Ein Nachbericht

„Papa, der Dinosaurier kackt auf mein Klavier.“ Anton erklärt ihr daraufhin in einfachen Worten den Unterschied zwischen surreal und saureal, aber sie blättert bereits teilnahmslos in dem kosmopolitischen Kostümbildband. Wie von Geisterhand findet das Kind die westeuropäischen, adeligen Kleider und Schühchen, die sind gut, die anderen nicht, nur wenn sie pink sind, dann haben sie noch eine Chance auf Schönheit. Es ist schwer, es ist unheimlich schwer. Ich denke daran, wie man wohl 1,5 Tonnen Gold von der Bank abhebt und an den Roman Die Dinge von Georges Perec. Der Tag vor der Fashion Week fällt dieses Mal auf den statistisch deprimierendsten des Jahres. Am Ende der Modewoche steht der „Internationale Tag der Jogginghose“. Berlin verbindet diese Kalenderkoordinaten in der Zwischenzeit spielerisch.


Kaviar Gauche © Trevor Good für Stil in Berlin

Es sei die Perversion oder Zweideutigkeit von Objekten. Hässliche und neue Sachen, glaubt meine Begleitung, seien faszinierend. In der Nobeldisko Tausend hat das Zeit Magazin zur Feier ihrer Fashion Issue überall „Protest“ und „Fuck“ an die Wände plakatiert. Der Schauspieler Lars Eidinger spielt Rage against the Machine und sowas, dazu recken radikal schöne Menschen euphorisch, siegessicher, gleichzeitig absolut in diesem Moment und nostalgisch an ihre Jugend denkend die Faust ihm entgegen. Ist Wahrheit eine gesellschaftliche Konvention? Beim Townhouse-Abend in der Galerie NBK schlagen sich die Themen selber vor: der Todesstreifen ist heute ein Radweg mit Einbuchtungen. Die Anwesenden sprechen aus einer Welt heraus, in der Diskurskontinuum mit Disko abgekürzt wird, im Hintergrund läuft ein Video von Christoph Schlingensief, in dem ein Behinderter ein T-Shirt der Antifa und eine schwarze Wollmütze mit dem Schriftzug Terror trägt. Im Hotel de Rome trinke ich einen Cocktail der Wodkamarke Belvedere und denke nichts. Im Adlon sieht man unschöne Green Fashion und eine schöne Chloë Sevigny im Pelzmantel. Draußen randalieren einige Jugendliche melancholisch in Zerava top to toe outfits, während neben ihnen die neuen, von Kopf bis Fuß in Denim gehüllten Modelle Bugaboo Cameleon und Bugaboo vorgeführt werden. Die Trendkosmetikmarke Uslu Airlines hat dazu den weltweit ersten Nagellack im Raw-Denim Look kreiert. The Truth wears off.


Vladimir Karaleev © Mary Scherpe

Das junge Berliner Label Perret Schaad zeigt einerseits fantastische Jil-Sander Interpretationen mit Neon-Hosen, dann aber wieder höchstlangweilige Kleider, die Cos viel billiger herstellt. Vladimir Karaleev dagegen erinnert an 1981, als Rei Kawakubo zum ersten Mal ihre Comme des Garçons Kollektion in Paris zeigte und aus ärmlicher, zerfetzter Kleidung eine absolut schlagende Eleganz entwickelte. Ein ganzes Zelt zollt ihm frenetisch Beifall, weil er die Hoffnungen Berliner Designs aus den Fängen der Harmlosigkeit befreit. Bei der Skate-Messe Bright hat der Energydrink-Marke Relentless ihr Iso-Getränk mit warmer Orange und Zimt zu einem Energy-Tee-Punsch ohne Alkohol gemixt. Man muss Widersprüche aushalten. Mit Mount Kimbies Maybes im Ohr träume ich derweil von einer Porzellan-Teetasse von Nymphenburg. Statt dessen kaufe ich mir eine, an den kargen Bauhaus-Stil erinnernde Tasse der Hausfrauenmarke Kahla bei Galeria Kaufhof. Zuhause mache ich mir einen Fürchtetee. Mit einer unmerklichen Bewegung zum Mund geführt, gibt das Produkt den Tee frei: Genießen. Die Finger der rechten Hand umschließen sachte den Henkel, die Tasse darf dabei in der linken hohlen Hand – fast schwebend – ruhen.



Nymphenburg Design

Ich fühle mich nur ein bisschen sneakerized aber ganz schön gegated. Hart, zynisch, analphabetisch, erinnerungslos, sinnlos rotierend, als hätte man die Perspektive aufgeraut, den Fluchtpunkt und, Quatsch, denke ich, die Mädchen von dem FashionBlog Les Mads zum Beispiel sind jawohl immer supernett. Ihr im Cabinet in den Galeries Lafayette vorgestelltes Buch “Modestrecke” gilt als der erste Bildungsroman der Mode. Wir beschließen: Es macht sich heute wieder besser, au jour auszusehen als authentisch. „Papa, komm mal, wisch mal die Kacke weg.“

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