Kito Nedo über das Verborgene in Interieur-Magazinen

„It’s more exciting to see where people live than what they wear.“ Das schrieb Andy Warhol in seiner Philosophie. „It’s better to see their clothes hanging on their chairs than on their bodies. Everybody should just have all their clothes hanging out. Nothing should be hidden except the things you don’t want your mother to see.“

Weil extrem ordentliche Innenarchitektur-Ansichten der stärkste Modetrend der Jetztzeit sind, ist die deutsche AD auf Höhenflug. Kein Magazin befriedigt den Architektur-Voyeurismus und die Sehnsucht nach der ganz großen Aufgeräumtheit besser als das Glossy-Heft unter der Führung von Margit J. Mayer. Das gefällt den Preppy-Müttern und Vätern: In den AD-Fotostrecken steht kein Schrank und keine Schublade offen, in den oder die man besser nicht hineinsehen sollte.

Diese ewige Gewissheit von der stilistischen Geschlossenheit bestimmt subtil auch jedes AD-Editorial. Darüber leuchtet das immergleiche Preppy-Foto von Frau Mayer, das man ganz nah vor das Gesicht halten muss, um alle Details genauestens zu studieren: Die Chefredakteurin steht vor einem fest verschlossenen minzpastillenfarbenen Wandschrank, an dessen Schlüssel eine kleine seidene Zier-Quaste hängt. Darunter räsoniert sie über die „ästhetische Wahrheit“ bestimmter, aus „zwei oder mehr Stilwelten“ bestehenden Einrichtungskonzepten. Das ist wahrhaftig, hochinteressant und deshalb lesenswert.

Neulich habe ich Frau Mayer zufällig bei einem Brunch in einer Galerie getroffen. Wir wurden uns vorgestellt, aber ich habe mich nicht getraut, sie zu fragen, was sie vom neuen Messie-Trend hält, der in so extrem erfolgreichen Newcomer-Magazinen wie dem spanischen Apartamento abgefeiert wird: Schmutzige Wäschehaufen, stumpfe Stahlspülen, unausgepackte Umzugskisten, der ewig behangene Klappwäschetrockner. Ist das nicht die Zukunft der Interieurfotografie? Oder einfach nur der alte Generation-Gap? Zieht das Condé Nast-Heft nach?

In der AD könnte man ja leicht Tradition und Reform miteinander verbinden: Indem anstatt des obligatorischen edlen Galeristen-, Sammler- und Großkünstler-Feature zum Beispiel eine Geschichte über Atelier-Saubuden erschiene. Davon gibt es ja auch eine ganze Menge. Als Vorbild könnte zum Beispiel das unten abgebildete Londoner Atelier des 1992 verstorbenen Malers Francis Bacon dienen.

Würde Mayer zustimmen? Oder fände die Stiljournalistin die Idee nicht gut? Es wäre ja ein absolutes AD-Abenteuer, ein richtiges Experiment, und es wäre interessant: Welche ästhetische Wahrheit spricht aus Räumen in denen sich das Chaos nicht mehr bändigen lässt? Also: Was verbirgt sich in dem Wandschrank hinter der Seidenquaste?


© 7 Reece Mews / Francis Bacon‘s Studio / Photographs by Perry Ogden

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Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen in Berlin. Er war Mit-Organisator der Ausstellungen „Mit dem Townhouse leben“ (Galerie Kai Hoelzner, Berlin, 2010) sowie „Das Beste aus 2007“ (Center, Berlin, 2009).

3 Responses

  1. Horst Meier

    das mag ich, die übetragung des phänomens auf den raum – hätte ich gerne noch weitergedacht… besonders im kontext auf den künstler in seiner (klischeebeladenen) kreativen chaos-umgebung…und ein evtl. AD-Gegenmodel…

  2. gerard

    Oben auf dem ersten Bild, derjenige der das Buch hält..ist das ein Prepp? Ich glaube schon. Ich erkenn da ein Hemd mit einem Pulli drüber. Wenn das Magazin schon Prepp ist. Horst Meier ist übrigens auch Prepp. Und die ganze Redaktion ist wahrscheinlich sowas von Prepp. Mein Hund ist jetzt Prepp. Und meine Mudda auch. Ich bin auch Preppy.

  3. Himsen simsen

    Cindy Warhol?

    Btw. mit dem ganzen Prepp-Gelaber macht such die De-Bug zunehmend lächerlich!