Der Spion, der aus der Kälte kam

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Das Rezessionsjahr 2009 beginnt gut für Dirk Schönberger. Seit Ende letzten Jahres gehört Joop! zur Holy Fashion Group, die auch Strellson und Windsor wirtschaftlich auf Kurs gebracht hat und die für so besonnenen wie erfolgreichen Umgang mit den Eigenheiten ihrer Marken geachtet wird. Und die Damen- und Herrenkollektion, die Schönberger aus einem Tunnel im Hamburger Bahnhof aussandte, rechtfertigt völlig das Vertrauen der Investoren. Schönberger hat in seiner vierten Saison für Joop! festen Tritt gefunden. Die Markenidentität von Joop!, die ganz auf männliche Souveränität baut, und ihre Dandy-hafte Hintertreibung durch den Chefdesigner Schönberger sabotieren sich nicht gegenseitig, sondern schaffen einen neuen Typus von flamboyanter Mensch-Maschine.

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Wie der Spion, der aus der Kälte kam, traten die Pariser Models aus dem Tunnel. In schnittig hoch geschlossener Strenge paradierten sie über den Laufsteg. Bei den Zweiknopfsakkos waren sogar beide Knöpfe militärisch geschlossen. Das Autoritäre der Premium-Agenten wurde aber immer durch die reduktionistischen Eitelkeiten von Schönberger aufs Spiel gesetzt. Knopfleisten werden ausgetauscht gegen Lackstreifen, Hemdkragen erhalten jungshafte College-Rundungen, Kunstfasern fordern die Unangreifbarkeit der grauen Wolle heraus.
Nur die Teile, die zu weit aus dieser eisig smarten Agenten-Armee herausfielen, hatten einen schweren Stand. Die goldenen Bundfalten-Pumphosen wirkten wie das Narrenkostüm am Hofe der grauen Eminenzen.

Nicht nur der Agenten-Tunnel, auch die Show-Pieces spitzten das Thema „Der Spion, der aus der Kälte kam“, unentrinnbar zu. Lederhandschuhe wurden ergänzt durch hautenge Lederrollkragen, die die Models noch weiter entmenschlichten. Dirk Schönberger wiegelte die Frage, ob die Rollkragen aus Latex seien, in Erinnerung an die letztjährige Jeans-Kollektion ab: „Latex? Nein, Leder. Dieses Mal KEIN Latex …“ Und er relativierte die Mensch-Maschinen-Strenge durch einen Abschlussscherz, der in seiner Subtilität ein echter Schönberger war: Nach einem Frauen-Cape in A-Linie zeigte er das Sakko für Männer in A-Linie. Fischmob rappten vor zehn Jahren: “Männer können seine Gefühle nicht zeigen” – mit dem A-Linien-Agenten-Sakko von Joop! schon.

(Einen Videomitschnitt der Show hat Juli Reinecke für Hobnox gefilmt.)

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