Der allumfassende Nachbericht

taken by Mary Scherpe
(c) Mary Scherpe

Der sich kolibrihaft bewegende Fächer jagt eine Perle Schweiß über den wohlgeformten Wangenknochen. Vom Unterkiefer tropft sie tonnenschwer auf den purpurfarbenen Hemdkragen und breitet sich dort nach dem Aufprall aus wie ein kleiner See. Ich habe das Lied Summertime der britischen Band The Sundays im Ohr, was natürlich total kitschig ist.
 
Für den Herren stellt sich dieses Jahr nicht mehr die Frage, ob man kurze Hosen, sondern wie man sie trägt. Weit und über der Hüfte oder eng anliegend und leicht unter der Hüfte sitzend. Bei der Bright merkt man davon allerdings noch nichts. Die Streetfashionmesse ist dieses Jahr von Frankfurt nach Berlin gezogen. Und wenn das Accessoire der Bread and Butter das Profitheft ist, Zitat eines PR-Menschens: „Wir werden teurer. Cotton ist teuerer, Öl ist teurer. Alle werden teuerer“, dann ist es bei der Bright das Skateboard. Zwischen credibilen Besuchern im ehemaligen Stasi Hauptquartier in Lichtenberg rieche ich zum ersten Mal in meinem Leben die DDR, in den Originalsitzen der holzverkleideten Kongresshalle sieht man sich Skateboardvideos an.

Die Berliner Mode beweist auch abseits vom Mercedes-Zelt auf dem Platz der Bücherverbrennung ein Händchen für Geschichtsbewusstsein. Später geht man etwa zur Präsentation Markus Lupfers im Privatclub Soho House. Die gesellschaftliche Elite trifft sich täglich in einem ehemaligen Sitz der NSDAP, 1946 zog die SED mit der Parteiführung in dem Gebäude an der Torstraße ein. Wir schleichen uns in den achten Stock und versuchen so souverän wie möglich am Pool zu lungern. Plötzlich steht wie aus dem Nichts ein David-Lynchhafter Zwerg neben uns, kaum hörbar zieselt er in die megatrockene Sommerluft: „Darf ich Sie hinausbegleiten?“ Es ist eine rhetorische Frage. Er bringt uns zurück zum Fahrstuhl, drückt die 2 und verabschiedet sich mit einem Diener. Wir halten in der 4 und Christiane Arp, die mächtigste Modefrau Deutschland steigt dazu. Sie dreht sich leicht und ich erkenne ein Tattoo in Form einer runden Sonne, eines Mondes oder so etwas in ihrem Nacken. Veruschka da drüben ist die glamouröseste Frau Deutschlands, versuche ich dem philippinischen Blogger Bryanboy zu erklären, aber er schaut bereits woanders hin. You’re Not the Only One I Know, denke ich etwas beleidigt, ein Lied der Sundays rezipierend und blicke über seine Sonnenbrille hinweg zu Franz Hessel. Mdm. Julia ist die die 14.-berühmteste Japanerin außerhalb Japans, erzählt er später. Sie hat blaues Haar, merke ich sofort. Wir schauen alle gemeinsam C.Neeon, die schönste Show der gesamten Woche: Zwischen Hannah Höch und Jugendsportfest in einer besseren Welt lassen die beiden Designerinnen wunderschön geschminkte Models, denen einige Haarsträhne elegant vor den Augen zusammengebundenen sind, über eine mittagssonnenbeschienene Stadtwiese im Schatten eines Nachtclubs gehen. Die kluge Mary hat ihnen zuvor samtweiches Valium in die Milchschnitte getröpfelt. Falten im Licht.



C.Neeon auf der Sommerwiese (c) Mary Scherpe

„Alles andere, als Klappergestelle, die die Klappe halten“, sagt Kostas Murkudis punktgenau bei der Präsentation seines Konzeptbuches in der Boutique seines Bruders Andreas. Und meint damit eigentlich seine wunderschöne Muse und Gefährtin, das Model Luca Gadjus, das derzeit vom Cover der aktuellen Texte zur Kunst sowie des Zitty-Modebuchs lächelt. Aber eigentlich lächelt sie nicht. Ich denke, obschon etwas kitschig, an den Hit Wild Horses der britischen Band The Sundays. In einem kleinen, weißen Zelt am Rande der größten Modemesse der Welt (der BBB) präsentiert das Label G-Star RAW als Kampagnenmodell den 20jährigen Norweger Magnus Carlsen. Er ist der beste Schachspieler der Welt und ziemlich schüchtern. Er sieht ein kleines bisschen aus wie Marky Mark. Als eine Journalistin fragt, welche Kleidung er vor G-Star RAW bevorzugte, wird die Pressekonferenz aufgelöst.



(c) Gosha Rubchinskiy

Im Ganzen waren noch nie so viele Designer osteuropäischer Herkunft an Bord wie in diesem Jahr. Das ist gut für Berlin, denn allein als Achse zwischen West und Ost könnte die modische Zukunft der Stadt liegen. Es begann mit dem Moskauer Proll-Versteher Gosha Rubchinskiy, den das Magazin 032c eingeladen hatte. Vladimir Karaleev machte den 3. Platz beim hoch dotierten “Start your Fashion Business”-Preis der Senatsverwaltung, knapp gescheitert war Sadak. Damir Doma zeigte seine Kollektion Silence auf dem Dach des E-Werk, Dawid Tomaszewski Richard-Serra-inspirierte Abendkleider, der junge George Bezhanishvili im HBC.
Und auch diese Fashion Week wird zum Anlass für Ladeneröffnungen: Die Designerin Sabrina Dehoff auf der Torstraße, mit Fashion Under Construction der erste Shop für Avantgarde-Mode auf der Oranienstraße und im Weekday Store auf der Friedrichstraße weinen junge Mädchen vor Glück. Während Rahel Jaeggi bei ihrer Antrittsvorlesung in der HU über rote Cowboystiefel spricht, lassen gegenüber Kaviar Gauche Rammsteins „Mein Herz brennt“ spielen und ich denke leise: Was wär ich geworden, gäbe es dich nicht?

Am Ende durch glühende Luft radelnd, erinnere mich an ein gerade geschautes Shirt des Label Starstyling, darauf stand: „Fashion will burn on Bebelplatz“. Aus dem Neptunbrunnen ragt die schwarz-rote Anarchistenflagge, darunter tanzen nackte Demonstranten. Fuck Mediaspree. Ich drücke die Ohrenstöpsel tiefer ins Ohr und höre This is how the story ends von The Sundays. 


Starstyling-Show

(Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der Taz vom 13.7.2010)

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