Diese Woche wurde die Berliner Mode-Utopie "Umsonstladen" geräumt. Heute ist Magazinlaunch. Alles auf der Brunnenstraße

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Anfang dieser Woche ist eine wesentliche Instanz des Berliner Modelebens weggemacht worden. Trat man in den Umsonstladen, stand dort lange auf einem Schild zu lesen: “Achtung! Sie verlassen den kapitalistischen Sektor.” Der Laden war in Mitte auf der Brunnenstraße, günstig neben dem Comme des Garcons-Flagship-Store gelegen. Nach dem Schnuppern an irren Flakkons und Entwürfen von Rei Kawakubo fand man im Umsonstladen eine Welt vor, in der man materielle Güter und Modeprodukte ohne Geld abgeben und auch mitnehmen konnte. Alles war dort umsonst.

Der Umsonstladen gehörte zur Brunnen183, zu den bedrohten Hausprojekten in Berlin. Er gehört nun der Vergangenheit an. Mit einem Großaufgebot von 600 Einsatzkräften räumte die Polizei, SEK und Helikopter in dieser Woche das soziale Wohn- und Kunstprojekt. Der Umsonstladen ist nun geleert und verrammelt, die Fenster aller oberen Stockwerke wurden herausgerissen, die Möbel der Besetzer auf den Bürgersteig geschmissen, das Haus unbewohnbar gemacht. Nur noch der Novemberwind zieht nun durch die Zimmer. Nach acht erfolgreichen Jahren des Umsonstladens ist eine Berliner Utopie von der Blickfläche verschwunden.

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“W3”, sagte ich also zu W3, “es ist Zeit das gute Essen beiseite zu lassen, es ist Zeit für das gute Leben zu kämpfen, bzw. auf die Straße zu gehen.” W3 ließ die Gabel fallen, wir stürzten aus unser geräumigen Altbauwohnung hinaus auf die kalte Straße, wo auf dem Kinderspielplatz unseres Vertrauens sich bereits der Mob versammelte. Wir schlossen uns an. Man rief Parolen, die Gesichter waren rot, man war in Fahrt. “Wir bleiben hier” “Wir gehen hier nicht weg”. Ich frug W3, warum wir solange solchen Kundgebungen weggeblieben waren und wir fanden keine Antwort. Doch war dies nicht einfach eine von vielen Demos, das Hausprojekt war ein Symbol dafür, dass in Mitte noch etwas anderes als die Verwirklichung von Loft-Träumen möglich ist. Lofts finden wir wir zwar toll, aber “etwas anders” auch. Wir hatten in dem Moment das Gefühl, für das richtige auf der Straße zu sein und wussten nicht mehr, wer unsere Freunde waren bzw. wo sie waren.

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Der Tipp für den heutigen Abend: Im Berliner Salon Kim wird am Abend die fantastische Printausgabe des Streetfashionbloggs Stil in Berlin gefeiert. Die Initiatorin des Blogs und De:Bug-Mitarbeiterin Mary Scherpe, die auch die Modestrecke in der aktuellen De:Bug fotografiert hat, ist dort gemeinsam mit dem Graphiker Markus Nowak eure Gastgeberin. Ab 19 Uhr geht es los. Das Kim findet ihr auf der Brunnenstraße, genau gegenüber von dem alten Umsonstladen, dem Geisterhaus.

10 Responses

  1. Panique

    auch wenn ich aus der tiefsten linkskultur komme und so ziemlich alles was da ding mitgemacht hab: ich frage mich mittlerweile wie all dieser irrsinn überhaupt so lange überleben konnte! allein das prinzip “umsonstladen” is alles andere als clever, ein sinnvolles tauschangebot gab es ja nie! in anderen ländern gibt es tauschläden wie blöde, allerdings auch intelligent von den städten finanziert und mit ner minigebühr hintendran. die leute aus der brunnen183 waren nunmal keine intelligenten weltverbesserer [denn dann hätten sie soooooo viel mehr erreichen können, 200m weiter gibts etliche leerstehende läden die der senat locker für 1€ vermietet hätte] sondern arg verpeilte überökos, die alles was auch nur ansatzweise mit geld zu tun hat hassen, aber dann immer schön im bioladen einkaufen gehen, nutella für 6,79€. im ernst, brunnen183 wird immer so als letzte hochburg der antikapitalistischen kultur gehypt. alles bullshit, die leute haben miete gezahlt, vollkommen normale wg-zimmer-preise 200€ aufwärts, genau wie auch york59 etc. ! alle hatten mietverträge & einkommen. mit hausordnung, plenum und dem ganzen -spiesserkram- hintendran. ich bin verwirrt.

  2. korrektur

    panique lügt was die situation der (ex-)bewohner angeht und hat keinen plan vom unterschied zwischen tausch und umsonst.

  3. alxndR

    dieser artikel ist obszön. eine nostalgische betrachtung “linker” tauschkonzepte und kultur mit freundlicher werbung eines befreundeten mode-blogs zusammenzukleistern, dazu gehoert eine gehoerige portion abgebruehtheit.