Man isst Kleidung nicht, richtig?

Auf der ganzen Welt gibt es kaum jemanden, der sich mit Mode besser auskennt als Valerie Steele. Sie ist Direktorin und Chefkuratorin des Fashion Institute of Technology (FIT) in New York, das gleichzeitig Modemuseum und Universität ist. Vor 15 Jahren gründete sie die Zeitschrift Fashion Theory, die Washington Post bezeichnet sie als “fashion’s brainiest women”. Wir treffen Steele in ihrem Büro in der “Fashion Street”, wie ein Teil der 7th Avenue tatsächlich heißt, und reden über nackte Nazis, den Turnschuh als SUV des Bürgersteigs und eine neue, angsteinflößende Spezies im mittleren Westen der USA. Wenn sie einen Witz macht, lacht Frau Steele ziemlich laut und ziemlich dreckig.

Debug: Würden Sie von sich behaupten, dass Sie Geschmack haben?

Valerie Steele: Ich bin nicht unbedingt interessiert an dieser Kategorie. Sicher ist Geschmack eine von vielen determinierenden Faktoren der Entwicklung verschiedener Moden. Natürlich betrachten wir uns alle ob unserer Geschmäcker und natürlich sind diese auch, wie Pierre Bourdieu meinte, an verschiedene Klassen gebunden. Aber gelegentlich kommt so jemand wie Jean Paul Gaultier daher und bringt diese Kategorien durcheinander, indem er mit voller Absicht den “schlechten” Geschmack oder auch den Geschmack der Mittelklasse salonfähig macht. Wenn Designer sich ausschließlich mit der Herausbildung eines guten Geschmacks auseinandersetzen, wird es oft prätentiös und schnell langweilig.

Debug: Ist es richtig, dass Sie über Ihren eigenen Geschmack hier nicht sprechen möchten?

Steele: Also, ich würde nicht sagen, dass ich schlechten Geschmack habe, aber auch nicht unbedingt einen außergewöhnlichen, exquisiten. Ich bin eher interessiert an Kreativität oder Originalität als an Geschmack per se. Man würde ja auch nicht über ein Bild sagen: Oh, dieser Maler hatte aber einen wirklich herausragenden Geschmack.

Debug: Kann man Eleganz lernen?

Steele: Ich denke ja. Man ist ja wohl kaum mit einem Eleganz-Gen geboren. Ich bin nicht sicher, ob es als Erwachsener noch möglich ist. Vermutlich muss man es von klein auf lernen, sonst wird es schwierig. Kommt natürlich sowieso darauf an wie Sie Eleganz definieren. Als Historikerin interessiert mich dabei vor allem, wie Menschen in vergangenen Zeiten ihre Definition von Eleganz vorgenommen haben. Im 20. Jahrhundert zum Beispiel hat sich die Eleganz vor allem durch eine starke gesellschaftliche Ablehnung ausgezeichnet. Ornamentierung war verpönt, gepflegt wurde statt dessen der Minimalismus.

Debug: Vermitteln Sie an der Modeschule eine bestimmte Form der Eleganz?

Steele: Mir ist kein dezidiertes Eleganzprinzip bekannt, dass an Designschulen gelehrt würde. Aufgefallen ist mir allerdings, dass eine ganze Menge Studenten sich durch einen desolat schlechten Geschmack hervortun.

Debug: Gibt es, auch mit Blick auf die Studenten, einen Grund traurig zu sein, dass es heute keine Dresscodes mehr gibt?

Steele: Ein Grund könnte sein, dass man sich in den Straßen umschaut und alle sehen recht hässlich aus. Aber dann sollten Sie Ihre Prozac-Dosis erhöhen, denn das ist einfach so wie es ist.

Debug: Die Mode gilt als oberflächlich. Warum ist das so?

Steele: Die einfachste Antwort ist sicher, weil es sich um die äußere Hülle handelt, die man um seinen Körper legt. Man isst Kleidung nicht, richtig? Sie geht nicht unter die Haut.

Debug: Das Thema Ernährung nehme ich aber auch nicht als besonders intellektuell wahr.

Steele: Essen gilt als essentiell. Um zu leben, muss man essen. Und das ist natürlich richtig, aber: Genauso wie Raw Food gibt es eine Haute Cuisine und die ist wie Mode eine extreme künstlerische Komponente der Zivilisation. Über die Mode wird nicht nur gesagt, sie sei oberflächlich, sondern auch konformistisch, konsumistisch und bourgeoise. Das hat tiefe Wurzeln: Innerhalb grundlegender westlich-religiöser Traditionslinien ist es verbürgt, dass sein wahres Selbst irgendwo in einem drin sitzt. Und die Außenhülle, der Körper, ist nur die hässliche Schale, ohne die man eigentlich besser dran wäre. Aber du kannst nicht ohne, bis du stirbst und zur Hölle fährst. Diesen Körper also zu dekorieren bedeutet, ganz offensichtlich auf dem falschen Weg zu sein. Es kleidet einen in diesem Sinne, die Hülle so einfach wie möglich zu halten. Frei von Schmuck, günstig, bescheiden und schlicht, denn sie drückt die Sittlichkeit aus. Der Körper gilt, etwa im Protestantismus, als Spiegel deiner Seele. Es existiert also bereits in vielen Religionen ein starker moralischer Trend gegen die Mode.

Debug: Im Katholizismus wird allerdings aktuell über die Prada-Vorlieben des Papstes diskutiert.

Steele: Anders als der Protestantismus hatte es im katholischen Glaube stets ein stärkeres Interesse an Verkleidung. Anstatt der Idee des Spiegels des Selbst in der Hülle gibt es in vielen katholischen Ländern einen Hang zur “Bella Figura”, also einen guten Eindruck zu machen. Mode wird in dieser Form auch zur Maske, um schöner, jünger, reicher und origineller als andere Leute zu scheinen.

Debug: Adorno schrieb in seiner “Ästhetischen Theorie”, dass große Künstler seit Baudelaire mit der Mode “im Komplott” gewesen seien. Haben Sie eine Ahnung was er meinte? 

Steele: Ich habe Adorno leider nie verstanden. Und es kann wirklich nur ein deutscher Journalist so etwas fragen. Also: Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Lassen Sie uns über Walter Benjamin sprechen, aber bitte nicht über Adorno.

Debug: Gibt es eigentlich ein H&M- oder Zara-Kleid in Ihrer Sammlung?

Steele: Nein. Wir mögen einfache, alltägliche Kleidung. Allerdings fühlen wir als Museum uns eher hingezogen zu Street- und Subkultur-Styles. Wir besitzen eine Levis 501 und eine Calvin Klein Jeans in der Kollektion, oder 1969 von Hippies handgefärbte Stoffe. Die von Ihnen angesprochenen Massenketten kopieren ja nur, entweder aus der High Fashion oder vom Streetstyle. Es handelt sich im Grunde nie um Originale.

Debug: Aber genau diese konzeptionelle Form des Copy and Paste als Konzept macht die Kleider doch historisch interessant, oder? Davon abgesehen, dass sie für das Modeverständnis und die anschließende Ökonomie der letzten 20 Jahre maßgeblich sind.

Steele: Wir sind aber kein Kunstmuseum. Wir sagen auch nicht, dass Haute Couture eine Form von Kunst ist – weil es Unsinn ist. Wir müssen das nicht behaupten. Einiges in der Haute Couture ist toll, einiges in der Prêt-à-porter-Mode, einiges in der Allerweltskleidung und auch vieles aus der Popkultur. Aber worauf wir achten, sind einflussreiche Stücke, die die Mode vorangetrieben und soziokulturelle Geschichte geschrieben haben.

Debug: Können Kleider politisch sein?

Steele: Ja natürlich. Ich denke jede Form von sozialem, gesellschaftlichem Ausdruck hat eine politische Komponente.

Debug: Es sind drei Gesichtspunkte, die unseren Diskurs über die Mode bestimmen: Die Entgegensetzung von Sein und eitlem Schein, die Trennung der Geschlechter und – damit verbunden – die Trennung der Klassen. Während nun in der Mode diese Grenzen überwunden sind, sind sie in der Restwelt noch immer sehr akut. Ist die Mode hier zu weit gegangen?

Steele: Sie sind auch in der Mode noch sehr präsent. Wir beide hier könnten zwar dasselbe Paar Blue Jeans und dasselbe Paar Sneaker tragen, wenn Sie sich aber umschauen, sind die große Massen an Menschen entweder als Mann oder als Frau angezogen. Laufen Sie doch morgen einmal mit einem Kleid durch die Stadt.

Debug: Das Kleid ist sicher eine letzte Grenze, die es noch zu überwinden gilt. Wenn man sich allerdings – speziell hier in den USA – ins Inland zurückzieht, die Kleinstadt, das Grenzland …

Steele: … dann trifft man Massen von Menschen, die eine, wenn Sie so möchten, “Globale Mode” tragen. Die finden Sie auch in Afrika und Asien, nicht nur im Westen: Blue Jeans, T-Shirt, Parkas, Sneakers. Und es ist natürlich wahr, dass die meisten Menschen das tragen. Nichtsdestotrotz sind sie auch dabei als Männer oder Frauen gekennzeichnet. Entweder durch die Farbe, den Schnitt oder gewisse Accessoires. Spätestens im totalen Ensemble wird das einzelne Teil durchgegendert und darüber hinaus differenziert sich auch heute noch seine Klassenzugehörigkeit dadurch. Mal subtiler, mal weniger.

Debug: Ich bin nicht überzeugt.

Steele: Ich geben Ihnen ein Beispiel: Auf der Straße tragen sehr viele Frauen Louis-Vuitton-Taschen, als Statussymbol. Sehr viele davon sind Fake. Ob sie echt sind oder nicht, erkennt man allerdings weniger an der Tasche als an dem Menschen, der sie trägt: “Wenn du dir keine teureren Schuhe als diese da leisten kannst, trägst du auch keinen echten LV-Bag.” So einfach ist das. Wir können klar unterscheiden und auseinanderhalten. Bis heute. Die Markierungen sind da, weniger offensichtlich sicherlich, aber immer noch konstitutiv. Auch zu Zeiten rigiderer Kleiderordnungen und Luxusgesetze haben Menschen diese verletzt. Reiche Bürger trugen die Kleider, die eigentlich der Aristokratie vorbehalten war. Jedes Outfit hat das Potential einer Maske – es ist ja nahezu unmöglich, Kleider zu finden, die dich selbst perfekt ausdrücken. Kleider individualisieren. Die Nazis wussten das, als sie der Nacktheit und dieser Form des Körperkult huldigten. In der Masse der nackten, turnenden Nazis, ohne alle Referenzen an ein selbst, war man niemand.

Debug: Gibt es denn kein Entrinnen?

Steele: Nein. Selbst in Kulturen, in denen die Menschen hauptsächlich nackt sind, ist die Zivilisation selbstverständlich auf den Körper geschrieben. Die Sozialisation und Individuation ist nur nicht so offensichtlich zu verstehen, von Menschen die sie nicht gewohnt sind. Als ich in Borneo in einem Longhouse lebte, trugen die dortigen Menschen Tattoos, aus denen man recht klar lesen konnte, welche gesellschaftliche Stellung diese innehatten.

Debug: Denkt man nun an den durchschnittlichen US-Amerikaner, denkt man an einen dicken Menschen, der keine differenzierte Form mehr aufweist. Ein von falscher Ernährung demoliertes Körperbild, in dem Frauen und Männer nicht mehr unterscheidbar sind und daher auch bestimmte Kommunikations-Codes verschwinden.

Steele: Zudem tragen sie Kleidung für Kinder. Sie sehen aus wie freakige kleine Kinder. Draußen im mittleren Westen ist es verrückter als in Borneo, das ist sicher wahr. Es ist wie in eine andere Species: “Dick, dicker, oh mein Gott, es kommt in meine Richtung!”

Debug: In New York trägt statt dessen jedermann total advancte Running Schuhe. Eine Art SUV des Bordsteins. Das sieht ziemlich spitze aus, aber natürlich auch völlig überambitioniert. Warum tragen wir solche Schuhe, obwohl wir nur kurze Wegstrecken in relativ langsamen Tempo zurücklegen?

Steele: Ich kann High Heels lesen, in Turnschuhen bin ich ziemlich schlecht. Aber natürlich geht es dabei nicht darum, ein adäquates Kleidungsstück für den Gang durch die Stadt zu erstehen, sondern, bestimmte Coolness-Parameter zu erfüllen. Es geht darum, so zu tun, so auszusehen, als seien wir vorbereitet. Stiefel haben ja oft denselben Fokus: militärisch, wild, hart. Niemand fährt gerne ein schwächliches Auto.

Debug: Außer Europäer.

Steele: Man muss allerdings sagen, dass viele Innovationen der Mode aus der Sportswear kamen. Neben der US-Armee investiert der Sportbereich mehr als alle anderen in die Entwicklung neuer Textilien und High-Tech-Kleidung wie Performance-Schuhe. Es geht dabei allerdings um Schutz vor Wind, Wasser und Kälte. Fashion kommt gelegentlich daher und entbindet einige dieser Dinge ihrer Funktion, denn viele sehen einfach super aus. Aber bereits im Bronzezeitalter hatten die Leute Woll-Capes und besondere Stricktechniken, die den Regen abhielten. Heute hat man Schwierigkeiten neben der Schönheit und der Status- und Geschlechtsbezeichnung noch an das andere wesentliche Element von Bekleidung zu erinnern: Auch Schutz gehörte von Beginn an dazu.

Debug: Und was war das letzte Ding, das wirklich wichtig war? Gab es nach Comme des Garcons, bzw. der japanischen Dekonstruktion und ihrer Revolution in Paris Anfang der 80er Jahre noch etwas von großem Belang?

Steele: Eine große Frage ist sicher, warum heutzutage alle diese komische, alte, britische Traditionsmode Burberry tragen? Ich denke wirklich, dass Hussein Chalayan und seine Techno-Kleider wie etwa der Airplane-Dress einen großen Eindruck gemacht haben. Später wird man sicherlich zurückschauen und sehen: Er war der erste der das tat.

Autor: Timo Feldhaus
Bilder: Adrian Crispin

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