Blogs, Straßen, Rumstehen


Scott Schuman shooting Dario Natale shooting someone (shot by Yvan Rodic)

Das Internet soll die Modewelt demokratisiert haben? Masse und Klasse feiern sich nun gegenseitig? Streetfashion-Blogger fotografieren stinknormale Passanten? Wohl kaum. Wir nehmen die allseits gefeierte Mode-Fotografie vom Straßenrand ganz genau unter die Lupe. Und treten im folgenden die Flucht nach vorn an, zum Post-Proletariat auf der Straße, den traditionellen Protagonisten modischer Jugendkultur.

Das System der Mode und ihrer Berichterstattung basiert lange Zeit darauf, dass nur ein strikt begrenzter Kreis Eingeweihter die neuesten Kollektionen zu Gesicht bekommt, während der Rest der Welt ein halbes Jahr warten muss, bis die Stücke in Magazinen präsentiert und in Läden verkauft werden. Anfang des Jahres wurde dieses System für einen unwirklichen Moment aus den Angeln gehoben: das erste digitale High-Fashion-Label kam zur Welt, sein Name ist Burberry. Als die Models am vorletzten Tag der London Fashion Week wie üblich in Trenchcoat-Variationen über den Laufsteg liefen, durften nämlich alle Zuschauen. Live und in 3D wurde das Ereignis in fünf Städte rund um den Globus übertragen, auf 73 Websites rauschte der Livestream. Tweet, Tweed, Tweet. 100 Millionen User wurden erreicht, verkündete CEO Angela Ahrendts nachher stolz. Burberry ermöglichte es sogar für einige Stunden Teile aus der eigentlich erst in einem halben Jahr erscheinenden Kollektion direkt online zu kaufen.

Scott Schuman lachte sich in diesem Moment möglicherweise ins Fäustchen. Vermutlich aber eher nicht. Der prominenteste Modeblogger der Welt gibt sich zum einen weitgehend humorfrei, zum anderen hatte er kurz vor dem Mega-Event 100 Burberry-Porträts von “normalen” Menschen auf der Straße geschossen, um der Aktion “The Art of Trench” PR-mäßig den nötigen Auftrieb zu verpassen, also Trenchcoat-Träger aus aller Welt zu animieren, sich doch einmal selbst zu fotografieren. Die Bilder wurden auf eine Burberry-Seite geladen, fertig war der neue Webauftritt. Die erste digitale High-Fashion-Label-Webseite der Welt, höchstwahrscheinlich.

Sprachen der Mode
Seitdem sprechen alle von der Zukunft. Und der Mode. Die Zukunft der Mode: Das sollen etwa Bryanboy, die 13-jährige Tavi und Jane Aldridge von Sea of Shoes sein, in Deutschland beispielsweise die Fashion-Bloggerinnen von Les Mads. Und natürlich die Speerspitze der Streetstyle-Foto-Blogger als demokratisierende Bildermaschinen am Straßenrand: Facehunter, Sartorialist und Stil in Berlin. Beinahe schon rückblickend muss man zugeben: Für einen kleinen Moment schien es, als hätte das Internet das Modesystem richtig ins Schleudern gebracht. So wie eigentlich nur drei andere große Zäsuren in der Welt der schönen Dinge: die erste war die Französische Revolution mit der Einführung des bürgerlichen, puristischen Herrenanzuges und der bis auf weiteres endgültigen Verschiebung aller Modedinge vom Königskind auf den Frauenkörper.

Die zweite große Zäsur war das Aufkommen der Prêt-à-porter-Mode in den 60er Jahren, die dritte schlicht H&M. Und die billige Vervielfältigung des schwedischen Kopisten soll in der kommunikativen Ausbreitung im Internet jetzt ihr perfektes Pendant erhalten. Schon heißt es, die Modewelt sei transparenter, durchsichtiger geworden, sie öffne sich der Masse, den Interessierten. Man hört, dass die Klassen der Mode sich zu mischen begännen und Machtverhältnisse aufweichen. Es wird sogar mit Begriffen wie “Emanzipation” und “Aufklärung” hantiert. Der Grund, warum Mode plötzlich als Feuilleton-Aufmacher taugt, ist dabei kaum die Mode an sich, sondern die veränderte Auseinandersetzung mit Mode. Der Grund für das medial hochgepeitschte Mehr an Auseinandersetzung ist die Auseinandersetzung selbst.

Dokumentation des Einheitsbrei
Die Mode ist aufgrund der kommunikativen Beschleunigung in einem Stadium totaler Synchronität angelangt, in der konsequente Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit der Stile nebeneinander herrschen. Das passt allzu gut in das 21. Modejahrhundert, in dem Dank Pre-, Cruise- und diversen Extrakollektionen die Saisons derart multiplikatorisch und sich selbst befruchtend durcheinanderfegen, dass man schon längst nicht mehr weiß, ob das jetzt das neue, das alte, oder das schon wieder neue Ding ist. Das modische Diktat, welches sich vor allem aus dem Anspruch des immer wieder Neuen, und damit der Paradoxie schlechthin, konstruierte, ist so im Grunde eigentlich außer Kraft gesetzt. Das Prinzip Mode hat sich aus seinem eigenen System verabschiedet. So leben wir nun in der besten aller bisherigen Welten, in der die Demokratisierung des Stil Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit geschaffen hat: gute Kleidung und gute Sicht für alle.


Mary Scherpe shooting someone (shot by Géraldine Dormoy)

Die Streetfashion-Blogger wollten inmitten dieser Zeit von einer besseren Welt erzählen: der Wirklichkeit. Sie wurden in der medialen Berichterstattung zu Vermittlern der großen Demokratisierung, die aufgrund ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit von der globalen Modeindustrie und deren traditionellen Vermittlungsinstanzen plus ihrem Blick auf die wirkliche, authentische, echte Straße ein Gegenbild zu den theatralen Fotostrecken in Hochglanzmagazinen zeigen. Aber leider ist diese Sicht der Dinge nicht haltbar. Modeblogs sind ein Tool, durch das viele Stimmen dazu gekommen sind, es wurde ein wenig Kritikfähigkeit geprobt. Es wurden überzeugende Ästhetiken unter großer Reichweite vorgeführt. Es gibt wenige, aber sehr gute Quellen, die den traditionellen Medien produktiv anbei stehen und in denen man ständig interessante Dinge findet, die so nie in Magazinen stehen würden. Aber: die allzu oft von den alten Medien gemachte Einschätzung der Demokratisierung, sie birgt an sich schon Probleme.

Scott Schuman beispielsweise ist dadurch berühmt geworden, dass er Menschen aus der Modewelt auf der Straße fotografiert hat, während sie aus Modenschauen kamen. Nicht etwa die normalen Straßenüberquerer. In den gerade erschienenen Büchern des Sartorialist und des Facehunter ist gut erkennbar, dass sie sehr gerne Menschen ablichten, die in der Nähe eines Fashion-Spots spazieren, in Räumen also, die durch Gästelisten und weniger offensichtliche Distinktionsbarrieren begrenzt sind. Und sobald diese Blogger größer wurden, kurz vor der Entwicklung einer eigenen Handschrift, einer neuen Sprache gar, greifen PR-Agenturen sie ab und fortan werden sie von Marken um die Welt geschickt. Kaffeehersteller, Autofirmen, Kaugummimacher, alle wollen die Fotos der Streetstyleblogger, und die kriegen sie natürlich auch, weil auch der Blogger sein Geld verdienen will und muss. Die Fotos, die dabei herauskommen, ähneln sich stark, und sie haben mit Authentizität von der Straße nichts zu schaffen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Soziologin Monica Titton, die in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Texte zur Kunst” Erkenntnisse aus ihrer Dissertation zum Thema Blogs und Demokratisierung darlegt. Auf den Bildern aus Modeblogs fänden sich selten schrille, provokante oder extreme Outfits, und genauso wenig simple Alltagskleidung, wie sie tatsächlich massenhaft auf der Straße getragen wird. Beliebt sind laut Titton dagegen überraschende Kombinationen, bewusste Stilbrüche und interessante Details. Des weiteren bemerkt sie, dass fast ausschließlich gängige, von der Modeindustrie propagierte Schönheitsideale reproduziert würden, gerade im Hinblick auf Körperbilder. Die Mehrheit der abgebildeten Menschen entspreche stereotypen Vorstellungen von Schönheit. Davon, dass hier ein Modestil “von unten” gezeigt würde, der nicht von Designern und Modemagazinen diktiert, sondern von Menschen selbst erzeugt würde, kann aus Sicht der Soziologin nicht die Rede sein.

Keine Hybris, kein Glamour, keine Gosse
Streetfashion-Blogger sind Agenten der Globalisierung, die in Form von Webgalerien von ihren Reisen um die Welt berichten, wobei sich der Erkenntnisgewinn meist in einer simplen Feststellung erschöpft: Ihr alle seht alle gleich anders aus. Alle gleich schön, zugegeben. Ob in Schweden, Buenos Aires, Mailand, Berlin oder Moskau: Modischer Stilwillen ist überall, aber die präsentierten Bilder zeugen in ihrer, einzeln betrachtet oft sehr schönen, in Reihe geschaltet oft erschreckenden Gleichförmigkeit von einer Artigkeit und seltsamen Unphysis, die in der Geschichte der Mode einmalig ist. Jemand wie The Sartorialist hebt sich aus diesem Format positiv heraus, weil er sich als Stilfotograf gibt in dem Sinne, dass er viele seiner Models nach einer Geschmacks-Folie aus italienisch-queerer Rassigkeit, britischer Schrulligkeit und amerikanischer Prepp-Hochschule aussucht. Andere Formate, Blogs wie Backyard Bill, Show Me Your Wardrobe, The Selby, oder auch die Serie At Home von Stil in Berlin begeben sich neuerdings zu den Leuten nach Hause und lichten ihr Interieur mit ab. Das ergibt zum Teil sehr schöne Erzählungen, eigene Bilder. Es zeigt aber auch den Drang der Blogger, sich von der Straße, dem Ort unvorhersehbarer Treffen zu entfernen.

Teil einer Jugendbewegung sein
Der Einbruch des Internet in die Mode hat bisher vor allem eine Leerstelle produziert, die durch das Verschwinden einer Jugend, die sich durch einen eigenen konsistenten Stil ausdrückt, begleitet und verstärkt wird. Traditionell, also seit etwa 60 Jahren, gab es immer eine Jugend, die sich der Mode angenommen hat, ihre Ränder auslotete und einen originären Stil entwickelte, der großen Einfluss auf die klassische Modewelt hatte. Das war im Punk so, auch bei Teds, Rockern, Poppern, Mods, Rastafaris, Skinheads und HipHoppern, noch jede Jugendkultur hatte einen später ökonomisch fass- und verwertbaren Kleider-Code hervorgebracht, der bis heute in unsere Welt hineinragt. Unter Street-Style etwa verstand man noch in den 90er Jahren eine spezifische Form von subkulturell inspirierter Alltagsmode. Die erste Street-Style-Rubrik erschien bereits 1980 mit der ersten Ausgabe des Printmagazins I-D. Es waren Bilder von New Wavern, die auf der Straße in ihren eigenen Klamotten fotografiert wurden.


Géraldine Dormoy shooting someone (shot by Yvan Rodic)

Und gerade nun, wo die Möglichkeiten und der Zwang zum Individualismus größer denn je sind, da heben die Protagonisten den Kopf und schauen nach oben. Inszenieren dieselben Gesten, dieselben ästhetischen und körperlichen Ideale in denselben Klamotten, nur als Kopie von H&M oder Zara. Sie schauen mit großen Augen, die sich nach Führung sehnen. Kaum deutlicher macht dies, dass gerade die Editorialistas, die Moderedakteurinnen klassischer Printmedien im Lichte der so genannten Revolution der Blogger zu den Stars ebenjener wurden. Das muss man sich mal vorstellen: Der alte König wird von den Stürmenden der Bastille gefeiert. Dieses Bild ist aber vor allem deshalb windschief, weil es davon ausgeht, dass die Streetfashion-Blogger eine Revolution anzetteln würden. Das behaupten aber lediglich eine Hand voll Feuilletonisten. Die Blogger selbst wollen sich überhaupt nicht als ein anderes System begreifen. Sie suchen, genau wie alle da draußen, mehr noch eigentlich, nach Orientierung. Und finden Carine Roitfeld, die Chefin der französischen Vogue. Die nicht einmal einen Computer in ihrem Büro hat.

Ein Blick an den Rand
Um 1780, kurz vor der Französischen Revolution, richtet die Mode sich weg vom Königshof, das war modern. Plötzlich waren nicht mehr der Fürst und sein Gefolge die modischen Taktgeber, der Blick ging in die Halbwelt, bevölkert von Dandys und Kokotten. Seitdem wird die Demi-monde regelmäßig zur Bahnbrecherin der Mode, als das Milieu, aus dem die Mode ihre entscheidenden Impulse gewinnt. Ein ähnlicher Blickwechsel darf heute kaum erwartet werden, aber die akute Situation zwingt einen zum wegzuschauen.

Die Blogs werden von der Innenstadt-Jugend beherrscht, Akademikerkindern, der so aktuell ein großer Teil der Definitionshoheit über “Jugend” zufällt. Das ist ein Zerrbild. In De:Bug 144 geht unsere Flucht daher nach vorne: zum Post-Proletariat, zum Abgehängten, zum traditionellen Protagonisten modischer Jugendkultur, wie den Mods oder Skinheads. Wir werfen einen Blick auf die Randgruppen, die einen echten Klassenunterschied machen und in Modeblogs nicht fotografiert werden, die selbst keinen Modeblog machen und die auch noch nie in der Vogue vorkamen: und vielleicht gerade deshalb derzeit über einen eigenen, dezidiert originären Stil verfügen. Der Proll, der Normale, den, den man eben auf der Straße trifft, der sich da rumtreibt. Derjenige, dessen Zugriff auf modische Verfeinerung sich nicht über globale Informiertheit, internationale Trends, Referenzialität und Wissen herstellt, sondern durch einen intuitiven, pointierten und genauen modischen Zugriff geprägt ist. Also der Picaldi-Hosen-Träger, dachten wir, der Flex-Käppi-Träger, der Aggro-Boy, dessen Stil weniger durch globale Vernetzung, als an der nachbarschaftlichen Gruppenzugehörigkeit geschärft wird. Denn nur das Off bietet die Möglichkeit, sich abseits aller Übereinkünfte ein eigenes Urteil zu bilden, ohne dabei den breiten Konsens im Blick haben zu müssen, wie er zu oft auf den Blog-Machern lastet.

Aber gibt es das Off noch? Die in unserer Galerie dokumentierte Reise war auch eine Expedition zu den Galapogos-Inseln, nach dorthin, wo es noch unentdeckte Arten gibt. Dort, wo es unter Umständen auch weh tut. Wir haben dabei keine Angst vor Kolonialherrentum, dafür haben wir in zu vielen Poststrukturalismus-Magazinen geblättert. Und wir wissen auch, das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Die Welt, die sich uns vorgestellt hat, ist eine andere Halbwelt als die um 1789, aber sie liegt topografisch blogseits, und das allein macht sie interessant. Denn man muss es zuletzt mit Jean Genet nehmen, der schreibt in seinem “Tagebuch eines Diebes”: “Freilich kann ein Mann von Geschmack die Eleganz der Gauner zweifelhaft finden, und doch putzen sie sich am Tage, vor allem aber am Abend, mit rührender Ernsthaftigkeit und mit der Sorgfalt einer Halbweltsdame.”

Yvan Rodic: facehunter.blogspot.com
Scott Schuman: thesartorialist.blogspot.com
Géraldine Dormoy: blogs.lexpress.fr/cafe-mode
Mary Scherpe & Dario Natale: stilinberlin.blogspot.com

Text: Timo Feldhaus

Text aus De:Bug 144

14 Responses

  1. Nina

    Danke für diesen Artikel und die sehr passenden Fotos! Aber was nun? Die Eleganz der Gauner ablichten? Unentdeckte Arten rührend zu finden, zeugt doch von der gleichen akademischen Arroganz, da erkenne ich keinen Poststrukturalismus.

  2. Timo

    Lieber Horst, ich nehme das als Kompliment
    Nina, ja, Gauner ablichten, das haben wir ja dann auch getan. Ich find da nichts schlimm dran. Man will doch wissen was los ist, da muss man dann hingehen und gucken, oder nicht? Wir haben uns sehr bemüht es nicht rührend zu finden. Ich glaube, es hat geklappt.

  3. spiegeleule

    die fotos bringen es fast schon als parodie auf den punkt: die streetstylephotographen stehen oft sogar vor den gleichen “models” schlange.

    der text ist verdammt gut, kompliment.
    klar, dass blogs, die eine diy-nachmache der großen magazine sich in das große system mode nur einfügen werden. der zeitpunkt, war einfach nur nicht zu erwarten, daher kamen erschreckende gedanken mit revolutionären bildern auf – fälschlicherweise, ganz klar.