Len Lye's Videoexperimente animieren die formalen Bedingungen unter denen wir leben - in den 60ern

In London ist das ja gerne so: Man landet in einer ratlosen Straße am Ende einer Gegend, klingelt an einer unscheinbaren Tür, es summt uninspiriert, man will schon wieder gehen, hier kann ja nun echt eigentlich nichts sein, und dann – Sesam öffne dich – findet man sich vor oder in einem Kleinod. Letztes Wochenende genauso gewesen, beim Besuch von ‘Between Bridges’.

Wolfgang Tillmans hat hier seinen Ausstellungsraum, gerade zeigt er Videos, und wer immer in den nächsten Wochen nach London kommt, weil Ostern ist oder Kate Middleton Prinz William heiratet oder das EasyJetSet ja auch mal in die andere Richtung funktionieren könnte, der sollte das nicht verpassen. Es lohnt sich. Sehr.

Eigentlich ist es ganz einfach, und deshalb so schön: Es ist alt, aus den 60ern, sieht aber unglaublich zeitgenössisch aus. So als hätte jemand mit digitalen Mitteln analog aussehen wollen. War aber nicht so, Len Lye hat ‘Free Radicals’ 1958 mühsam in Film gekratzt, genau wie das noch schönere ‘Particles in Space’, und das gibt einen voluminösen, leuchtenden, körperhaften Effekt an Strichen, Formen, Reflektionen.

Beides ist in Between Bridges zu sehen: Zu getrommelten Beats versammeln sich filigrane Striche über den schwarzen Bildschirm, richten sich auf und beginnen zu tanzen, thematisieren das Medium, wippen im Takt und sind vergnügt. Der Kurzfilmtitel erscheint in Krakelschrift vor den eigenen Augen, Free Radicals. Vertikale Striche versammeln sich zum Gesang, Muster kippen zu DNS Strängen und strecken die Hand nach einem aus, Sterne wippen im Takt.

Die minimalen Formen haben etwas wunderbar verspieltes, tiefes, und irgendwie modern Binäres. Mitten in der Geschichte findet man diesen wunderbar abstrakten Kommentar zu den formalen Bedingungen unter denen wir leben. Die Geschichte tut Walter Benjamin also einen Gefallen, sprengt das 1958 gekratzte ‘Free Radicals’ aus dem Kontinuum als will sie aufgeregt zeigen, dass Benjamin’s Begriff der Jetztzeit absolut sinnvoll ist. YouTube hält viel davon lebendig, was gut ist, auch weil es Freie Radikale natürlich braucht, heute, hier, jetzt.

1941 hat der Neuseeländische Künstler Len Lye mitten im Weltkrieg sein politisches Konzept von ‘Individuelles Glück jetzt!’ entwickelt, und ein wenig davon transportiert auch die Reise durch das Strichuniversum seiner Filme. Das bleibt auch bei einem, wenn man Between Bridges verlässt, sich die Tür wieder hinter einem schließt, der rote Doppeldeckerbus an einem vorbei braust, und man sich wieder ausgespuckt auf die laute Londoner Straße im tiefen Osten der Stadt findet.

http://www.betweenbridges.net

Len Lye, ‘Free Radicals’

bis zum 21.4.11

Mittwoch bis Sonntag 12 – 6pm

Between Bridges
223 Cambridge Heath Road
(corner of Three Colts Lane)
London E2 0EL