Mode & Müdigkeitsgesellschaft

Am 11. Februar 2010 starb der britische Modedesigner Alexander McQueen. Es war das traurigste und auch das größte Modeereignis des Jahres. Im Schatten des Selbstmords des radikalen Erneuerers blitzte aber noch ein weiterer Tod: Das Prinzip Mode hat sich 2010 endgültig aus seinem eigenen System verabschiedet. Dank diverser Extrakollektionen fegen die Saisons heute derart multiplikatorisch und sich selbst befruchtend durcheinander, dass man nicht mehr weiß, ob das jetzt das neue, das alte, oder das schon wieder neue Ding ist. Das modische Diktat, welches sich vor allem aus dem Anspruch des immer wieder Neuen konstruiert, war im Grunde außer Kraft gesetzt. In diesem Zustand totaler Superbeschleunigung wurde es plötzlich langweilig. Dabei hatte alles so gut angefangen. Nachdem das Internet in ihr Ghetto krachte, waren alle Modelichter hellerleuchtet. Die volle Aufmerksamkeit, Revolution, alle wollten alles wissen. Doch 2010 dann die ermüdende Erkenntnis: Statt Mode 2.0, zurück auf 0. Das Internet hatte das Modesystem doch nicht umgekrempelt.

Die Reaktion war naheliegend: Alle bestellten Byung-Chul Hans “Müdigkeitsgesellschaft“, das wichtigste Buch des Jahres. Han zeichnet dort die pathologische Landschaft der heutigen Gesellschaft, zu der neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Borderline oder Burnout gehören. Nach dem bakteriellen Zeitalter und der Angst vor dem Fremden, liege der Feind nun gewissermaßen in uns. Die Gesellschaft der Negativität weiche einer, die von einem Übermaß an Positivität beherrscht ist. Übermaß an Posititvität? Der Modemensch fühlte sich angesprochen: Immer dieses leere Lächeln. Gerade auch, dass der Philosoph auf alle großen Originalitätsansprüche verzichtete, machte ihm Eindruck. Einfach Benjamin, Agamben und Handkes “Versuch über die Müdigkeit“ noch einmal zusammenbringen. Und natürlich Bartleby: I prefer not to. Der Satz verließ einen auch bei den Schauen der Fashion Week nicht. Aus den unzähligen Looks eine Kernentwicklung ableiten – das fand man langsam einfach mal übertrieben. Und auch banal.

Der Mode bleibt seit Baudelaire nichts übrig, als aus dem sich stetig Wandelnden und Flüchtigen das Ewige herauszuschneiden. Aber wie soll das heute noch gehen, schrieen sie verzweifelt ihre Baudelaire-Sonderausgaben an: Kein Großtrend in Sicht! Man blieb also noch eine Runde bei Celine hängen und dem so genannten New Minimalism der dortigen Designerin Phoebe Philo. Diese wurde zum Gentlewoman, und Covergild des gleichnamigen frischgelaunchten Magazins der Fantastic-Man-Macher aus Holland. Ansonsten von Interesse: Die Möbelkollektion von Rick Owens, immer wieder die Fotografien von Hedi Slimane und Juergen Teller und das behutsame Soft Tailering drapierender Herrenschneider wie Damir Doma oder auch Stefano Pilati bei YSL. Und das Fleischkleid von Lady Gaga. Kenneth Angers Witch-House-Clip für Missoni verwies nicht nur auf die neue Wichtigkeit des Videos für die Marketingstrategien der Label, sondern bestätigte noch einmal die Goth- und Horror-Atmosphäre des gesamten Betriebs. Auch in dem Film von Tom Ford ging es neben der exzellent ausgeleuchteten Garderobe ausschließlich um den Tod, und die Müdigkeit davor.

Es reichte der Modemeute. “Müdigkeitsgesellschaft“ war ausgelesen, ist ja auch nur 68 Seiten lang. Da erschien zum Glück schon “Death and Fashion“ in einer schönen Neuauflage. 1824 ließ der italienische Romantiker Giacomo Leopardi in einer satirischen Modeschelte Mode und Tod in einen Dialog treten. Jede einzelne Mode tritt so auf, als ob sie ewig leben wolle, erinnerte man sich, das gehört mit zum Spiel. Man schlug noch einmal nach: Der große Modetheoretiker Georg Simmel wusste um den Zusammenhang aus Leben und Tod schon immer. “Ihre Frage“, so der Soziologe über die Mode, “ist nicht Sein oder Nichtsein, sondern sie ist zugleich Sein und Nichtsein“. Das war irgendwie okay als Antwort. Man rechnete fest auf 2011.

6 Responses

  1. horst

    also ist doch vanitas-mode das große neue ding, das übermorgen eben vorbei ist.
    aus und vorbei.

  2. jürgen

    Bringt nochmal was über Prepp.. Ich will nochmal richtig lachen!

  3. nina

    ich will die vogelkette.

    wer hat sie designt?

    danke für die info.

  4. ralf

    ich auch, von wem ist die vogelkette?