Rumstehen im Transitiven

Der Künstler Tobias Zielony ist der Chronist der internationalen jugendlichen Rumsteh-Kultur, die nicht mehr in das klassische Soziologen-Raster von Jugendkulturen wie Punk oder HipHop passt. Jetzt ist endlich sein lang erwarteter Bildband erschienen.

Tobias Zielony arbeitet ohne Ziel. Seine fotografischen Arbeiten erzählen keine Geschichte, sie sind eine Geschichte, ein Gebäude aus einzelnen Stockwerken und deren Übergängen und Abwesenheiten – so der Titel “Story/No Story” –, die modulförmig gegeneinander verschoben werden können, eigene tektonische Reibungen und Spannungen erzeugen und Spalten aufklaffen lassen, aus denen etwas hervortritt, was unbenennbar, aber dennoch in eigenartiger Weise Zielonys Aussage zu sein scheint. Das sich fortschreibende Element in allen in diesem Buch versammelten Arbeiten ist das Rumstehen, der Stillstand, das schizoideste Sich-in-Bezug-Setzen zur Bewegung, das möglich ist. Gegenwartsvergessen und zentriert auf die Peripherie.

Die Protagonisten sind Jugendliche, deren Perspektiven ähnlich unfokussiert sind wie Zielonys Bilder von ihnen, eingegossen in Architektur – in städtebauliche Mikro- und Makrostrukturen –, die gleichermaßen stagnierend wie temporär sind. Vorstadtsiedlungen aus Reihenhäusern in Newport und Bristol, Kirmes in Chemnitz, Parkplätze in Halle-Neustadt, Trabantenstädte vor Marseille, transitive Orte wie Tankstellen, Orte, die auf einem Weg liegen, aber an denen man eigentlich nicht ankommt, und Zeitbrachen, deren Grenzen man unmotiviert überschritten hat. Es sind urbane Halden des Modernen, die die sie umgebende Wüste verwüsten. So wirkt Los Angeles in Zielonys Bildern wie eine Studiokonstruktion, die sich in ihrer Synthetik mit seinen Bildern aus Rumänien und Polen zu überlagern scheint, als bestünde ein langsamer Übergang zwischen ihnen. Der Stillstand, das Rumlungern hat hier den Flaneur abgelöst. Die Peripherie wird zu einem vergänglichen Ort, an dem man wie ein Kolibri tausend Mal die Minute mit den Flügeln schlägt, um nur zu bleiben, wo man ist.

Bei genauerer Betrachtung findet sich aber doch eine subtil entropische, dem Wärmetod entgegenstrebende Narration: Die Serie “Manitoba” (aus Cree “Manitou bou”, der Engpass des großen Geistes) wandert Richtung Süden nach “Trona”, dem ehemaligen Zentrum des Borax-Abbaus in den USA, das seinem verblichenen Status als Boom Town heute nur noch gerecht wird, wenn irgendwo ein Meth Lab in die Luft fliegt. Von dort geht es weiter in die Serie “Vele” (Segel), die ihren Ort in den Le Vele genannten Hochhäusern in der neapolitanischen Vorstadt Scampìa finden.

Hier beginnt Zielonys Arbeit schließlich in die Fiktion einzugreifen, denn diese escherartig verschachtelten, exoskelettartigen Stahlbetonsegel, die nichts antreiben, haben durch den viel gelobten 2008er Camorra-Film “Gomorrah” bereits einen Grad an Ikonizität erreicht. Es ist ziemlich klar, dass Zielony und der Film nichts miteinander zu tun haben, aber dennoch blickt einen von der letzten Seite von “Story/No Story” niemand anderer an als der 13-jährige Protagonist Totò. Schlussendlich ist “Story/No Story” jedoch auch ein Buch über Mode. Nicht als Stil, sondern als Symptom: Das gemeinsame Outfit der skulptural erstarrten Flaneure im gesamten Buch ist Sports- und Leisurewear, Ballonseide, Windbreaker, Laufschuhe – eine Freizeitausstattung, mit der Mimikry geübt wird an denen, die tatsächlich Freizeit haben und die ihre Träger ausstattet für eine Beweglichkeit, die irgendwo in der nostalgischen Zukunft liegt.

Tobias Zielony, “Story / No Story”
Hrsg. v. Maik Schlüter, Florian Waldvogel und Jan Wenzel

Text: Timo Feldhaus

Text aus De:Bug 144

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Elektronische Lebensaspekte.

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