Heldenbetrachtung

Gosha Rubchinskiy hält seine Kamera in Moskauer Vororte und findet dort eine zeitgemäße Antwort auf Larry Clarke und den jungen Raf Simons. Sein kunstvoller Proll-Stil schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir haben eine Uniform für den kommenden Aufstand und endlich eine Antwort auf den langweiligen Preppy-Blödsinn.

In der Mode Gosha Rubchinskiys treffen wir einen alten Bekannten wieder. Den aufbegehrenden Jugendlichen, der nichts im Sinne hat, als stumm gegen die Ödnis dieser Welt anzurennen. Der 26-Jährige Russe zeigt uns in seiner Mode und den Bildern seiner Filme und Fotografien eine Alternative zu dem zuletzt arg überreizten Rolemodel des perfekt funktionierenden Schwiegersohns. In seiner Ralph-Lauren-haftigen Poliertheit wirkt der Preppy neben den russischen Halbstarken wieder, wie schon immer und auch vor seiner halbironischen Wiederbelebung von vor zwei Jahren: langweilig.

Dostojewski und Fitness
Rubchinskiy ist Filmemacher, Fotograf, Künstler, Designer und Modemacher. Auf seiner Internetseite Aglec versorgt der Moskauer seit 2008 die Welt mit Style aus dem Herzen des Untergrunds der Postsowjetunion. Und die Modewelt findet das hypeverdächtig und fühlt “the essence of the former USSR in his work.” Bei seiner ersten Ausstellung überhaupt, im Berliner Präsentationszimmer des Magazins 032c treffe ich den schmächtigen Mann. In sehr gebrochenem Englisch macht er kurze Sätze, seine Übersetzerin duscht gerade. Er taucht dabei immer wieder in eine Welt ab, von der ich nichts verstehe. Russische Orte, russische Bands, russische Seele. Als wäre da eine Welt, die er stolz vor mir versteckt halten möchte, während er sie erzählt.

“Mein Interesse gilt dem Leben der jungen Menschen, einer neuen Generation junger Russen.” Von Patriotimus, orthodoxer Religion und Black Metal berichtet er. Von Skateboardfahren und Bands wie Prodigy und Nirvana. Und von seiner eigenen Jugend, die er zurückgezogen und zeichnend in seinem Zimmer verbrachte. Die Sommerkollektion sei das Ende einer Triologie, in der es um Sport ging, dem Fitnesscenter als neue Kirche: schlichte Sweater, schwarz, grau, Heavy-Metal-Drucke, weiße T-Shirts, immer New Balance Sneaker. In der aktuellen Kollektion sieht man ein Interesse an gewagteren Schnitten, veränderten Silhouetten und farbigen Wollstoffen.


Rubchinskiy designt nicht nur eine Kollektion, sondern castet auch die Models, die keine Models sind, sondern Skater, Graffiti-Sprayer oder sonst wie lungernde Streetkids, mit denen er vorher und nebenher ausgiebig abhängt. Er fotografiert sie, macht das Layout der Lookbooks und präsentiert das in einem saisonalen Fanzine. Darin findet er eine genauso nostalgische wie fortschrittliche Bildsprache für das, was aktuell alle umtreibt: die Re-Etablierung der Sportswear, brutalistische Architektur, blasse Töne, Nationalismus, Poesie. Und illustriert das an einer russischen Jugend, die den Kommunismus nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern kennt. “Ich möchte in Moskau bleiben und Dinge verändern. Russland hat immer noch die schlechte Gewohnheit, ausschließlich Kopien des Okzidents zu produzieren, sogar schlechte Kopien, anstatt seinen eigenen Stil zu affirmieren. Viele meiner Freunde lesen gerade Dostojewski, ich liebe die Filme von Tarkowski und Andrei Rubljow ist ein großer Einfluss für meine Arbeit.”

Der neue Slimane
Er selbst tritt von weit aus dem Osten in die Fußstapfen der Modedesigner Raf Simons und Hedi Slimane. Vom frühen Simons nimmt er seine ästhetischen Vorlieben für rebellische Posen der Jugend, sportliche Kleidung und weite Hoodies, von Slimane den vampirischen Umgang mit den Jugendlichen und die latent schwule Ästhetik in der Darstellung dürrer Buben. Simons und Slimane waren es, die vor zehn Jahren zuletzt den modischen Fokus auf die Jugend gelegt haben – diese Phase, kurz bevor man erwachsen wird, den drängenden Implosionsraum, an dem sich die großen Geschichten um Authentizität, Energie, Gefühl, Liebe, Hass und Kampf so schön unverhüllt erzählen lassen. Diese direkt an die Jugend und ihr Gefecht angrenzende Zeichen- und Produktproduktion als Ausgangspunkt zu nehmen, das hatte die Mode zuletzt vergessen und nachlässig der Kunst überlassen, den Look des jungen Moskauers sieht man etwa auf Portraitfotografien von Wolfgang Tillmanns schon sehr lange. Noch drastischer in den dokumentarischen Fotografien aus Schlafstädten in Italien oder Ostdeutschland von Tobias Zielony.


Rubchinskiy steht dabei schon wie seine modischen Vorgänger auf Larry Clark und Gus van Sant, die ihre Filme stets als halbdokumentarisches Nachzeichnen und behutsames Observieren jugendlicher Bewegung inszenieren. In den Filmen der amerikanischen Regisseure geht es fast immer um die Probleme unangepasster Heranwachsender. Wenn Rubchinskiy nun eine Gruppe von Skatern über die urbanen Ebenen und das Suburb um Moskau herum folgt, oder in einem poetischen Film einen 15-jährigen Jungen von innen aus dem 20. Stock eines brutalen Towerblocks in karge Schneekulisse blicken und sein (Rubchinskiys) Leben erzählen lässt (nebenbei wechselt er en passant mehrmals die Klamotten, die aktuelle Winterkollektion) dann ist Rubchinskiys nicht Teil ihrer Rituale, sondern ihr Beobachter. Sein Blick ist eigentlich der vertrauensvoller Heldenbetrachtung. Wie seine Vorgänger verschlingt der Moskauer Jugendkultur und entwirft sie gleichzeitig mit. Wie sie ist er ein niemals erwachsen werden wollender Peter Pan der Popkultur, der an den Gesten der Jugend nur als Zaungast Teil hat.

Proll statt Prepp
Slimane ging es immer um die Refugien und das Vokabular des Rock, das er mal an einer Jugend inszenierte, oder ihr abschaute und dann in Dior-Kollektionen umarbeitete. Rubchinskiy dekliniert nun die Sports- und Leisurewear durch. Sweater, Trainingshosen, Windbreaker, Laufschuhe. Diese Art Sportswear ist im Grunde der kleine Bruder des Preppy-Style der amerikanischen Ostküste, dem es auch stets um den komfortabelsten Freizeitlook ging, sich aber aus elitären Sportarten wie dem Reiten, Golfen und Polo-Spiel ableitete. Nun den verruchten Charme großmäuliger, russischer Suburb-Kids gegen die fade Wohlanständigkeit der amerikanischen Ostküste ankämpfen zu lassen und modisch den Kalten Krieg wieder heraufzubeschwören, das macht natürlich Spaß. Wenn allerdings die gelangweilten Moderedakteurinnen von It-Magazinen ihre kalten Nasen an den Scheiben des Dover Street Market in London plattdrücken (die Edelboutique ist die einzige in Europa, wo man Gosha Rubchinskiy kaufen kann) und den Look der Suburb-Kids zum aktuellen Hype erklärt, weil ihnen das ironische Umbrechen des Prepp-Stils ihrer Eltern langweilig geworden ist – dann hat das auch einen faden Beigeschmack. Es ist einfach viel cooler, wie die Mods es taten, den Look der gesellschaftlich Höherstehenden zu annektieren, als den Chic aus der Gosse für sich in Anspruch zu nehmen. Schön ist es allerdings, das man wieder daran glauben darf, dass Eleganz sich eher aus einem inneren Bedürfnis nach Auseinandersetzung ergibt, denn aus der schlichten Schönheit weich fallender Oberflächen.

http://www.aglec.ru
http://www.doverstreetmarket.com

Text aus De:Bug 147
Autor: Timo Feldhaus

2 Responses

  1. jürgen

    Was sind das denn für Schnullerbacken?!