Ein Abend in der Fashion-Kneipe Zyankali mit Mumien und Chanel-Filmen

Nachdem der Kunstkritiker und Kulturtheoretiker Kito Nedo in der großartigen Taz eine Ankündigung für einen Chanel/Lagerfeld-Filmabend gelesen hatte, machen wir uns kurzerhand auf den langen Weg nach Kreuzberg 61. Von der Zyankali-Bar, dem Institut für Unterhaltungschemie hatten wir nie zuvor gehört. Um in den Ort des Geschehens hineinzugelangen, muss man an einer phantasievoll bemalten Außenfassade einige Stufen hinabsteigen. In der Bar selbst herrscht ein Ambiente kultig-abgerockten Heroinchics, wie er vor etwa 20 Jahren en vogue war. Wie eingefroren sitzen hier Bikertypen, die dieselbe Frisur wie Karl Lagerfeld tragen und lassen einen Joint um den Tresen kreisen. Im loungigen Nebenraum steht ein Tisch, der einem Sarg nachempfunden ist. Man stellt sein Getränk auf eine Glasplatte unter der eine braune Mumie liegt. An der Wand ist eine Ahnengalerie aus schwarzweiß-Bildern in goldenen Rahmen zu bewundern. Neben William Burroughs, Klaus Kinski und Albert Hofmann hängt ein gewisser Blaschke. Es blubbern Reagenzgläser und an der Bar ist per steriler Atemmaske 95%iges, medizinisch reines O2 einzunehmen. In der Ecke schaut einen ein Microsoft-Computer an, es ist die Wikipedia-Seite zu den 10 Geboten aufgerufen. Die grundsätzliche Anwesenheit von Karl Lagerfeld ist unbestreitbar.

Karl-Lagerfeld

Kito Nedo mit Lamy Originals, vor unserem Ausflug:

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Für die stets gratis angelegte, sonntägliche Filmvorführreihe im Zyankino hatte der zwirbelbarttragende Chef des Hauses, der ebenfalls eine Lagerfeld-Frisur trägt, für diesen Abend die Reihe “Fashion-Victims” vorgeschlagen. Thematisch gut gelagert zwischen den Rubriken „Ghettoleben“ und „Blutiger Spaß“. Gezeigt werden die Filme „Chanel Chanel“, eine amerikanische Produktion aus den 80ern und Rodolphe Marconis Dokumentarfilm „Lagerfeld Confidential“ von 2007. Sieben Menschen zog das Programm so magisch an wie uns. Doch waren sie offensichtlich schon öfter mal hier gewesen. Wir nehmen in einem leicht moosigen Raum auf drehbaren Schreibtischstühlen und Resten aus alten Kinosesseln Platz, der Film beginnt.

Über den letztjährigen Coco Chanel-Spielfilm mit Amélie Poulain hinaus gewinnt der dokumentarische Image-Film „Chanel Chanel“ seine Sprengkraft durch die nochmalige Herausstellung des Facts, dass die größte Modeschöpferin aller Zeiten ihre größten Coups immer in der Bezugnahme bzw. Neuschöpfung von Freizeitkleidung, schlichter, eleganter, bequemer Sport- und Urlaubskleidung machte. Im Sommer 1914 im Seebad Deauville genau wie 1921, als sie Anzüge aus Baumwolljersey machen ließ, ein Stoff, der sonst für Männerunterhosen bestimmt war. „Das ist ja wie in den 80ern mit den Bundeswehr-T-Shirts“, bemerkt ein Rocker aus dem Publikum. Durch den Film führt Lagerfeld mit seinem eigenen, selbst collagierten „Konzept-Buch“, das er nach eigener Aussage schon vor seiner Zeit bei Chanel gebastelt hatte. Chanel habe man am Saum zu erkennen, sagt er, sonst wird das eh nichts. So schleudern sich er und die, in Interviewsequenzen aufblitzende Chanel stetig amüsante Bonmots entgegen. Das letzte bleibt hier Coco Chanel vorbehalten: „Ich bewege mich nicht in der Gesellschaft, weil ich Kleidung entwerfe. Ich entwerfe Kleidung weil ich mich in der Gesellschaft bewege.“

Gabrielle Coco Chanel

In der Filmpause hat man die Möglichkeit einige der Stammgäste besser kennenzulernen. „Zum Rauchen (alles außer Dope) geht man nach draußen oder aufs Klo“ erklärt ein netter Nerd und bietet mir eine „polnische Zigarette“ an. Er passt genauso wenig hierher wie seine asiatische Begleiterin, die uns durch einen Strobo-beleuchteten Gang aufs Herrenklo folgt und ihre Louis Vuitton-Bag auf den dortigen Tresen knallt. Das kleine Herrenklo, das auch über eine Dusche verfügt, funktioniert gleichzeitig als Raucherraum, wo sich auf Barhockern neben den Pissoirs nett plauschen lässt. Aber nur kurz, denn der Wirt hat den zweiten Film bereits eingelegt:

Lagerfeld Confidential lief vor drei Jahren als Serie im Programm bei Arte. Der Film ist doch überraschend nah an der Person gefilmt, in der Lagerfeld natürlich immer King Karl bleibt und somit die Gangart eines Celebrity-Features eher erfüllt als modische Finessen zu klären. Die beiden Filme zusammengelegt machen den Dreischritt Chanels allerdings gut klar:
1916 debütierte sie als Wegbereiterin einer funktionellen Damenmode mit wadenlangem Rock, lose gegürtetem Oberteil und Kurzhaarschnitt. In den 1920er-Jahren kreierte sie das „Kleine Schwarze“ und brachte das Parfum „Chanel Nº 5“ auf den Markt. Ab Mitte der 1950er Jahre wurde ihr Chanelkostüm mit losem, meist bordiertem Jäckchen und ausgestelltem Rock weltbekannt. Dazwischen revolutionierte sie den Modeschmuck, indem sie billigen Fake-Schmuck als dessen Blaupause einführte. Lagerfeld macht dabei nochmals deutlich, dass gerade letzteres Kostüm, neben der Blue Jeans, wie er sagt, überhaupt das berühmteste Kleidungsstück der Welt, erst in ihre Spätphase gehört.

Coco Chanel, Lagerfeld nennt sie „die zeitloseste Person der Welt“, verbringt die Zeit des 2. Weltkrieges mit einem Nazi-Offizier im Hotel Ritz. In dem Film kommt allerdings nicht vor, dass sie gemeinsam mit ihrem Lover Hans Günther von Dincklage, dem Sonderbeauftragter des Reichspropagandaministeriums in Frankreich, die Operation Modellhut einfädelte, bei der sie Churchill zu Gesprächen mit den Deutschen über ein Kriegsende überreden sollte.
Auch nur am Rande wird angedeutet, dass Chanel nach ihrem Comeback 1954 bereits genau das machte, was Karl Lagerfeld dann in ihrem Namen weiterführte: Sie arbeitete mit Chanel, indem sie auf ihr bereits vorhandenes Werk Bezug nahm und bereits zu Klassikern Gewordenes umarbeitete, neu zusammensetzte und rekombinierte. Was außerdem hängenblieb: Über der Toilette im Chanel Headquarter ist der Spruch angebracht: „Pissing everywhere is not very Chanel“.

Auf Nachfrage meint der Wirt, er hätte das wunderbare Filmprogramm zur bald stattfindenden Fashion Week konzipiert. Dabei fällt das Wort Fashion Week wie ein Stein in diesen Ort, die Luft verschluckt ihn, nur noch ein fahles Echo hallt ihm nach, dass sich mit dem nasalen Schnöselton Lagerfelds zu einem ziselierten Flimmern staut und ein einzelnes graues langes Haar aus dem Zopf des Kuttenträgers neben mir spaltet. Er schaut durch mich durch und dann wieder auf ein blubberndes Reagenzglas. Wir verabschieden uns.

Und für die Game-Freaks: Immer Donnerstags gibt es in der Zyankali-Bar die Playstation -Eye-Toy Party – Jetzt auch mit Guitar Hero 3 – Ganzkörper Gaming. Man kann es sich wirklich nicht vorstellen, man muss es erleben.

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