stein gemeißelt.

Dennoch. Der hier hat es in sich (auch wenn wir nicht bereit waren 395 Pfund dafür auszugeben, ist ja schliesslich euer Geld). Die Kurzform. Streaming wird die Musikindustrie die nächsten Jahre retten und dabei selber zu Grunde gehen.

Die banale Tatsache dahinter: keiner der Streamingservices kann durch seinen Service allein (das Streamen von Musik) profitabel arbeiten. Die einzige Hoffnung für sie wäre verkaufen, an die Großen, die das irgendwie querfinanzieren, Google, Apple, etc. Warum? Die Royalties sind (jeder Musiker, der schon mal einen Scheck von einem Streaming-Service bekommen hat, wir sich vor Lachen kaum halten können) zu hoch. 60-70% der Einnahmen. Und alle fordern eher mehr.

Die Crux der Geschichte: die gesamte Musikindustrie wird sich in den kommenden Jahren komplett vom Wachstum in Streaming abhängig machen. 2,9 Milliarden Dollar schätzt der Report für 2017, 1,7 Milliarden Subscriber, 125 Millionen zahlende Abonnenten. Da Streaming nicht mehr neu ist, kann man davon ausgehen, dass diese Zahlen zumindest nicht ganz so wackelig sind, wie man vor einer Weile noch hätte denken können. Das soll der gesamten Musikindustrie einen Aufschwung von 3,2% geben. Während die Verkäufe ansonsten im freien Fall sind.

Das nächste Problem: 1 Milliarde sind bislang in solche Services investiert worden, bis 2017 wird sich das sicher vervielfachen. Wie die wieder an die Investoren fließen sollen, weiß kein Mensch, d.h. irgendwann werden die Geldflüsse der Angel versiegen und der Druck auf Konsolidierung des Marktes so groß, dass völlig unsicher ist, wer sich das überhaupt noch leisten kann.

Wir bewegen uns also auf ein schwarzes Loch der Musikindustrie zu, dessen einfachste Lösung sicher wäre: Die Musikindustrie, bislang neben den Usern einziger Profiteur der Szene, kauft sich den Kram einfach ein. Dafür aber fehlt ihr schlichtweg das Geld. Laut Computerworld sagt der Chefanalyst der Firma sogar:

“We cannot see any conceivable market scenario where the music industry would buy any of these players”.

Die Auswege? Bundles mit Handyverträgen und Userdaten verkaufen was das Zeug hält. Aber selbst das dürfte kaum reichen. Und dann? Die großen vier, oder drei (Google, Apple, vielleicht Facebook, für Amazon könnte das schon fast zu teuer werden) übernehmen. Nicht nur sieht Vielfalt anders aus (eigentlich ist sie gar nicht mehr vergleichbar) sondern die aus einer solchen Konsolidierung entstehende Marktmacht eben auch gegenüber der Musikindustrie ist im Gegensatz zum Jetzt-Zustand eine pure Katastrophe.

Warum betrifft uns das überhaupt? Wir sind doch die guten, der Underground, die kleinen Fische mit den besseren Ideen! Weil alles jenseits eines völligen Kollaps der Musikindustrie nur dazu führen wird, dass sich die vielgerühmte Schere zwischen Millionsellern und Nixnagern nur noch weiter öffnet und die Zwangsverkäufe nichtsnutziger Musik selbst das letzte Hindernis von Zwischenmedien in eure Hosentaschen komplett überwunden haben.

Warum wir euch von solchen “Analysten”-Szenarios so gerne fernhalten? Es könnte alles auch ganz anders kommen. Wie ist aber keinem klar.

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Schreibmaschine. Tippse. Reviewweltmeister und so Dinge.

3 Responses

  1. chris

    das geht ja auch Hand in Hand mit jener offenen Frage nach einer Vergütung der Künstler.
    Dazu höre ich mir immer gerne Simon and Garfunkels “the Sound of Silence” an, vor allem die Textpassage über Lieder deren Texte man gar nicht singen kann.

    Und da wären wir auch schon bei der Innovation welche uns derzeit zu fehlen schein. Aber was ist Innovation? Eine Verbesserung eines ….. hm …… was ist es denn eigentlich??

    Na gut, ich hab wohl auch nichts dazu zu sagen. aber möchte dennoch enden mit der Frage, was wären wir heute ohne eine Waschmaschine?

  2. Das Geld auf der Straße « geigen zählen

    […] Warum betrifft uns das überhaupt? Wir sind doch die guten, der Underground, die kleinen Fische mit den besseren Ideen! Weil alles jenseits eines völligen Kollaps der Musikindustrie nur dazu führen wird, dass sich die vielgerühmte Schere zwischen Millionsellern und Nixnagern nur noch weiter öffnet und die Zwangsverkäufe nichtsnutziger Musik selbst das letzte Hindernis von Zwischenmedien in eure Hosentaschen komplett überwunden haben.[…alles lesen] […]