Die Überwindung des Prepp und die Suche nach dem aktuellen Megastyle

H glaubt, es ist noch lange nicht so weit, das ganze Ding aufzugeben. M meint, ich solle doch mal froh sein, genau so sollen doch alle Jungs bitteschön immer schon ausgesehen haben. Und D weiß, „Ich bin wieder voll auf WASP.“ Das sei noch nicht ausgereizt, sagt H, nimmt einen Schluck Alster und möchte mir sein babyblaues, kurzärmeligen Ralph Lauren Hemd mit den rosa Nähten zeigen, dass er unter dem grauen Hoodie trägt. No, entgegne ich, will ich nicht sehen.

Möchte man einen Stil für Männer der letzten zwei Jahre zusammenfassen, dann kommt man zum einen auf die tendenzielle Streetwear-Stagnation, dessen Segment keine neuen Ideen liefert, zum anderen, da eben anschließend, auf die langsame Preppyisierung der Männerkleidung. Diese entwickelt sich aus zwei Richtungen. Einmal schaut der plötzlich traditionsbewusste Twen (und auch Bivi) nach England, wo vor 200 Jahren der Dandy geboren wurde, dem alles Laute und Grelle zuwider war. Diese Attitüde verbindet der junge Mann mit dem Unityp der Ostküste, repräsentiert etwa von Tommy Hilfiger und Ralph Lauren Polo. Anständige Haare, graue, weiße, blaue, gerne bunte Chinos, gestreifte Hemden, Sakkos, bitte, gerne aufgekrempelt, Polos, kurze Hosen mit Bundfalten, Cardigans mit Tennisschlägern drauf, Strickjacken, Bootsschuhe. Gerne, bitte, keine Jeans.
Weil das locker sitzt, weil es einfach, ja, genau, klassisch aussieht, weil es die bequemste und verlässlichste Art darstellt, die Streetwear hinter sich zu lassen, weil man ja nicht mehr 15 ist. Weil diese Art, sich zu kleiden, als wäre man auf eine Eliteschule gegangen oder im Sylter Urlaub, statt im grauen Mai, so eine verspielte, ironische Lässigkeit hat, die man sonst kaum so leicht inszenieren kann und einen gleichzeitig total hübsch gekleidet sein lässt. Weil bunte Socken irgendwie echt lustig sind, gutgehornte Brillen in Pantoform einfach immer schon gut aussahen, weil Stoff weich am besten fällt, weil es so gut zu den weißen Leinensneakern passt, weil die Ostküste schon immer die kühnsten Intellektuellen hatte, weil Vampire Weekend eben eher super aussehen als dass sie super Musik machen. Weil es offensichtlich die zwingendste Alternative zu eigentlich allem ist. Weil eben überhaupt keine Alternative mehr vorstellbar scheint.

Man ist ja des Aufzählens müde, es macht ja keinen Spaß mehr. Wenn man morgens beim Bäcker in die Gesichter der echten Wasps schaut, die, die genau diese Uniform schon seit Kindertagen tragen, und die einen nun blutsbrudermäßig anblinzeln, dann weiß man, hier ist etwas grundlegend am Falschlaufen. Aber kann man denn überhaupt noch anders? Nach zwei Jahren fröhlichstem Inszenieren und sanften Ironisieren, sieht mein Kleiderschrank nicht mehr nach zweideutigem Witz aus, sondern nach echtem Elitegymnasium.
Sicher, vielleicht liegt das alles nur am Alter, vielleicht liegt das auch an der Zeit. Vielleicht an der Alternativlosigkeit. Ich habe das Gefühl, es gibt viele schlüssige Erklärungen für die Deepness dieses Looks. Aber ich will sie nicht mehr hören. Und sicher, ihr werdet erwidern, es gibt Schlimmeres, und da habt ihr sicher auch recht. Aber mir reichts trotzdem. An dieser Front ist alles durchexerziert, es muss nun weitergehen.

Bleibt also die Frage: Wie kommt man aus diesem Zustand wieder heraus? Was kann nach Preppy kommen? Soll da überhaupt noch etwas kommen? Stilforscher und Trendsetter fragen sich das nur in Ansätzen, Modeblogger überhaupt nicht: das ist falsch. Die nun hier auf de:bug.de folgende Serie möchte sich mit diesem Blick in die Zukunft der Herrenmode auseinandersetzen, drängende Fragen beantworten, neue Ansätze verfolgen und dringend notwenige Alternativen bieten. Wir horchen ins uns hinein, hören auf das Word on the Street und fragen die mächtigsten Medienvertreter und subversivsten Stilisten nach dem, was kommen könnte – und sehen am Ende höchstwahrscheinlich das, worauf alle warten.

11 Responses

  1. u2n11

    Angestrengtes Aussehen-Müssen wird auch bei längerer Suche nicht zum „MEGAtrend“ für Männer werden. Und dass nach vielen Jahren der Casualisierung jetzt wieder ein paar gut gemachte und perfektere Teile in unsere Garderobe gehören, fühlt sich ästhetisch und körperlich logisch an. Nachdem früher einmal Klassik mit Casual modisch gebrochen wurde,
    passiert jetzt nach einer verweichten Übersättigung eben das Gegenteil: Zeichne Casual mit Klassik partiell scharf. Dass Mann/Frau sich in seinen/ihren Outifts wohlfühlt und vor allem gut bewegen kann, wird sich nicht wieder wegstylen lassen. Und: Stil war und ist immer besser als zu viel Style.

  2. mary

    mich langweilt es noch gar nich – vor allem weil der prenzlbubi sicher keinen neongrünen pullunder tragen würde. mir persönlich reicht dieser bruch – aber vielleicht orientierst du dich doch mal richtung new grave? (nein, bitte nicht.)

  3. mahret

    Bislang fühle ich mich auch noch nicht übersättigt. Zumindest nicht in Berlin. Nach langen Jahren im beschaulichsten Studentenstädtchen Deutschlands freut es mich auf den Straßen der Hauptstadt mal den ein oder anderen WASP, bzw. einen “ironischen Brecher” dessen zu sehen. Ich überlege aber gerne mal und werde Dir bei Gelegenheit ein paar Kleidungsalternativen vorstellen.

    Ach und ein paar schöne Lederschuhe, ein Pulli, den man noch an seinen Sohn vererben kann… Die guten alten Dinge, eben.

  4. De:Bug Mode » Die Prepp-Serie

    […] Jan Joswig, der die Edelfeder am liebsten in der Badewanne rührt, leistet seinen Beitrag zur Umstrukturierung der Preppness. Wenn wir auf den modischen Pfaden der amerikanischen Ostküstestudenten trampeln, sind wir […]

  5. De:Bug Mode » Die Prepp Serie

    […] stolze Alleen, was wunderschöne Boulevards waren. Keine Ahnung, jedenfalls, wo wir längst rufen: Preppy muss weg! konstatieren die New Yorker gerade mal: Preppy is […]

  6. Gary

    Was heisst “Neue Serie”, wo sind die neuen Folgen?