Kontinuität und eigener Stil stehen im Mittelpunkt der Arbeiten des Modedesigners Vladimir Karaleev. Mit einem engen Verbundenheitsgefühl zur Kunst-Szene hat er sich dieses Jahr auch bewusst gegen den Trubel der Berliner Fashion Week entschieden und seine neue Kollektion lieber in einer Galerie präsentiert.

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Von Mary Scherpe (Text & Foto) und Alina Bader (Foto)

Vladimir Karaleev hat sich im letzten Jahr für eine Woche in der jungen Berliner Galerie Program einschließen lassen, um die Skulptur “Fabric/K” zu schneidern – eine Endlosjacke, die sich auf langem Weg über gefaltete Stoffbahnen durch die Galerie wand.

Vor zwei Jahren schuf er mit “Cut 210” eine Kollektion aus 210 schwarzen Shirts, die er zu zwanzig neuen Outfits verarbeitete – das erste bestand dabei aus einem, das zweite aus zwei Shirts, und so weiter. Karaleev kam mit 19 Jahren aus Bulgarien nach Berlin um Modedesign zu studieren. Erst im nächsten Jahr folgt das Diplom, doch durch seine Verschneidung von Kunst und Mode gehört er bereits zu den Lieblingen unter den Berliner Nachwuchsdesignern.

Der 28-jährige verfolgt in den Kreation seiner Damen- und Herrenmode einen konzeptionellen Ansatz, der deutlich auf den Dekonstruktivismus der 80er und 90er verweist. Statt sich dem Diktat des halbjährigen Originalitätszwangs auszuliefern, setzt er seine Arbeit in fortgesetzten Serien über saisonale Kollektionsgrenzen hinaus.

Die Nähte der himmel-, see- und tiefblauen Seidenentwürfe seiner aktuellen Sommerkollektion bleiben dabei auch dieses Mal offen und die Enden ungesäumt. Und während sich gerade junge Designer zur Berliner Fashion Week gerne in den Schutz der Mega-Model-Agentur IMG und deren aufgestelltes Zelt begaben und ihre Mode in Stadion-Atmosphäre zu gratis Energy Drinks und Currywurst zeigten, präsentierte Karaleev seine Kleider wiederum in den hellen Räume einer Kunstgalerie.

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Bild: Vladimir Karaleev fotografiert von Mary Scherpe

Debug: Du hast dich zur Präsentation deiner Kollektion gegen eine Show im offiziellen Zelt mit der Unterstützung von IMG entschieden, warum?

Karaleev: Ich habe mich nicht gegen das Angebot von IMG, sondern für etwas anderes entschieden. Ich hätte bei einer Show im offiziellen Programm einige Vorteile gehabt, zum Beispiel mehr Presse, aber ich habe einfach ein Problem mit diesem Zelt. Als die Berlin Fashion Week das erste Mal von IMG veranstaltet wurde, fand ich, das sei wie im Paris der 80er Jahre, als sie dort diese Zelte aufgebaut haben und alle begeistert waren.

Für mich ist das aber nicht das richtige Format, denn mir ist die Inszenierung, der Ort, die Musik und die Spannung, kurz bevor es losgeht, sehr wichtig. Aber vielleicht muss ich in der nächsten Saison einen Kompromiss machen, denn natürlich hätte ich auch gerne Suzy Menkes, die Moderedakteurin des “International Herald Tribune“, da gehabt.

Debug: Gibt es Modenschauen die dich besonders beeindruckt haben?

Karaleev: Einmal zeigten Viktor&Rolf in einem alten Theater in Paris, dazu spielte Tori Amos live am Piano. Das fand ich fantastisch, obwohl deren Kleider überhaupt nicht mein Stil sind. Damals in Bulgarien, vor 15 Jahren, war mein Vorbild Jean Paul Gaultier, weil er Björk als Model nahm. Ich verstand zum ersten Mal, dass Mode auch etwas anderes sein kann, als praktische Bekleidung.

Debug: Bei deinem reduzierten Stil denkt man nicht als erstes an Gaultier, wobei der sicher einen krassen Gegensatz zur praktischen, sozialistischen Schlichtheit bot. Eher denkt man an Martin Margiela, der ja in den 80ern Assistent von Jean-Paul Gaultier war.

Karaleev: Die Belgier entdeckte ich später, das war wie eine Offenbarung. Ich vergötterte Martin Margiela – die Verfahren der Dekonstruktion, die Comme des Garçons und Yohji Yamamoto auf die Mode übertrugen, gaben mir Energie und Selbstbewusstsein. Als ich das erste Kleid von Comme des Garçons sah, konnte ich vor Begeisterung nicht schlafen – es hatte riesige, gepolsterte Hüften und Schultern, Es sah aus wie eine Krankheit, ein totaler Anti-Körper. Ich fand das Konzept, Mode und Kunst zusammen zu bringen, sehr spannend. Es hat mir gezeigt, was möglich ist.

Debug: Kaum ein etablierter Designer beruft sich heute mehr darauf, “konzeptuelle Mode“ zu machen.

Karaleev: Für mich bedeutet Modedesign eben nicht nur, schöne Kleider zu machen. Ich brauche das Konzept und den Kontext als Ausgangspunkt. Ich finde es interessant zu sehen, wie andere Designer arbeiten. Da muss auch keine krasse Philosophie dahinter stehen, aber ich will einen roten Faden sehen, was sich woraus entwickelt, z.B. wie die Form sich auf die Farbe bezieht.

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Eine nackte Naht fotografiert von Mary Scherpe

Debug: Wie passiert das bei dir, wie entsteht dein Konzept?

Karaleev: Zu Beginn habe ich mir Regeln auferlegt, weil ich dachte, es gibt tausende Möglichkeiten ein Kleid machen kann, das muss ich reduzieren. Eine Regel war zum Beispiel, ein Kleid aus einem Stück Stoff zu machen, ohne etwas abzuschneiden. Oder ein Kleid in genau 35 Minuten zu machen. Dieser Arbeitsprozess ist für mich wichtig und es reizt mich, mich diesen Dogmen zu ergeben.

Ich versuche seit circa zwei Jahren keine bekannten Schnitte und Formen, wie Taschen, Krägen oder Ärmel zu verwenden, um freier arbeiten zu können und unter dieser Regel sind neue Formen entstanden, die jetzt in meiner Sommerkollektion 2010, “Untitled Structures”, wieder auftauchen.

Debug: Mittlerweile sind diese Regeln also in den Hintergrund getreten?

Karaleev: Die Regeln sind ja nur für mich wichtig, im Endprodukt spiegeln sie sich nicht unmittelbar wider. Ich will meine Entwürfe nicht mit Kontext überladen, das interessiert ja auch keinen, sondern eine gute Balance zwischen dem Konzept und dem Endprodukt finden.

Debug: Deine Kleider entstehen durch die freie Arbeit an der Kleiderpuppe, durch das neue Zusammensetzen alter Formen, und das Unfertige – die offenen Nähte sind bei dir allgegenwärtig. Ist das immer noch ein Feld, das sich zu bearbeiten lohnt? Schließlich haben die Dekonstruktivisten zwischen 1980 und ’90 bereits sehr viele, vielleicht sogar alle Nähte offen gelassen. Geht es dir also auch darum, diese Mittel als normale Gestaltungsmittel zu legitimieren, ohne das dahinter ein originäres Konzept vermutet werden muss?

Karaleev: Für mich ist diese Arbeitsweise keine neue, das ist auch kein Kriterium für mich – meine Arbeit ist keine Revolution, sondern eine Evolution. Offene Nähte sind für mich ein gestalterisches Mittel. Säume geben dem Kleid durch die Abgeschlossenheit oft eine bestimmte Schwere, aber natürlich hab ich auch gesäumte Sachen.

Es geht mir ja auch um den Kontrast, nur weil eine Naht draußen offen ist, heißt das nicht, dass es innen auch unfertig ist. Die Verarbeitung soll ja darunter nicht leiden. Kürzlich las ich in einem Artikel, meine Kollektion sei skizzenhaft und das empfand ich als großes Kompliment. Die Spontaneität, die offene Säume ausstrahlen, ist mir einfach wichtig.

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