Jeanshosen, iStones, Modekorruption

Ines Kaag und Desirée Heiss verstehen es mit Bless wie kein anderes Label Mode, Kunst und Design zu verbinden. Nun erscheint, nach 14-jährigem Schaffen der zweite Teil ihres Archivs in Buchform. Wir drehen eine Runde vom Roadster fürs Wohnzimmer über Sport auf dem Catwalk bis zu bodenständigen Jeans.

Oft reicht ein Blick in den Terminkalender, um zu wissen, wer einem gegenübersitzt. Vor zwei Monaten zeigte das Modeduo Bless eine Installation bei der Dysfashional in Berlin, einer Ausstellung, die die Grenzen von Mode und Kunst aufweichte. Ab Ende September werden einige Produkte von Ines Kaag und Desirée Heiss in Frankfurt/Main zugegen sein, dort startet im Museum für Moderne Kunst eine umfangreiche Ausstellung mit dem Titel “Mode und Fotografie in den frühen 1990er Jahren”. Währenddessen waren sie für drei Wochen mit einer großen Retrospektive im Kunsthaus Graz zu sehen, eingebettet in eine Werkreihe mit dem fantastischen Titel “So lebt der Mensch”. Was sich anhört wie ein Lied der Popformation Blumfeld, sollte die Aspekte von Arbeiten, Leben, Handeln und Wohnen umspannen. Und genau in diesem Spektrum spielt auch die Arbeit des Modelabels Bless.


Am Ende ist die Ausstellung aber nur eine Nummer. Die N°41. Name: “Retrospektives heim”. Während sich in diesem Fall ein ganzes Geschoss Kunstausstellung hinter der Zahl verbirgt, bezeichnet etwa die Seriennummer N°40 eine klassische Bekleidungskollektion, mal einen iStone, einen Stuhl, eine Haarbürste, einen Bohrer, eine Brille. Oder ein Car Canapé, N°35, ein Roadster fürs Wohnzimmer. Das Auto ist perfekt nachgebaut, aber innen weich und außen mit Haute-Couture-Stoff überzogen. Als Couch zu gebrauchen. Allesamt Produkte, die aus alltäglichem Raum und Verwendung gelöst und leicht in ihrer Bedeutung verändert wurden.

Bless’ erstes Produkt N°00 war eine Pelzperücke, sie wurde mit dem Slogan: “Fits every style! Cut & try” in verschiedenen Magazinen angepriesen. Martin Margiela war begeistert von der spröden Arbeit der beiden jungen Designerinnen, die bis heute von Paris und Berlin aus agieren. Er integrierte die Pelzperücke bei der Präsentation seiner Winterkollektion 97/98. Es folgen, neben der jeweils halbjährlichen Modekollektion, erste Anziehsachen für Möbel, verquere Beauty Products und Found Objects. “Fits every style!” ist bis heute als Leitspruch auf viele ihrer Kleider genäht. Ein anderer ist “Corrupts every style! Relax.”

Bei Sternberg Press erscheint nun, als Publikation der Ausstellung in Graz, der zweite Teil ihres Archivs in Buchform. Insgesamt über 600 Seiten Bless und eigentlich ein extrem gut aussehendes Handbuch, anhand dessen sich der erweiterte Modebegriff studieren ließe. Man würde bei eingehender Lektüre auf einen Begriff kommen, der vor 20 Jahren inflationär verwendet wurde, und heute wieder auf das Werk, den genreübergreifenden Komplett-Look der Designerinnen zutrifft: Avantgarde. An der Arbeitsweise und den eigensinnigen Bless-Produkten lässt sich eine besondere, experimentelle Modegeschichte in der Nachfolge der 80er erzählen. Das würden die beiden vielleicht in dieser Schärfe nicht so sehen wollen, aber aus dem zweibändigen Bless-ABC ergibt sich genau das:
1995 verfassten sie ein Manifest. Sie lassen, ganz wie Martin Margiela, keine Fotos von sich machen. Sie erfinden eine eigene Form des Guerilla-Marketing, indem sie sich auf verschiedene Weise in Magazine einschleusen.

Ihre Shows und Modepräsentationen inszenieren sie stets als ein Happening, bei dem sie statt Models ihren Freunden die Kollektion anziehen und sie etwas tun lassen, beispielsweise Fußball spielen. Ihr eigenes Leben soll immer als Bestandteil ihrer Mode präsent sein. Sie haben den heute beinahe pathetisch anmutenden Anspruch, mit jedem Produkt etwas Nicht-Dagewesenes zu erschaffen, sie verstehen Mode machen als Reaktion auf einen Missstand. Und sie stehen wie kein anderes Label der Welt für die Verbindung von Mode, Kunst und Design. Peter Bürger, Cheftheoretiker der klassischen Avantgarden, nennt das die Auflösung der traditionellen Werkeinheit. Aufhebung der gesellschaftlichen Institution der Kunst. Vereinigung von Kunst und Leben.

Puh, denke ich. Und steige von dem Stuhl mit dem Namen N°07 Chairwear B, der eigentlich ein Hocker ist, mit vier elastischen Stangen in den Ecken, die einen undefinierbaren Stoff spannen. Er hält eigentlich ganz gut, auch wenn man sich erstmal nicht traut, sich hineinzusetzen. Doch er weicht einem irgendwie aus, der Stuhl. “Das ist ja eine Falle”, meine ich zu Ines Kaag im Berliner Atelier sitzend. Und Desirée Heiss, von Paris aus per Skype zugeschaltet antwortet: “Ja, aber andererseits denke ich auch, dass die Form bereits so aggressiv ist, dass man eben vorsichtig ist, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt. Dieser Tage droht doch überall Design, wir wollen es neutralisieren. Es geht uns darum, ein Produkt zu entwerfen, bei dem man nicht auf seinen Erfahrungshorizont zurückgreifen kann, um den überraschenden Moment. Wie Kinder, die zum ersten Mal Schnee sehen.”

Einige Tage später in den Berliner Kunstwerken fotografieren wir die hier anschließende Modestrecke und alle am Set sehen sich den just von Bless hergestellten iStone an. Sie lachen und wollen ihn anfassen. Ines weiß aus Erfahrung: “Es braucht immer eine gewisse Inkubationszeit bis sich die Leute damit abgefunden haben, dass es dieses Produkt nun gibt.”

Keine Themen & langweilige T-Shirts

Debug: Ihr habt euch 1997 gegründet, im selben Jahr wie der Pariser Luxus-Konzeptstore Colette und auch unser Magazin. War Bless nur Mitte der 90er möglich?

Bless: In Berlin passierte ja beispielsweise noch gar nichts. Modemäßig war eher London spannend, Chalayan und McQueen wurden dort entdeckt. Plötzlich entwickelte sich in Paris aber etwas. Magazine wie Purple und Self Service entstanden, die sich an der I-D orientierten und die es in Frankreich, das über keinerlei Jugendkultur verfügte, vorher nicht gab. Und dann folgten Designer aus unserer Generation, wie Jeremy Scott, Raf Simons oder auch Viktor & Rolf. Daraus hat sich plötzlich so ein Hipgefühl entwickelt, das ja in gewisser Weise bis heute trägt. Colette war auch unser erster Kunde. Wir waren völlig naiv und haben Polaroids fotografiert mit unseren Kleidern und die in den Magazinen als Editorials verkauft. Da haben wir unsere Telefonnummern drauf geschrieben und gedacht, da werden die Leute ja sicher auch anrufen und das bestellen.

Debug: Worauf kommt es euch an, wenn ihr ein Kleidungsstück designt?

Bless: Unsere Kleidungsprodukte haben ausschließlich mit Alltagstauglichkeit zu tun. Natürlich gibt es immer die abgefahrenen Accessoires, aber der größte Teil ist im Grunde jedes Jahr eine ganz langweilige, bodenständige Kollektion aus Jeanshosen und schlichten T-Shirts. Und das sieht natürlich auch in der Präsentation langweilig aus. Wir empfinden es außerdem als Problem, jedes halbe Jahr die Neuheit unserer neuen Kollektion zu zeigen: Weil es die eigentlich nicht gibt. Wir sind nicht daran interessiert uns oder unsere Kleidung ständig neu zu erfinden, etwa einem großen neuen Thema zu unterstellen.

Debug: Daher der Name des ersten Teils eures Archivs: “Themelessness”?

Bless: Wir begreifen Mode nicht als gesellschaftlichen Schrittmacher und auch nicht als Kunst. Die Präsentationen sind jedoch auch nicht so gedacht, ganz dringlich ein Gegenbild zu einer Catwalkshow aufzuzeigen, es geht eher darum, zu zeigen, dass es bei Mode eben nicht nur um die Kleidung geht. Es geht eher darum, das halbjährige Lebensgefühl, in dem wir uns gerade befinden, auf den Punkt zu bringen. Und deswegen finden in den Präsentation auch oft sportliche Dinge statt, weil es uns einfach wichtig ist, sich zu bewegen und die Präsentationssituation zu entschärfen.

Debug: Nehmt ihr es als Problem wahr, dass eure Teile teilweise so unerschwinglich sind?

Bless: Das ist ein Riesenproblem und sehr schade. Aber eigentlich auch schön. Wir legen großen Wert darauf, dass die Qualität perfekt ist. Und wir treten an, um permanent unsere eigenen, aber auch die Werte dieser Welt neu formulieren zu wollen. Und im Grunde ist ja alles sowieso viel zu billig.

BLESS. Retroperspective Home N°30 – N°41.
Sternberg Press.
web.me.com/blessberlin
sternberg-press.com

Text: Timo Feldhaus

Text aus De:Bug 146

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Elektronische Lebensaspekte.

6 Responses

  1. celina

    bist du mein freund, oder was
    kannstdu mir mal sagen wo du wonnst.

  2. celina

    ich möchte das du mir sagst wo ich hir lesen muss wen ich dir etwas schreiben soll.